23. Juli 2018, 13:00 Uhr

Von oben

In Nordeck fasste Reformpädagogik Fuß

Die Beziehung zur Burg prägt Nordeck seit Jahrhunderten. Einst war sie Landgrafensitz, später ein Pionierort für Reformpädagogik und wichtiger Arbeitgeber. Das ist zwar vorüber, doch reaktivierte Treffpunkte haben dem Ort neues Leben eingehaucht.
23. Juli 2018, 13:00 Uhr
Der Allendorfer Stadtteil Nordeck mit Aussicht auf das Lumdatal markiert die Nordgrenze des Landkreises. Oben in der Bildmitte ist die Burg Nordeck zu sehen. Links unten befindet sich die Straße nach Allendorf, rechts unten geht es nach Londorf. (Foto: Henß)

Einen Ortsvorsteher hat Nordeck nicht mehr. Zehn Jahre hat Helmut Rein den Job gemacht, dann fand sich kein Nachfolger mehr. Er kennt den Ort wie seine Westentasche. Bei einem Dorfspaziergang kommt der langjährige Kommunalpolitiker ins Plaudern.

Von der steilen Kurve am Bürgerhaus führt ein Weg am Waldrand entlang bis zur mittelalterlichen Burg. Einst thronte hier, hoch über dem Lumdatal, das Geschlecht derer von Nordeck, später war die Burg Landgrafensitz.

Der Waldweg ist nach Otto Erdmann benannt, er war ein Vertrauter von Paul Geheeb, dem »Vater« der »Odenwaldschule«. 1926 gründete Erdmann ein reformpädagogisches Landschulheim auf Burg Nordeck. Heranwachsende, so der Kerngedanke, sollten hier nicht nur büffeln, sondern zu mündigen Menschen erzogen, entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten gefördert werden.

 

Schneeballschlachten "Dorf gegen Burg"

»Als Kinder hatten wir schon mal Reibereien mit den Schülern auf der Burg. Es gab auch Schneeballschlachten ›Dorf gegen Burg‹«, erinnert sich Rein. Im Landschulheim wohnten zu seiner Jugendzeit Kinder aus besserem Hause, teils aus dem Ausland. Später vor allem solche, die als »Härtefälle« andernorts Probleme hatten.

Vor wenigen Jahren endete die Geschichte des Internats, es gab einen Schnitt. Inzwischen hat eine Tochtergesellschaft der »Lebenshilfe« die Burg übernommen. »Schulverweigerer« sollen hier eine zweite Chance bekommen.

Wenngleich der Alltag auf der Burg für viele Nordecker eine verborgene Welt war, profitierte auch das Dorf von der Einrichtung. Das hat sich geändert: »Die Verbindung zur Burg ist gewichen«, sagt Rein. Einheimische, die dort als Schreiner, Fahrer oder Köche gearbeitet hatten, mussten sich neue Jobs suchen.

 

Zuzug ist besser als Leerstand

Auf dem Weg von der Burg ins Dorf hinab zeigt Rein auf ein Haus nach dem anderen. »Das ist verkauft, das ist verkauft, das da auch.« Viele Zugezogene machten sich nicht viel aus der Dorfgemeinschaft, das findet er schade.

Andererseits sei Zuzug immer noch besser, als wenn frei gewordener Wohnraum ungenutzt bliebe. »Wenn Nordecker sich beschweren, sag ich immer: Halt die Schnute – seid froh, dass überhaupt jemand dort wohnt!«

 

Neue Ortsdurchfahrt endlich fertig

Ein Dorf im Niedergang? So einfach ist es nicht. Ein paar Meter weiter wird offensichtlich, dass in Nordeck auch manches in Bewegung kommt. Ein brandneuer Asphaltstreifen zieht sich durch die Ortsmitte. »Die Ortsdurchfahrt ist toll geworden, das wertet den Ort sehr auf«, sagt der Ex-Ortsvorsteher.

Schon vor 30 Jahren sei sie in Aussicht gestellt worden, vor wenigen Wochen wurde sie fertig. Auch der Dorfplatz, wo bis 1976 die alte Dorfschule stand, ist seit einigen Jahren aufgehübscht, ein Treffpunkt der Nordecker geworden.

Direkt gegenüber wurde bei den Straßenarbeiten das Fundament des mittelalterlichen Dorfbrunnens entdeckt. Nun steht dort ein neuer Brunnen – wenn auch als Attrappe.

 

Reges Vereinsleben

Die Dorfgemeinschaft erlebt eine kleine Renaissance. Für Einzelhandel und Gastronomie gilt das aber nicht. »Du kannst in Nordeck kein Geld ausgeben«, sagt Rein, höchstens abends im Bürgerhaus.

Auch der letzte Bäcker und die Gaststätte Stelzenbach samt Einzelhandel haben schon seit längerer Zeit geschlossen. Ähnlich ist es um das lokale Handwerk bestellt. Allerdings, so Hein, zeuge der glänzende Engel auf der Apotheke am Gießener Marktplatz noch heute von Nordecker Schmiedekunst von einst.

Nach wie vor prägen Vereine das Dorfleben im Schatten der Burg maßgeblich. Unter ihnen ist der Oberhessische Gebirgsverein (OHGV), er organisiert regelmäßig Wanderungen in nah und fern.

 

Handball-Hochburg

Zu den Aushängeschildern des kleinen Ortes gehört auch der Gesangverein »Teutonia« mit gut ausgebildeten Sängerinnen und Sängern, die ihr musikalisches Handwerk auch bei Wertungssingen präsentieren.

Nordeck gilt auch als Hochburg des Handballs. »Das gibt es hier seit 1928«, sagt Rein. Nach einer kriegsbedingten Unterbrechung wurde der Spielbetrieb schnell wieder aufgenommen – übrigens schon damals auch mit einer Damenmannschaft. Heute bilden die Handballer des TSV Nordeck-Winnen eine Spielgemeinschaft mit Allendorf, Londorf und Mainzlar.

Die Eigenständigkeit, ob beim Handball oder als Kommune, ist längst vorüber, auch die Pionierzeit der modernen Pädagogik.

Doch immerhin gibt es heute zwei Kindergärten in Nordeck, einer davon ist einer der ersten Waldkindergärten im Kreis. Wieder ein innovativer Weg, den Nordeck in Sachen Erziehung eingeschlagen hat.

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