23. März 2018, 19:06 Uhr

Jeder dritte Lumdaer ein Wirtschaftsflüchtling

23. März 2018, 19:06 Uhr
Lumda-Ansichten ums Jahr 1900. (Foto: pm)

Sozusagen als Prolog zur 800-Jahr-Feier lädt die Vereinsgemeinschaft Lumda zu einer Vortragsreihe zur Geschichte des Dorfes. Die Verantwortlichen und mit ihnen Referentin Renate Krauß-Pötz durften sich auch beim dritten und vorerst letzten Teil über mehr als 100 Interessierte freuen. Im Fokus diesmal: das »bewegte 19. Jahrhundert«. Dessen Beginn, so Krauß-Pötz eingangs, war geprägt durch die Napoleonischen Kriege. Auch Oberhessen, seit 1806 dem französischen Herrscher unterstellt, hatte bis 1815 unter Waffengängen, Einquartierungen, der Gestellung von Soldaten und Zerstörungen zu leiden.

In der Folge waren es wetterbedingte Ernteausfälle oder Teuerungen, die für Hunger und Krankheiten sorgten. 1855 beschloss so der Landtag eine Kartoffellieferung nach Oberhessen, um die dringendste Not zu lindern. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung an, das Land konnte seine Leute nicht mehr ernähren. Viele verloren auch die Hoffnung in politisch-wirtschaftliche Besserung, wanderten aus. Lumda verlor so von 1830 bis 1850 zwischen 140 und 150 Einwohner – 30 Prozent der Bevölkerung wurden zu Wirtschaftsflüchtlingen.

Zunächst zogen Familien los, die sich eine Schiffspassage in die USA leisten konnten. Es folgten die Armen, die »Paris-Gänger«. Sie arbeiteten als Straßenkehrer, Handwerker, auf dem Bau, viele junge Frauen verdingten sich in Haushalten. Ab den 1870er Jahren sorgten der Abbau von Eisenerz und Bauxit, die Forstwirtschaft und die Steinbrüche für einen Aufschwung. 1896, mit dem Bau des Bahnhofs Lumda, dem Anschluss an die Strecke Grünberg–Gießen, später auch nach Lollar, und dem Bau der Verladestation blühte das Dorf weiter auf. Arbeit fanden die Menschen auch in den wachsenden Industrien in Gießen, Lollar, Mainzlar, auch in Grünberg. Ab 1896 konnten sie sich gewerkschaftlich organisieren, erste Sozialgesetzgebungen verbesserten die Lage.

In Lumda waren damals nun nurmehr 40 Prozent Vollerwerbslandwirte. Bergleute, Handwerker, Beschäftigte im öffentlichen Dienst, auch erste »Gebildete« wie Lehrer oder Förster stellten nun die Mehrheit.

Mit dem entstehenden Wohlstand wurden Häuser neu gebaut (vor allem in der Bahnhofstraße) oder erweitert. 1882 eröffnete ein Tanzsaal, gab es also wieder Anlässe zum Feiern. Überdies investierte die öffentliche Hand: Straßen wurden angelegt, 1902 entstand eine Poststation, im Jahr darauf wurden die ersten Wasserleitungen verlegt.

Erst 1830 waren Groß- und Klein-Lumda zu einem Dorf vereinigt worden. Zehn Jahre später folgte die kirchliche Einigung, 1848 der Bau der neuen Kirche, 1896 der neuen Schule. »Dorffunktionäre« waren damals der Bürgermeister (ernannt), der Gemeinderechner, Polizist, Ortsrichter und ein Mitglied der »Steuerschätzungskommission« des Kreises.

Oberhessens Bauern waren besonders anfällig für den Antisemitismus: Bis zu 36 Prozent gaben in den 1880er und 1890er Jahren bei Wahlen im Kreis Gießen Parteien ihre Stimme, die gegen Juden hetzten. Dabei verbesserte sich die Lage des Bauernstandes, dank des Kunstdüngers, der Einkaufs- und Molkereigenossenschaften, Versicherungen, Bildungseinrichtungen.

»Die Demokratie aber kannte kaum Fortschritte«, schloss Krauß-Pötz. Und erinnerte etwa an das damalige Dreiklassenwahlrecht mit dem Ausschluss der Besitzlosen, das in Deutschland noch bis nach dem Ersten Weltkrieg Bestand hatte.

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