30. Januar 2018, 05:00 Uhr

Kanalhaie

Kanalhaie auf dem Trockenen

Wieder stehen Mitarbeiter einer Heuchelheimer Firma für Rohrreinigungen vor Gericht. Ihre wegen Betrugs angeklagten Chefs warten noch auf ihren Prozess. Doch es gibt bereits Konsequenzen.
30. Januar 2018, 05:00 Uhr
Ein Prozess vor dem Gießener Landgericht soll Licht ins Dunkel der Machenschaften eines Heuchelheimer Kanalreinigungsunternehmens bringen. (Symbolfoto: dpa)

In diesem Fall ist die Doppeldeutigkeit durchaus gewollt. Geld stinkt nicht, heißt es so schön. Doch das Geschäftsgebaren einer Kanalreinigungsfirma aus Heuchelheim tut es sehr wohl. Etliche ihrer Angestellten haben fast im gesamten Bundesgebiet nicht erbrachte Leistungen abgerechnet und Kunden geprellt. Und auch miteinander sind die Monteure nicht sonderlich zimperlich umgegangen. Drei von ihnen stehen deshalb momentan vor dem Gießener Landgericht, das Urteil wird heute erwartet. Angeklagt sind sie wegen Raubes. Sie haben ihre Kollegen überfallen und ihnen die Einnahmen abgenommen. Als Grund gaben die Beschuldigten an, von ihren Chefs ziemlich mies behandelt worden zu sein. Das kassierte Geld, das sie nach Heuchelheim zurückbrachten, habe nie gereicht. Der Überfall auf die Kollegen war ihren Worten zufolge eine Racheaktion.

Es ist nur einer von etlichen Fällen, aber er zeigt sehr anschaulich, mit welchen Methoden dieses Unternehmen agierte: Druck, Angst und Einschüchterung. Die Geschäftsführer setzten die Hebel bei ihren Mitarbeitern an, die wiederum bei den Kunden. 150 Anzeigen aus fast ganz Deutschland sind gegen das Unternehmen bei der Polizei eingegangen. Die Gießener Staatsanwaltschaft kann nicht alle krummen Geschäfte nachweisen, aber es reicht für 45 Anklagepunkte, von denen zwei als Versuch gewertet werden. Gewerbsmäßigen Bandenbetrug wirft die Behörde den Geschäftsführern aus Heuchelheim – vier Geschwistern – vor. Den drei Brüdern und einer Schwester im Alter von 30 bis 39 Jahren drohen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft.

Auch wenn frühere Mitarbeiter der Firma vor Gericht nicht viel sagen möchten – dass ihre Chefs »sehr starken Druck ausgeübt« hätten, betonen alle. Ein 21-jähriger Monteur schilderte vor dem Amtsgericht eine beklemmende Situation: Demnach mussten alle Angestellten überhöhte Rechnungen stellen und bar abkassieren. Hatten die Kunden nicht so viel Geld zu Hause, musste eine Unterschrift von ihnen ergattert werden, damit die Geschäftsführer den Betrag einklagen konnten. Ohne Unterschrift wurden die Rechnungsbeträge »eins zu eins vom Lohn abgezogen«.

Der Schaden, der Bürgern zwischen Juni 2014 und Oktober 2016 durch diese Betrügereien entstanden sein soll, beträgt knapp 50 000 Euro, sagt Rouven Spieler, stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Gießen. Die Gauner trieben nicht nur in Hessen ihr Unwesen, sondern auch in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Sachsen betroffen. Laut Spieler hat die Firma mit kostenlosen Anfahrten geworben. Mit Blick auf den enorm großen Radius ihrer Tätigkeit ließ sich auf der Basis ehrlicher Arbeit jedoch kein Profit erwirtschaften, sagt der Staatsanwalt: »Dieses Geschäftsmodell rechnet sich nicht mit fairen Preisen.«



Rund 80 Mitarbeiter sind nach Spielers Ermittlungen zuletzt bei der Heuchelheimer Firma beschäftigt gewesen. »Es gab dort eine sehr hohe Fluktuation.« Spieler wirft ihnen vor, die Kunden über ihre Arbeiten vor Ort getäuscht zu haben, um »möglichst hohe Rechnungssummen kassieren zu können«. Wenn diese sich jedoch weigerten, zu zahlen, wurden sie von den Angestellten teilweise massiv beschimpft und eingeschüchtert. Manchmal kam es sogar zu Handgreiflichkeiten. Einzelne Monteure wurden deshalb bereits in Strafverfahren verurteilt. Den vier Geschäftsführern können diese tätlichen Übergriffe jedoch nicht angelastet werden. Es sei nicht anzunehmen, dass sie die Monteure tatsächlich dazu angewiesen haben, betont der Staatsanwalt.

Trotzdem musste sich einer aus dem Führungsquartett bereits wegen einer Gewalttat vor Gericht verantworten. Der Mann war 2016 zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden, weil er in Heuchelheim mit einem Lieferwagen auf ein Sat.1-Kamerateam zugerast war und die TV-Journalisten danach mit einem Stock attackierte. Grund für die Wut des 36-Jährigen soll ein Beitrag der Sat.1-Reihe »Akte« gewesen sein, in dem gegenüber dem Heuchelheimer Betrieb der Vorwurf der »Abzocke« erhoben wurde.

Der Prozess gegen alle beschuldigten Geschäftsführer aber hat immer noch nicht begonnen, obwohl bereits im Dezember 2016 Anklage gegen sie erhoben wurde. Mit Terminschwierigkeiten begründet Heiko Söhnel, Vorsitzender Richter der Siebten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts, das Prozedere. Seine Kammer müsse zunächst noch Haftsachen abarbeiten. Den im Heuchelheimer Fall von der Staatsanwaltschaft beantragten und vom Haftrichter zunächst genehmigten Untersuchungshaftbefehl setzte Söhnel außer Vollzug. Die Fluchtgefahr der mutmaßlichen Täter schätzt er als nicht so hoch ein, die Angeklagten haben vor Ort Familie. Außerdem sind teils fünf- oder sogar sechsstellige Kautionssummen hinterlegt worden, und sie müssen sich zweimal pro Woche bei der Polizei melden.

Fortsetzen können die »Kanalhaie« ihre Geschäfte dennoch nicht mehr. Gegen sie wurde eine Gewerbeuntersagung verhängt, sagt Thorsten Haas, stellvertretender Pressesprecher des Regierungspräsidiums Gießen. Allerdings ist auch hier das letzte Wort noch nicht gesprochen: Die Firmenbetreiber klagen beim Gießener Verwaltungsgericht gegen diese Entscheidung.

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