18. Februar 2019, 21:38 Uhr

Internationales Format in Wißmar

18. Februar 2019, 21:38 Uhr
Avatar_neutral
Von Sascha Jouini
Mit unerschöpflicher Musizierfreude begeistert das Aris Quartett nicht nur bei der Bach-Zugabe. (Foto: jou)

Ein überaus hörenswertes Programm bot das unter anderem mit dem zweiten Preis beim ARD-Musikwettbewerb 2016 ausgezeichnete Aris Quartett am Sonntag in der voll besetzten evangelischen Kirche zu Wißmar. Außerordentliches künstlerisches Niveau ist man bei den Wettenberger Winterkonzerten gewohnt – Anna Katharina Wildermuth (1. Violine), Noémi Zipperling (2. Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Cello) erwiesen sich indes als derart versiertes, perfekt aufeinander eingespieltes Ensembles, wie man es eher in der Alten Oper Frankfurt erwarten würde.

Schon allein die kluge Werkauswahl ließ aufhorchen. Mit Joseph Haydns Quartett B-Dur op. 76 Nr. 4 stellten die jungen Musiker ein Werk an den Anfang, das raffiniert mit der Erwartungshaltung des Hörers spielt und im »Allegro con spirito«-Kopfsatz Gattungskonventionen aufhebt. Motivisch-thematische Arbeit sucht man hier weitgehend vergebens, vielmehr zeigt sich ein Gefüge, das ganz von der melodischen Anmut und dem klanglichen Reiz lebt: Auf dem Fundament eines Begleitakkords schwingt sich die erste Violine kantabel empor; von diesem stimmungsvollen Beginn rührt der Beiname »Sonnenaufgangsquartett«. Völlig überraschend wirkt kurz darauf der furiose Ausbruch; auch im weiteren Verlauf wechseln spannungsreich ruhige und bewegte Passagen.

Die Musiker gingen konzentriert aufeinander ein und erzeugten wohldosierte klangliche Schärfen. Ebensolche Faszinationskraft barg im Adagio der sehnsuchtsvolle, ein wenig elegische Ton. Ganz unbekümmert hingegen das tänzerisch-beschwingte Menuett. Hier gefielen besonders die rhythmisch federnde Gestaltung und die elegante formale Konzeption der Künstler. Bis hin zum Allegro-Finale bezauberte der vornehme Vortrag; fulminant die Schlusssteigerungen.

Vielschichtiges Adagio

Vom Ausdrucksgestus erinnerte die Adagio-Einleitung von Felix Mendelssohn Bartholdys Quartett Nr. 2 a-Moll entfernt an die Haydn’schen Eröffnungstakte. Sie mündete in ein leidenschaftlich-drängendes Allegro. Mit ihrer sensiblen Ader gab Primaria Anna Katharina Windermuth die Richtung vor, die anderen Ensemblemitglieder zogen am selben Strang. Einem in feinen Linien gezeichneten Seelenporträt gleich kam die Musik im Adagio – die erstklassige Interpretation vermittelte zarteste Nuancen; intensiv die dynamischen Spitzen. Auch das Intermezzo war eine Wohltat fürs Gemüt mit der schlichten Weise der ersten Violine über trockenen Pizzicati der Begleitinstrumente und dem virtuos-leichten Mittelteil. Attacca setzte das ungeheuer dramatische »Allegro di molto« ein. Die Komposition endete mit einem nachdenklichen Adagio.

Nach der Pause, im Quartett F-Dur op. 59 Nr. 1 aus Ludwig van Beethovens mittlerer Schaffensphase, ließ die Spielkunst wieder das Herz höher schlagen. Nicht häufig erlebt man die komplexe Struktur im Allegro-Kopfsatz so klar durchleuchtet, ohne dass die Darbietung ins unterkühlt Analytische abgleitet. Schier unerschöpfliche Musizierfreude offenbarte auch das erfrischend optimistische und humorvolle Allegretto; bezaubernd, wie die Motive durch die Instrumente wanderten. Welch glanzvollen Höhepunkt der Konzertreihe das Programm markierte, bestätigten das emotional vielschichtige Adagio und das vitale Schluss-Allegro. Der organisch fließende Vortrag war nicht nur schön anzuhören, vom Bewegungsablauf vielmehr auch schön anzusehen.

Für den lang anhaltenden Beifall und die Bravo-Rufe dankte das Aris Quartett mit dem »Contrapunctus I« aus Johann Sebastian Bachs »Kunst der Fuge« als Zugabe.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos