08. Oktober 2017, 09:00 Uhr

Stolpersteine

In Heuchelheim wachsen neue Freundschaften

Die Familie des in Heuchelheim geborenen Dr. Karl Süßkind will die Kontakte in die Heimat des Vaters festigen. Kürzlich waren sie zu Besuch. Damit wird der Wunsch von Karl Süßkind und seinem Freund Otto Bepler erfüllt.
08. Oktober 2017, 09:00 Uhr

»Es geht gar nicht, dass ihr einen Israel-Abend feiert und es sind keine Israelis dabei«, schrieb Gidon Süßkind nach Heuchelheim. Und kam gemeinsam mit seiner Frau Nava und Sohn Or spontan und für die meisten überraschend Mitte September ins evangelische Gemeindehaus in der Heuchelheimer Schubertstraße.

Dort teilten Petra Jung-Kröck, Steffen Römer und weitere Mitglieder der Martinsgemeinde Impressionen von einer Israel-Reise im Mai, die die Gruppe bewusst auch zu den Süßkinds führte.

Es sind die Nachfahren von Dr. Karl Süßkind, der während der Nazi-Diktatur Heuchelheim verließ, um in dem sich neu formierenden Staat Israel eine Zukunft zu haben. Und der über die Jahrzehnte den Kontakt zu seinem Freund Otto Bepler hielt, dem langjährigen Heuchelheimer Bürgermeister.

Eine ganz persönliche Reise

Für Süßkinds ist es eine Reise in die Vergangenheit – eine ganz persönliche Reise der Familie, aber eben auch immer wieder eine Begegnung mit dem politischen Deutschland. Daraus entwickelt sich ein gemeinsamer Weg in die Zukunft.

Es ist der Blick zurück, um das schlimme Geschehen in der Familie wachzuhalten und damit aufzuarbeiten.
Und es ist der Blick nach vorn, um Neues aufzubauen. »Wir haben bei den Stolpersteinen mit der Erinnerung begonnen, haben uns kennengelernt und sind Freunde geworden, die sich auch in Zukunft treffen wollen«, bestätigt Pfarrerin Cornelia Weber.

Heimat des Vaters

Im Sommer 2016 waren Mitglieder der Familie Süßkind in Heuchelheim, um der Verlegung von Stolpersteinen für ihre Vorfahren durch den Künstler Gunter Demnig beizuwohnen – ein bewegender Tag auch für weit über 100 Heuchelheimer, die dies begleiteten.

Gidon Süßkind, der jüngere Sohn von Dr. Karl Süßkind, spricht von »einem weiteren Schritt auf der Leiter einer neuen Beziehung«. Heuchelheim war die Heimat des Vaters und der Großeltern, sagt er. Und erinnert an das Wort: Wer nicht mit seinen Wurzeln verbunden ist, hat keine Zukunft. Die Familie fühlt sich ihren deutschen Wurzeln sehr verbunden: Sie sprechen Deutsch und sind mit deutscher Kultur groß geworden.

Vergangenheit mit großer Bedeutung

»Die Vergangenheit, der Holocaust, ist schrecklich. Unglaublich, dass dies in einem zivilisierten Land wie Deutschland passieren konnte«, sagt Gidon Süßkind, der daran erinnert, dass die Geschichte für Israel ebenso wie für seine Familie ungeheuer bedeutsam ist: »So hat die Vergangenheit eine sehr große Bedeutung für uns und Einfluss auf uns. Vergesst nicht: Unsere Großeltern wurden von den Nazis getötet und die Großeltern meines Vaters sind in Gießen beerdigt.«

Die Stolpersteinverlegung aber, initiiert von der ev. Kirchengemeinde um Pfarrerin Weber, habe ein großes Fenster aufgestoßen für neue Beziehungen zur Gemeinde Heuchelheim und den Menschen dort. »Dies ist wirklich eine neue Chance für künftige freundschaftliche Beziehungen. Und zwar nicht nur für unsere Generation.« Man habe ganz bewusst die Kinder mit nach Heuchelheim gebracht, so wie auch Heuchelheimer ihre Kinder mitbrachten. Vergangenes Jahr waren neben Gidon und Nava Süßkind auch sein älterer Bruder Dan und die jüngere Schwester Yael mit Familienmitgliedern gekommen.

Or, Gidon und Nava Süßkind besuchen das Grab von Gidons Urgroßeltern auf dem Gießener Friedhof.	(Fotos: privat/so)
Or, Gidon und Nava Süßkind besuchen das Grab von Gidons Urgroßeltern auf dem Gießener Frie...

Der aktuelle Besuch galt zuvörderst dem Israel-Abend; weitere Stationen waren die alte Martinskirche, die Stolpersteine für den Vater sowie die Großeltern und der Gießener neue Friedhof mit den Gräbern der Großeltern von Karl Süßkind: Süßkind Süßkind und Johannette Süßkind geb. Ochs. Zudem führte Andreas Kraft durch Burg Gleiberg.

Dialog fortführen

Mit den nun geknüpften neuen Beziehungen erfüllt sich ein vor mehr als 20 Jahren von Otto Bepler in einem Brief an Karl Süßkind formulierter Wunsch um ein Fortführen des Dialogs in späteren Generationen; ausgesprochen nach einem letzten persönlichen Treffen der beiden in Heuchelheim im August 1996: »Gerade wir, die wir von Anfang an leider vergeblich gegen Hitler und seine Mordgesellen waren, wissen dieses Erinnerungsbestreben besonders zu schätzen. Was uns alle angeht und besonders die jüngeren Generationen, ist, die Erinnerung an diese unselige Zeit festzuhalten, als Vermächtnis zu bewahren, gedanklich zu verarbeiten, um künftiges Unheil zu vermeiden.«

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