28. Juni 2018, 09:44 Uhr

Türkei-Wahl

Im Kreis Gießen wohnen, aber Erdogan wählen: Wie passt das zusammen?

Zwei Drittel der Deutsch-Türken, die zur Wahl gegangen sind, haben für Erdogan gestimmt. Wie kann man einen Autokraten wählen, aber in einer Demokratie leben wollen? Erklärungssuche im Kreis Gießen.
28. Juni 2018, 09:44 Uhr

Von Jonas Wissner , 2 Kommentare
(Illustration: MDV-Grafik)

»Der Erdogan ist ein Dikator, ein Mörder. Er ist wie Hitler«. Der Vergleich ist immer schief. Doch an diesem Nachmittag wird er dreimal bemüht. Drastische Worte fallen, wenn es um die Wiederwahl des türkischen Präsidenten Recep Erdogan und den Sieg seiner Partei AKP geht.

Auch in Lollar, wo relativ viele Türken und Deutsche mit türkischen Wurzeln leben, ist die Wahl ein heißes Thema. Hier überzeugte Anhänger, die auf den vermeintlichen Fortschritt der Türkei verweisen. Dort harsche Kritiker, die den Bosporus-Staat am Abgrund sehen.

 

Die AKP ist groß geworden, weil sie viel gemacht hat

Frau im Supermarkt in Lollar

 

Drei Frauen stehen in einem Supermarkt mit Halal-Produkten gemütlich um die Kasse herum. »Fliegen Sie mal eine Woche in die Türkei, machen Sie sich selbst ein Bild: Es gibt Medikamente, neue Krankenhäuser. Es gibt viele neue Straßen und Erdogan hat einen neuen Flughafen gebaut«, sagt eine der Frauen. »Die AKP ist groß geworden, weil sie viel gemacht hat. Die anderen haben über Jahrzehnte nichts gemacht.«

Was halten die drei von Erdogans Vorgehen im kurdischen Gebiet? »Es gibt kein Kurdistan«, sagt eine in resolutem Ton. »Hier in Deutschland: ein Land, eine Fahne«, wirft ihre Freundin ein, die kleine Tochter hilft beim Übersetzen. Der Tenor: Einen eigenen Staat der Kurden könne es nicht geben, sie sollten sich anpassen.

Bleibt, unter anderem, die Tatsache, dass in der Türkei zahlreiche Menschen ohne Anklage im Gefängnis sitzen. Darunter sind einige Journalisten. »Man kann nicht jedem Journalisten vertrauen«, heißt es aus der Runde. Dass Kritiker in Haft sind, sei quasi der Beweis für deren Schuld.

Die Damen sind freundlich, aber hart in der Sache. Eigentlich, sagt eine, interessiere sie sich nicht wirklich für Politik. In der Moschee, eine Steinwurf entfernt, könnten die Männer bestimmt mehr sagen.

 

Bei der Erdogan-Frage wird es schnell emotional

 

Vor dem Gottehaus geht ein 27-Jähriger zu seinem Auto. Er ist türkischer Staatsbürger, hat diesmal aber nicht gewählt. Warum? »Ich war zu unentschieden.« Mit der Erdogan-Frage sei es etwa so wie mit der Haltung zu den Bayern oder der Eintracht: »Es geht schnell, dass man sehr emotional wird, nicht mehr objektiv ist.«

Der junge Mann versucht, sich in die Generation seiner Großeltern hineinzuversetzen. »Sie müssen auch die Bildung der Menschen berücksichtigen«, gibt er zu bedenken. Viele türkische Migranten in erster Generation seien aus von Armut und andererseits tiefer Religiosität geprägten Dörfern gekommen. »Viele hatten das Stadtleben noch nicht gesehen, bis sie in Deutschland waren, verstehen Sie?«

»Die kemalistische Politik vor Erdogan war zwar stark demokratisch, aber auch religionsfeindlich. Meine Urgroßeltern haben gesagt: Wir haben den Koran früher unter dem Teppich versteckt.« Er kann nachvollziehen, dass viele Erdogan die Stimme gegeben haben: »Die Regierung repräsentiert schon das Volk, das von der Vergangenheit die Schnauze voll hat.«

 

Die Menschen respektieren die Werte hier, sehen aber andere Werte in der Türkei

Junger Mann vor der Lollarer Moschee

 

Türkische Staatsbürger in Deutschland sind von den Umbrüchen in der Türkei nur indirekt betroffen. Einerseits selbstverständlich in einem Rechtsstaat leben, andererseits für eine Partei und einen Präsidenten stimmen, die Gewaltenteilung, Presse- und Meinungsfreiheit infrage stellen – wie geht das zusammen? »Die Menschen respektieren die Werte hier, sehen aber andere Werte in der Türkei«, sagt der junge Mann.

»Deutschland hat nach dem Krieg vieles richtig gemacht, ich bin ein Fan von Helmut Schmidt. Aber in der Integrationspolitik wurde vieles versäumt.« Die Generation seiner Großeltern sei von der deutschen Bevölkerung ausgeschlossen, nur als Arbeitskräfte gesehen worden. Das habe zu Unsicherheit und auch Frust geführt.

Der junge Mann äußert sich sehr reflektiert. Doch die eine, umfassende Antwort auf die Frage, wie die vielen Stimmen für Erdogan zu erklären sind, hat auch er nicht. Vielleicht hat sie niemand.

 

Oft ein zu schwarzes Bild?

 

Ortswechsel: Neben Lollar zählt Laubach zu den Kommunen mit relativ hohem Anteil türkischstämmiger Einwohner. Einer davon ist Nesim Karaca. Der Mittvierziger sitzt im Vorstand des türkisch-islamischen Vereins, dessen Pläne für ein Gemeindezentrum 2017 am Stadtparlament scheiterten.

Karaca vermisst in der veröffentlichten Meinung vor allem eine differenzierte Sichtweise. Oft vergessen werde etwa die Wahlbeteiligung von hierzulande nur rund 50 Prozent. Mag sein, die AKP habe ihre Wähler besser mobilisiert.

In Laubach sei das Bild bunt gemischt, keineswegs gebe es dort besonders viele Anhänger Erdogans. »Der hat manches gut, manches aber nicht so gut gemacht.« Sein Eindruck auch: Das Nein zum Gemeindezentrum durch die Laubacher »Mehrheitsgesellschaft« hat nicht den großen Einfluss auf die meist doch gefestigte Parteienpräferenz. Er widerspricht auch der These, eine misslungene Integration beschere der AKP hierzulande Zulauf. Zum ganz großen Teil funktioniere das Zusammenleben, sagt Karaca. Aus durchsichtigen Gründen werde da oft ein zu schwarzes Bild gezeichnet.

 

Autokorso nach Wahlsieg

 

Zurück in Lollar: In einem Dönerladen nimmt sich einer der Mitarbeiter, ein kurdischer Türke, etwas Zeit. Er hat diesmal nicht gewählt, doch wenn, dann hätte er für die HDP, eine pro-kurdische, linksgerichtete Partei, gestimmt. Er spricht über die Furcht der Kurden in der Türkei, sich durch ihre Sprache zu erkennen zu geben, über Gewalt an Oppositionellen.

Zwar kämen Türken und Kurden in Lollar recht gut klar, aber als nach dem Wahlsieg am Sonntagabend Autos mit türkischen Flaggen hupend durch den Ort gefahren seien, sei es ihm eiskalt den Rücken runtergelaufen.

 

Todesumstände unklar

 

Dann zeigt er ein Foto auf seinem Handy. Ein Mann hängt reglos an einem Baum, den Hals in einen Strick gezwängt. »Das ist mein Bruder«, sagt der Mann im Dönerladen. Der Bruder habe die Zeit beim türkischen Militär nicht überlebt, nun habe die Familie einen Anwalt beauftragt, die Umstände seines Todes aufzuklären. Bislang ohne Ergebnis.

»Ein anderer Bruder ist noch in der Türkei und soll zum Militär, aber wir wollen ihn so schnell wie möglich nach Deutschland holen.« Ob die Geschichte stimmt, lässt sich kaum nachprüfen. Dass der traurige Blick nur gespielt ist, scheint indes schwer vorstellbar.

Offensichtlich aber ist: Ein Riss geht durch die türkische und kurdische Community. Zwischentöne gibt es, doch sie drohen zu verhallen.

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