09. April 2019, 10:25 Uhr

Friedhöfe sterben aus

Jeder dritte Friedhof steht auf der Kippe

Immer weniger Menschen lassen sich im Sarg bestatten, die Wahl fällt zunehmend auf Ruhewälder und Streufelder. Experten schätzen: Jeder dritte Friedhof ist nicht zu halten.
09. April 2019, 10:25 Uhr
Stefan_Schaal
Von Stefan Schaal , 1 Kommentar
In Staufenberg gab es im vergangenen Jahr 54 Beerdigungen. Nur zwei davon waren Sargbestattungen. (Symbolfoto: dpa)

Es ist eine schleichende Revolution in aller Stille. Mehr und mehr Menschen lassen sich in Ruhewäldern und auf Streufeldern beisetzen. Und die klassische Sargbestattung nimmt rapide ab – wie auch Zahlen im Kreis Gießen belegen.

Es fehlt an der Erkenntnis, dass es einen Kulturwandel gibt

Daniel Häuser

In Staufenberg beispielsweise gab es im vergangenen Jahr 54 Beerdigungen – nur zwei davon waren allerdings Sargbestattungen. Zunehmend werden Findlings- und Urnenrasengräber bevorzugt. In Lich war vor zehn Jahren etwa jede dritte Beerdigung eine Sargbestattung. Heute ist es nur noch jede sechste. In Pohlheim verläuft die Entwicklung von 31 auf 29 Prozent in dem Zeitraum wesentlich langsamer – auch aufgrund des hohen Anteils der Menschen syrisch-orthodoxen Glaubens. In Gießen derweil sinkt der Anteil der Sargbestattungen seit 2008 deutlich von 30,4 auf inzwischen 21,3 Prozent. »Die Trauerkultur verändert sich«, sagt Daniel Häuser, Bestatter in Pohlheim.

 

Kommunen reagieren mit Memoriam-Gärten

Kommunen im Kreis reagieren. Mit der Vergrößerung der Grünflächen auf den Friedhöfen zum Beispiel. Oder mit Memoriam-Gärten wie aktuell in Staufenberg. Die Entwicklung, dass zunehmend Waldstücke und Wiesen außerhalb von Friedhöfen als letze Ruhestätte gewählt werden, scheint aber schwer aufzuhalten zu sein. »Es hat mit Geld zu tun«, sagt Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller. »Und mit der Pflege.« Verstorbene hätten immer seltener Nachkommen, die sich um das Grab kümmern können.

Die Deutsche Friedhofsgesellschaft schätzt, dass jeder dritte Friedhof in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf der Kippe steht. Häuser, Bestatter in sechster Generation, beobachtet eine weitere Entwicklung: Auch die Form der Trauerfeiern verändere sich. »Meine Oma hat früher ein paar Kerzen ins Auto geworfen, wenn sie als Bestatterin zu einer Beerdigung gefahren ist. Das hat gereicht. Heute sind zwei Mitarbeiter für fünf Stunden bei einer Bestattung beschäftigt.«

 

Erinnerung an »eine der schönsten Trauerfeiern«

Häuser erzählt, man habe kürzlich die Ehefrau eines guten Freundes beigesetzt. »Er hatte eine Phobie vor Friedhöfen.« Die Trauerfeier habe man zuhause organisiert. »Wir haben eine Grillparty gemacht mit einer Diashow, es gab einen kleinen Altar mit Kerzen.« Es sei »eine der schönsten Trauerfeiern« geworden. »Die Leute waren nicht alle in schwarz gekleidet. Wir haben gegessen und getrunken, gelacht und geweint.«

Die Bedeutung von Friedhöfen als Ort des Verweilens für ältere Menschen nehme deutlich ab. »Es hat etwas mit dem Wandel von der analogen in die digitale Welt zu tun«, ist Häuser überzeugt. Bei Friedhofsverwaltungen im Kreis stelle er allerdings noch kein Umdenken fest. »Es fehlt an der Erkenntnis, dass es einen Kulturwandel gibt.« In Pohlheim wurden zum Jahreswechsel die Friedhofsgebühren zum Teil um 30 Prozent angehoben. »Prima«, sagt Häuser. »Vielleicht könnte ihr dann jemanden einstellen, der mit dem Besen rumgeht und die Spinnweben abkehrt. Weil keiner mehr kommt.«

 

Der Traum des Bestatters vom eigenen Friedhof

Ein Sterben von Friedhöfen wird freilich noch nicht in den kommenden Jahren einsetzen. Bei Ruhefristen zwischen 15 und 30 Jahren für Gräber wird es keine schnellen Veränderungen geben. »Sollte eine Kommune einen Friedhof abgeben, würden wir einen kaufen«, sagt Häuser. Der Bestatter träumt von einem eigenen Friedhof, auf dem er individuelle und außergewöhnliche Bestattungen organisieren könnte.

Ob es im Kreis irgendwann dazu kommen könnte, dass eine Kommune einen Friedhof aufgibt – so weit will Bürgermeister Gefeller noch nicht gehen. Er erinnert allerdings daran, dass seine Gemeinde vor rund 20 Jahren Grundstücke an den Staufenberger Friedhöfen gekauft habe, um auf eine Erweiterung vorbereitet zu sein. Er sagt schmunzelnd: »Die brauchen wir nicht mehr.«

Info

Bestattungswünsche nicht ins Testament

Wünsche zur eigenen Bestattung gehören nicht ins Testament. Das Dokument wird in der Regel erst Wochen nach dem Tod eröffnet – und somit meist erst nach der Beerdigung. Wer sichergehen will, dass die eigenen Wünsche berücksichtigt werden, sollte sie schriftlich in einer Bestattungsverfügung festhalten und darin auch angeben, wer die Wünsche umsetzen soll.

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