15. Januar 2019, 11:20 Uhr

Lebensmittelsicherheit

Ist der Knoblauch aus China weniger sicher als der aus dem Kreis Gießen?

Bei Lebensmittelsicherheit gibt es gefühlte und reale Risiken, sagt Professor Reiner Wittkowski. Und zwischen beiden gibt es nicht selten große Unterschiede.
15. Januar 2019, 11:20 Uhr
Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in oder auf Lebensmitteln sehen die Verbraucher als eines der größten Risiken an. Gesundheitliche Gefahren durch Keime und Bakterien sorgen derweil für mehr Erkrankungen, sagt das Bundesinstitut für Risikoforschung. (Foto: dpa)

Herr Professor Wittkowski, was sind bitte gefühlte Risiken in Sachen Lebensmittelsicherheit?

so_Wittkowski_R_01tif98992_
Professor Reiner Wittkowski (Foto: pm)

Prof. Reiner Wittkowski: Gefühlte, also nicht wissenschaftlich begründete, Risiken prägen das Verhalten der Menschen. Dies gilt besonders für das Thema Lebensmittel. Ein typisches Beispiel für ein gefühltes Risiko ist etwa das Unbehagen gegenüber Pflanzenschutzmittelrückständen. Laut unserer letzten Umfrage zählen sie für die Menschen zu den größten gesundheitlichen Risiken, die von Lebensmitteln ausgehen. Dagegen werden Campylobacter-Keime wie etwa Salmonellen, die Durchfall auslösen, als weniger dramatisch eingeschätzt. Derzeit werden aber in Deutschland jährlich rund 70 000 Fälle von diesen Erkrankungen gemeldet. Die Dunkelziffer ist weit höher.

Wie ist mit solchen Ängsten der Menschen umzugehen?

Wittkowski: Obwohl Lebensmittel heutzutage im Vergleich zu früher aus wissenschaftlicher Sicht sicherer geworden sind, steigt die Besorgnis der Menschen bei bestimmten Themen. Knapp 60 Prozent der deutschen Bevölkerung sehen in Verunreinigungen ein hohes oder sehr hohes gesundheitliches Risiko. Wichtig ist es, zu verstehen, warum Menschen zu solchen Einschätzungen gelangen und welche psychologischen Mechanismen dafür verantwortlich sind. Um das zu analysieren, haben wir einen Verbrauchermonitor etabliert. Dies ist eine Umfrage, mit der wir zweimal im Jahr erfragen, welche Risiken bei Lebensmitteln in der Wahrnehmung der Bevölkerung ganz vorn stehen und welche als weniger bedeutend angesehen werden. Wir versuchen dann, unsere Risikokommunikation entsprechend auszurichten.

Haben Verbraucher heute nicht alle Möglichkeiten der Welt, sich zu informieren – also aufgeklärte Verbraucher zu sein?

Wittkowski: Ja. Die Möglichkeiten, sich sachlich zu informieren, sind vielfältig. Gerade im Bereich Lebensmittelsicherheit ist das Angebot sehr ausdifferenziert. Allerdings gibt es im Internet, verstärkt noch durch die sozialen Medien, eine Vielzahl von Meinungen zu Risiken, die von Lebensmitteln ausgehen. Mal sind sie mehr, mal weniger gut wissenschaftlich begründet. Bei diesen Widersprüchen fällt es Verbrauchern natürlich schwer, sich zu orientieren. Sie stehen vor der Frage »Wem kann ich glauben?«. Hier gilt es, das Vertrauen in die staatlichen Institutionen des Verbraucherschutzes zu stärken, und zwar durch sachliche und nüchterne Kommunikation der Fakten.

Nach einer Aussage Ihres Instituts empfinden die Menschen die Lebensmittel, die bei uns auf dem Markt sind, als sicher. Sind sie sicher?

Wittkowski: Wir haben hier in Deutschland und in der Europäischen Union ein sehr hohes Maß an Lebenssicherheit erreicht, obgleich es natürlich immer Bereiche gibt, die zu verbessern sind. Wie die letzten Daten aus dem Lebensmittelmonitoring und den Rückstands-Kontrolluntersuchungen zeigen, werden die gesetzlichen Grenzwerte etwa für Rückstände von Pflanzenschutzmitteln, für Mykotoxine, das sind Schimmelpilzgifte, oder für Rückstände von Tierarzneimitteln sehr selten überschritten. Das zeigt: Das System der Lebensmittelsicherheit und der Lebensmittelüberwachung funktioniert.

Aber es bleiben Risiken?

Wittkowski: Natürlich gibt es auch Risiken, die weniger gut zu beherrschen sind. Dazu zählen mikrobielle Risiken, etwa durch Bakterien und Viren, wie der EHEC-Ausbruch im Jahr 2011 gezeigt hat. Damals gab es mehr als 50 Todesfälle. Wenn Sie einen Blick auf das Portal »lebensmittelwarnung.de« der Überwachungsbehörden werfen, dann sind Verunreinigungen mit Mikroorganismen, aber auch mit Glassplittern oder Metallabrieb aus der Herstellung die Hauptursachen für Rückrufaktionen.

Dann bleiben wir bei den realen Risiken. Das größte Risiko geht also von mikrobiellen Krankheitserregern aus?

Wittkowski: Ja, wenn wir die Fälle betrachten, bei denen Menschen durch Lebensmittel gesundheitlich beeinträchtigt wurden. Campylobacter, Salmonellen, Listerien und Noroviren – das sind die Ursachen der ungefähr 200 000 jährlich gemeldeten Fälle von Lebensmittelinfektionen. Wobei auch hier die reale Zahl wegen der hohen Dunkelziffer deutlich höher sein dürfte.

Und wie ist das mit Zutaten, die in einem Produkt nicht enthalten sein sollten? Welche Risiken steckten etwa in der Lasagne mit Pferdefleisch?

Wittkowski: Von Lebensmittelfälschungen können zwar auch Risiken für die Gesundheit ausgehen, aber die Regel ist das nicht. Die Lasagne mit nicht deklariertem Pferdefleisch ist primär Verbrauchertäuschung. Vom Pferdefleisch selbst geht kein Risiko für die Gesundheit aus, wenn es in Ordnung ist. Im Fall des mit Sudanrot verfälschten Paprikapulvers war dies anders. Da bestand in der Tat ein Risiko für die Gesundheit, weil Sudanrot ein krebserzeugender Farbstoff ist.

Ist es sicherer, Produkte aus regionaler, aus deutscher beziehungsweise EU-Produktion zu kaufen anstelle von Produkten wie beispielsweise Knoblauch aus China?

Wittkowski: Lebensmittel, die in Deutschland bzw. in der Europäischen Union auf den Markt gebracht werden, müssen den hier geltenden gesetzlichen Bestimmungen entsprechen. Sie müssen also sicher sein und die gesetzlichen Grenzwerte zum Beispiel für Pflanzenschutzmittelrückstände oder Schwermetalle einhalten. Das gilt für den Knoblauch aus China und aus Spanien ebenso wie für den vom Acker um die Ecke. Gleiches gilt für die Rückstände von Tierarzneimitteln. Auch da gibt es gesetzliche Höchstmengen und Verbote. Nicht zu vergessen: Auch in mikrobieller Hinsicht müssen die Lebensmittel in Ordnung sein.

Wie steht es um die vielfältigen Bioprodukte, sind sie besser, gesünder, risikoärmer?

Wittkowski: Es gibt bislang keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass die Erzeugnisse des ökologischen Landbaus gesünder wären als die Erzeugnisse der konventionellen Landwirtschaft. Das Biozertifikat bezieht sich vorrangig auf die Art des Landbaus. Je nach Vorgabe wird da zum Beispiel auf mineralischen Dünger verzichtet oder auf bestimmte synthetische Pflanzenschutzmittel. Was übrigens nicht heißt, dass im Biolandbau keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt würden. Über die Qualität im Hinblick auf Geschmack, Nährstoffe oder Vitamingehalt sagt das Siegel »Bio« nichts aus.

Es gibt eine Vielfalt an Zertifizierungen und Gütesiegeln für »bio«. Helfen die den Verbrauchern bei der Orientierung?

Wittkowski: Im Hinblick auf die Lebensmittelsicherheit, und nur dazu können wir uns als wissenschaftliche Institution der Risikobewertung äußern, sind die Biosiegel keine Orientierungshilfe für Verbraucher. Wir selbst stellen aber Merkblätter als Orientierungshilfen bereit. Dazu gehören das Merkblatt für die Küchenhygiene im Privathaushalt und andere Merkblätter zur Lebensmittelhygiene.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bioprodukte
  • Lebensmittelsicherheit
  • Pferdefleisch
  • Risikoabschätzung und Risikobewertung
  • Kreis Gießen
  • Stefan Schaal
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen