14. Oktober 2018, 22:48 Uhr

»Im Prinzip bleibt keiner zurück«

14. Oktober 2018, 22:48 Uhr
Hellgrewe

Selten hat ein Vortrag im Rahmen des Busecker Forums für Sicherheitspolitik so konkrete Handlungsanweisungen für Normalbürger enthalten wie bei der 31. Auflage, zu der die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Gießen, und die Gemeinde Buseck für Mittwochabend in das Kulturzentrum geladen hatten. Dass das Thema von nicht geringem Interesse war, beweist die Tatsache, dass der große Saal im Kulturzentrum sehr gut gefüllt war.

In seinem Vortrag beschäftigte sich Kapitänleutnant (»Kaleu«) Marco Hellgrewe, seit 2016 Stabsmitglied im Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Schwielowsee bei Potsdam, mit dem Risiko- und Krisenmanagement der Bundesregierung, konkret mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr, bei denen es in erster Linie darum geht, deutsche Staatsbürger, aber auch Bürger anderer (europäischer) Staaten aus Krisenregionen in Sicherheit zu bringen.

Reisewarnungen beachten

Politische/militärische Krisen, Naturkatastrophen, Terroranschläge sowie konsularische, technologische und medizinische Krisen fallen darunter. Die notwendigen Daten werden in einem Krisenvorsorgeinformationssystem gesammelt, auf das das Nationale Risiko- und Krisenschutzmanagement zum Schutz der deutschen Staatsbürger im Ausland bei ihren Entscheidungen zurückgreift. An dem ressortübergreifenden Krisenstab sind vier Ministerien (Innen, Außen, Verteidigung, Entwicklung/Zusammenarbeit) sowie das Kanzleramt beteiligt, an dem Krisenvorsorgeinformationssystem zahlreiche Behörden und Einrichtungen (etwa BKA oder THW).

Hellgrewe rechnete vor, dass im vergangenen Jahr über 97 Millionen Privatreisen und rund 40 Millionen Geschäftsreisen von Deutschen ins Ausland unternommen. Daher betreibt die Bundesrepublik zum Schutz deutscher und anderer Staatsangehörige, aber auch der deutschen Auslandsvertretungen einen recht hohen Aufwand. Andererseits wird allen Deutschen, die ins Ausland, vor allem ins nicht-europäische Ausland reisen, empfohlen, sich bei »Elefand« (Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland) registrieren zu lassen. Eine weitere Empfehlung: Wird eine Reisewarnung für ein Land ausgesprochen, so sollte diese auf jeden Fall beachtet werden, denn ignoriert der Reisende diese Warnung und muss später durch einen Bundeswehr- oder anderen Einsatz aus diesem Land in Sicherheit gebracht werden, so könnte er verpflichtet werden, sich an den Kosten zu beteiligen. »Das kann teuer werden«, erklärte der Marineoffizier.

Wer aus dem Krisenland herausgeholt und welche Reihenfolge vorgenommen wird, entscheidet der Botschafter vor Ort. Für einige Länder (etwa Kasachstan, Kirgisistan) ist Deutschland auch für die anderen EU-Staaten zuständig. Immerhin gilt für Krisenregionen: »Im Prinzip bleibt keiner zurück«, verspricht Hellgrewe. Auch wenn der Grundsatz gelte, erst einmal die Deutschen, »heißt das aber nicht, dass wir die anderen zurücklassen«.

Der 44-jährige Alsfelder Hellgrewe hat mehrere Jahre in Afghanistan verbracht und dort als interkultureller Einsatzberater rund 1300 Gespräche mit Taliban, Mujaheddin, Geistlichen, lokalen Stammesfürsten und Gouverneuren geführt bzw. an 812 Meetings mit ihnen teilgenommen.

Am Ende der Veranstaltung in Großen-Buseck stand der Kapitänleutnant zu einem Gespräch zur Verfügung. Dabei berichtete er: »Die Afghanen mögen die Deutschen. Sie wollen von uns lernen, wie man ein Land nach dem Krieg wieder aufbaut.« Hellgrewe ist rund 29 000 Kilometer durch Afghanistan gefahren und hat dabei neun der 34 Provinzen besucht. Ein amerikanischer Offizier hätte eine solche Rundreise wahrscheinlich nicht überlebt, vermutet Hellgrewe, der auch daran erinnert, dass rund 93 Prozent des weltweiten Opiumanbaus in Afghanistan vorgenommen wird und für zahlreiche Bewohner eine wichtige bzw. die einzige Einnahmequelle ist. Anreize zu schaffen, etwa auf Weizen umzusteigen, sei angesichts des gravierenden Einnahmeunterschieds nicht möglich.

In gewisser Hinsicht hat Hellgrewe auch Verständnis für das Verhalten der Einheimischen. »Sie kämpfen für ihr Land und sehen uns als Besatzer.« Dabei verhehlt er nicht, dass die westlichen Staaten in Afghanistan auch viele Fehler begangen hätten. Aber immerhin hättrn die westlichen Staaten zahlreiche Schulen gebaut. »Im Jahr 2001 war alles zerschlagen«, berichtete der »Kaleu«. Eine staatliche Ordnung habe es nicht mehr gegeben. Jetzt hat das Land rund 330 000 Soldaten und Polizisten. Trotzdem gibt es große Probleme in Sachen Sicherheit »So lange die Außengrenzen,etwa nach Pakistan, nicht kontrolliert werden, wird das Problem nicht gelöst«, muss der Berufsoffizier einräumen.

Noch etwas zu Hellgrewe: Der 44-jährige hat laut Internetportal eurotransport.de vor zehn Jahren einen Weltrekord im Lkw-Rückwärtsfahren aufgestellt und dabei 65 Kilometer zurückgelegt. Mit einem über 25 Meter langen Euroliner hat er dazu fünfeinhalb Stunden benötigt. (Foto: se)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bundeskriminalamt
  • Bundeswehr
  • Foren
  • Krisenmanagement
  • Krisenregionen
  • Kunst- und Kulturzentren
  • Sicherheitspolitik
  • Staatsbürger
  • Taliban
  • Technisches Hilfswerk
  • Vorträge
  • Buseck
  • Harold Sekatsch
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.