24. Januar 2017, 18:30 Uhr

Obdachlose

Kommunen, Kirchen und Verbände helfen Wohnsitzlosen

Warum ist ein Obdachloser in Großen-Buseck nahe der Kirche erfroren? Hätte es dazu kommen müssen? Wir haben nachgefragt.
24. Januar 2017, 18:30 Uhr
Gerade in der kalten Jahreszeit kann das Leben auf der Straße für Obdachlose lebensgefährlich sein. (Foto: dpa)

Sie fanden ihn in der Nähe der Kirche, nahe der Wieseck. Als am vergangenen Montagmorgen Polizei und Notarzt nach Großen-Buseck in die Kirchstraße gerufen wurden, konnten sie nur noch den Tod des 53-Jährigen feststellen. Der Obdachlose ist vermutlich erfroren. Am 16. Januar betrug die Höchsttemperatur -1, die Tiefsttemperatur -7 Grad. Bei so einem Wetter, bei so einer Kälte können Menschen sterben. Nur: Dazu hätte es nicht kommen müssen.

400 000 Menschen waren laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe im vergangenen Jahr in Deutschland ohne Wohnsitz. Davon lebten 40 000 Menschen auf der Straße, schätzt der Verband. Wie viele Menschen in Gießen auf der Straße leben und keinen Platz in einem Heim in Anspruch nehmen, ist nicht so einfach zu klären. Die Zahlen variieren zwischen fünf und 40.

Städte und Gemeinden sind dazu verpflichtet, bei drohender Obdachlosigkeit einzuschreiten. Angesiedelt ist diese Aufgabe bei den Ordnungsämtern. Früher gab es in den Kommunen Sozialwohnungen, in denen Wohnungslose vorübergehend untergebracht wurden. Ob sie jetzt aus finanziellen Gründen obdachlos wurden oder nach einem Unglück, spielt keine Rolle. Vielerorts wurden die Wohnungen aber verkauft. Sei es aus finanziellen Gründen – oder weil sie kaum noch oder gar nicht mehr genutzt wurden.

 

Kälte wird zur Gefahr

 

Obdachlosigkeit ist eher ein Problem in größeren Städten. Fragt man in den Rathäusern im Landkreis nach, ist von Einzelfällen die Rede. Die liegen oftmals viele Jahre zurück. Der Obdachlose, der in Buseck erfroren ist, war ein sogenannter Durchwanderer. Er habe sich etwa sieben bis maximal zehn Tage in der Gemeinde aufgehalten, sagt Bürgermeister Dirk Haas. Der 53-Jährige sei mehrfach angesprochen worden von einem Voraushelfer. Das ist eine spezielle Einheit unter dem Dach der Feuerwehr, die jede Art von Nothilfe vor Ort leistet. »Der Mann hat aber jede Hilfe abgelehnt«, sagt Haas. Wer nicht will, kann nicht gezwungen werden – solange er keinen verwirrten oder hilflosen Eindruck macht.

Konfrontiert werden Kommunen mit dem Problem der drohenden Obdachlosigkeit zum Beispiel nach einem Feuer. Für einen solchen Fall stehen in Buseck Notbetten bei der Feuerwehr zu Verfügung. Wesentlich häufiger sind solche Fälle bei Zwangsräumungen von Wohnungen. Weil eine Familie zum Beispiel über einen längeren Zeitraum keine Miete gezahlt hat. Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller sagt, in neun von zehn Fällen fänden die Betroffenen auf eigene Faust eine neue Bleibe.

»Aber beim zehnten Fall müssen wir als Stadt eingreifen.« Dem Ordnungsamt wird in so einem Fall gemeldet, dass eine Obdachlosigkeit droht. Untergebracht werden die Menschen von und auf Kosten der Stadt beispielsweise in einer Pension oder in einem Hotel – bis eine neue Wohnung gefunden wird. Außerdem können die Kommunen immer auf das Netzwerk von Arbeiterwohlfahrt, Diakonischem Werk und zwei Vereinen zurückgreifen, das in Gießen Betreuungs- und Wohnangebote für Obdachlose vorhält.

Auch andere Institutionen helfen, wenn Obdachlose ein Dach über dem Kopf brauchen. Kirchen zum Beispiel stellen ab und an Räume zu Verfügung. An so einen Fall erinnert sich Dekan Hans-Theo Daum in Lollar. Er macht aber auch auf die Grenzen der Hilfe aufmerksam. Denn alleine von der Infrastruktur her sei beispielsweise ein Gemeindehaus kein Ort, an dem Menschen über einen längeren Zeitraum leben könnten. So seien die sanitären Anlagen nicht ausreichend. Die Kirche vermittelt Obdachlose dann in die Gießener Einrichtungen.

 

Bezahlbarer Wohnraum fehlt

 

Nur: Nicht jeder will in den Wohnheimen unterkommen. Einige haben Angst, bestohlen zu werden. Andere, sagt Busecks Bürgermeister Haas, schrecke vor allem das Verbot von Alkohol und Haustieren in den Heimen ab. Holger Claes vom Diakonischen Werk in Gießen ergänzt, dass gerade die Menschen mit Suchtproblemen in der kalten Jahreszeit gefährdet seien – weil sie nicht mehr mitbekommen wie kalt es eigentlich ist und dann erfrieren. Staufenbergs Bürgermeister Gefeller sieht das größte Problem beim fehlenden bezahlbaren Wohnraum. »Wenn wir das anpacken, wird es weniger Obdachlosigkeit geben«, sagt er. Diese sei »das Resultat des Versagens unserer Gesellschaft und das Ende eines traurigen Prozesses«.

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