Kreis Gießen

Laienpredigerin: »Ich halte nichts davon, mit Partys auf Menschenfang zu gehen«

Amrei Magdanz ist Laienpredigerin in Krofdorf-Gleiberg. Sie hat Ideen, wie man dem anhaltenden Mitgliederschwund der Kirche begegnen könnte.
18. Dezember 2018, 10:00 Uhr
Rüdiger Soßdorf
Amrei Magdanz im wöchentlichen Konfi-Unterricht.	(Foto: esi)
Amrei Magdanz im wöchentlichen Konfi-Unterricht. (Foto: esi)

Frau Magdanz, die Kirchen verlieren nach wie vor Mitglieder und damit an Gewicht in der Gesellschaft. Wo sehen Sie Ansatzpunkte, um dem entgegenzuwirken?

Amrei Magdanz: »Entgegenwirken« halte ich hier für das falsche Wort. Es würde irgendwie heißen, man muss etwas anders machen. Ich halte nichts davon, mit Events und Partys und irgendwelchen neuen Ideen und Aktionen auf Menschenfang zu gehen. Wichtiger ist die Kontinuität, die Verlässlichkeit. Dass Kirche da ist. Auch wenn nicht mehr ganz so viele das Angebot nutzen. Da gibt es eben ein Auf und ein Ab. Und wenn ich nur irgendwo einen Menschen erreiche, dann ist es gut. Das heißt nicht, dass wir nicht mit der Zeit gehen sollten. Methodisch wie inhaltlich. Wir nutzen sehr wohl neue Medien und beschäftigen uns mit aktuellen Themen. Meine aktuelle Idee: Ein Handy-Nachmittag. Für Jugendliche und Senioren. Da sind die jungen Leute ganz weit vorne. Sie sind die »digital natives«. Ich würde mir wünschen, dass sie den Älteren, den »digital immigrants«, Instagram erklären.

Wie geht das zusammen mit den doch recht ritualisierten Gottesdiensten? Die öden die Kinder und Jugendlichen doch eher an, oder?

Magdanz: Ich glaube, ein Gottesdienst ist auch eine Stunde, um runterzukommen. Zu Entschleunigen. Und über sich nachzudenken und zu fragen: Was sagt denn Gott dazu? Aber das kommt vielleicht wirklich erst später. In meiner Konfi-Zeit fand ich Gottesdienst auch wirklich anstrengend. Es ist vielleicht eine Frage des Alters. Vergessen Sie bitte nicht: Feste Liturgien geben auch Sicherheit. Es sind Rituale, die tragen, in die man sich fallen lassen kann. Aber es stimmt schon: Man muss es nicht mit einer eher antiquierten Sprache künstlich erschweren. Das ist für junge Leute teils schon schwer verständlich.

Als Christin habe ich die Verpflichtung, etwas zu Missständen zu sagen

Amrei Magdanz

Ist es nur die Frage der Form? Oder auch der Inhalte? Muss Kirche vielleicht politischer werden?

Magdanz: Politik von der Kanzel herunter? Das ist eigentlich fast nicht zu vermeiden. In dem Moment, wo ich meine christlichen Werte lebe, möchte ich auch für sie einstehen. Als Christin habe ich die Verpflichtung, etwas zu Missständen zu sagen.

Können Sie das bitte konkreter machen?

Magdanz: Jeder Christ, der ein politischer Mensch ist, der müsste eigentlich ganz laut sein. Doch das kann nicht jeder. Wenn wir auf die christliche Werte hinweisen, dann müsste jeder Mensch eigentlich von alleine darauf kommen, was geht und was nicht. Das kann auf sehr vielen Feldern geschehen. Ich engagiere mich beispielsweise sehr in Fragen des Naturschutzes. Auch das gehört dazu, also das Bewahren der Schöpfung.

Wir dürfen nicht versuchen, es jedem Recht zu machen. Das würde beliebig werden

Amrei Magdanz

Also doch mehr Politik in der Kirche? Oder mehr Kirche in der Politik?

Magdanz: Ich bin sicher, Christen können sehr gute Politiker sein. Aber Politik bedeutet auch immer wieder, Kompromisse einzugehen. Das geht für Christenmenschen nicht immer. Etwa, wenn es um die Frage von Gerechtigkeit geht. Da dürfen wir nichts weichspülen, dürfen nicht versuchen, es für jeden Recht zu machen. Das würde beliebig werden.

Sie sind als Laienpredigerin ehrenamtlich tätig. Wie kamen Sie eigentlich dazu, gab es eine familiäre »Vorbelastung«?

Magdanz: Vorgezeichnet war der Weg in die kirchliche Arbeit auf keinen Fall, auch wenn mein Vater Pfarrer war und meine Mutter eine Pfarrerstochter. Drei ihrer Geschwister sind übrigens auch Pastoren geworden. Aber nach dem Konfi-Unterricht habe ich mit Kirche nicht mehr viel gemacht. Das war einfach nicht mehr dran.

Und wo ist dann da die Verbindung zur Kirche? Sie sind gelernte Kunsthistorikerin, waren in die Museumsarbeit tätig.

Magdanz: Studiert habe ich Kunstgeschichte, und zwar in Gießen und Marburg. Den Abschluss habe ich dann in Kiel gemacht. Erst da habe ich wieder angefangen, hin und wieder in einen Gottesdienst zu gehen. Ich habe den Glauben dann aber auch nicht so sehr nach außen gelebt, sondern eher nur für mich. Im Gegensatz zu meiner kleinen Schwester habe ich damals nie daran gedacht, Theologie zu studieren. Das kam viel später. Nach dem Kunstgeschichtsstudium habe ich in einem Auktionshaus gearbeitet und dann ein Jahr in einer Galerie.

Wo?

Magdanz: In Gießen. In der Galerie von Reinhard Rätzel in der Grünberger Straße. Danach bin ich für zwei Jahre ins Dommuseum in Mainz gegangen – da ging es eher um Kunst. Da durfte ich eine Ausstellung machen: 100 Jahr HAP Grieshaber. Im Museum ging es mehr um Kunst-Inhalte und deren Vermittlung. Da habe ich gemerkt: Kunst ist toll, ist inspirierend, kann Impulse geben – aber mir hat was gefehlt.

Was hat gefehlt?

Magdanz: In der Kunst von Grieshaber habe ich gemerkt: Es war die Religion, die mir fehlte. Deshalb habe ich nochmals studiert. Kunstpädagogik und evangelische Theologie, in Gießen. Ich hätte nie mit Theologie anfangen können. Es war für mich auf diese Weise ein notwendiger Weg dorthin. Wie ein Bogen. Vom Ursprung weg – und dann wieder dorthin zurück. Das war für mich der richtige Weg. Danach habe ich mich deutschlandweit beworben – und es war Zufall, dass ich 2013 nach Krofdorf-Gleiberg gekommen bin, als Kinder- und Jugendreferentin in evangelischen Kirchengemeinde.

Was hat Sie denn motiviert, jetzt als Prädikantin in der Gemeinde zu wirken?

Magdanz: Ich hatte schon kurzzeitig überlegt, eine Pfarrstelle anzustreben. Aber mir liegt das Bürokratische nicht so sehr. Als Pfarrer machst du alles. Von den Gottesdiensten bis zu den Gemeinde-Finanzen. Theologie ist einfach spannend, die Verwaltung weniger. Wissen Sie: Jede Predigt ist ein Aufsatz, eine fertige Arbeit. Das ist kreatives Tun. Das ist auch für mich bereichernd. Und so war ein Nein zur Pfarrstelle ein Ja zur Jugendarbeit.

Info

Wie wird man Prädikant?

In der Evangelischen Kirche in Deutschland ist jede Landeskirche für die Regelungen des Prädikantendienstes selbst verantwortlich, insofern gibt es einige Unterschiede. Die Ausbildung dauert ein bis zwei Jahre. Sie umfasst neben anderem Theologie und Homiletik, also Predigtlehre. Während der Ausbildung hat der Prädikant einen Mentor; beispielsweise einen Gemeindepfarrer. Prädikanten in der Rheinischen Kirche haben weitreichende Kompetenzen. Sie erwerben die Befähigung zu taufen, zu bestatten und das Abendmahl zu reichen. Die Ev. Kirche im Rheinland, zu der die Gemeinde Krofdorf-Gleiberg gehört, ist sehr offen für die Arbeit der Laienprediger. Prädikanten sind allerdings keine Pfarrstellenvertretung. »Ich predige auf Anfrage einer Gemeinde und mit Beauftragung durch einen Pfarrer«, sagt Magdanz. Sie sieht das als »großes Plus für eine Gemeinde«. Da es eine Bandbreite an Personen schaffe, die predigen und die Gottesdienste prägen. (so)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Laienpredigerin-Ich-halte-nichts-davon-mit-Partys-auf-Menschenfang-zu-gehen;art457,530227

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