31. März 2017, 20:39 Uhr

Schrebergärten

Idyll hinter Hecken Idyll hinter Hecken

Im Gießener Land gibt es noch zehn Kleingartenvereine. Die Jugend ist nur noch spärlich daran interessiert - ganz anders Spätaussiedler aus der einstigen UdSSR.
31. März 2017, 20:39 Uhr
Alexander und Olga Gubin mit Vorstand Günter Nagel und Nachbar Albrecht (Foto: tb)

Almila Weiß ist 80 Jahre alt, doch alles andere als gebrechlich: Den linken Arm auf dem Rücken, in der Rechten die Einkaufstüte, kann man sie fast täglich durch Grünbergs Straßen eilen sehen. Spätestens jetzt jedoch, da endlich die Natur erwacht, führt ihr Weg des Öfteren ins freie Feld nahe der Londorfer Straße, in die Kleingartenanlage »In der Langen Hecke«. Almilas Familie hat dort eine der 22 Parzellen gepachtet, jede knapp 400 Quadratmeter groß.

Die Schrebergärten am Rande der Stadt existieren schon seit gut 50 Jahren. Erst später gründete sich der Verein, der seither die Anlage verwaltet. Er ist einer von zehn Kleingartenvereinen im Gießener Land. In Grünberg und Watzenborn-Steinberg gibt es sie, vor allem aber in der Stadt Gießen. Allen ist gemein, dass sich die Gegebenheiten in den vergangenen Jahren geändert haben. Die frei werdenden Parzellen haben vielerorts Spätaussiedler aus der einstigen UdSSR gepachtet, so wie Almila Weiß und ihre Familie. Die Vereinsstrukturen schätzen sie, auch wenn einiges davon wohl typisch deutsch ist.

»Ordnung halten«, das ist eines der zentralen Themen auch im Vorstand der Anlage »In der Langen Hecke«. Diesem Zweck dienen die vier unentgeltlichen Arbeitsstunden, die die aktiven Mitglieder jedes Jahr zu leisten haben. Meist geht es ums Renovieren des Vereinsheims oder die Entsorgung des Grünschnitts. »Da kommt einiges zusammen«, erzählt Vorstand Günter Nagel. Auf jeder einzelnen der rund 400 Quadratmeter großen Parzellen wächst – Omen est Nomen – mindestens an einer Seite eine Hecke, meist Thuja oder Hainbuche.

Zwei Problemgärten

Der Vorstand achtet darauf, dass die naturidentischen Zäune nicht in die öffentlichen Wege hineinwuchern. Ein Verstoß gegen diese Auflage oder nicht geleistete Arbeitsstunden sind die einzigen Druckmittel, wenn die Parzellen selbst nicht gepflegt werden. Zwei »Problemgärten« sind es, über die sich Günter Nagel und seine Vorstandskollegen derzeit ärgern. Die Besitzer haben seit Langem das Interesse verloren, einhergehender Wertverlust der Anlage scheint ihnen egal – die Natur holt sich das Kulturland zurück, Wege werden überwuchert, die Gartenhäuschen verfallen.

Ganz anders schaut das bei Almila Weiß aus. Gemeinsam mit Tochter Olga und Schwiegersohn Alexander ist sie an diesem Nachmittag beim Umgraben und Jäten. Dass die Familie ihre grüne Oase hegt und pflegt, ist offensichtlich. Alle drei sind in den 1990er-Jahren aus Alma Ata (Kasachstan) nach Grünberg ausgesiedelt. »Auch in der alten Heimat wohnten wir zur Miete, auch da hatten wir eine Datsche«, sagt Olga Gubin. Und wie heute bauten sie auch damals Tomaten, Erbsen, Gurken, Zwiebeln und Kartoffeln an. Nicht zu vergessen: Rote Beete, sozusagen eines der Leibgerichte des Ostens. Auf Gubin’schem Grund sind zudem die ersten Vorboten weiterer Gaumenfreuden zu entdecken: Kirsch- und Apfelbäume zeigen ihre ersten Knospen her.

Zumindest in den ersten Jahren in der alten Heimat, sagt die Mittfünfzigerin, habe der Garten noch der Selbstversorgung gedient. Und Mutter Almila bestätigt, dass damals ganze Batterien an Einmachgläsern mit Gemüse und Obst gefüllt wurden. Die Flaschen mit Fruchtsirup nicht gezählt.

Und heute? »Heute ist das nur Spaß«, lächelt Olga Gubin beim Blick aufs Grabland, in das sie neben Gurken und Zwiebeln auch Zucchini pflanzt. Vor allem aber freue sie sich, aus der Mietwohnung raus an die frische Luft zu kommen. Es sind die üblichen Begeweggründe, die viele Schrebergärtner eint: Säen, jäten, ernten, der Spaß an der Hand- und Gartenarbeit, aber auch der Austausch mit Gleichgesinnten, die oft längst Freunde geworden sind. Olga Gubin und ihre Mutter Almila sind da keine Ausnahme. Gubin sagt, sie denke gerne daran zurück, als die Kinder noch klein waren: »Hier haben sie viel von der Natur lernen können.«

Drei Jahre hatten sie auf ihre grüne Oase warten müssen. 2001 war es endlich soweit, sie erstanden eine Parzelle samt dem abzulösenden Gartenhaus und wurden Vereinsmitglied. »Zu meckern« haben die drei auch 16 Jahre später nichts. Das einzige, was Gubin wie auch den Vorstand drückt: »Es sind so wenig junge Leute hier.«

Weit jenseits dieser Altersgruppe ist auch Rubik Babajan. Auch für ihn ist der Garten nur Hobby, vor allem Tomaten und Salat baut er an. Die große Liebe des 64-Jährigen, der von Jahrzehnten schwerer Arbeit in der Metallindustrie gleich zwei Hüftschäden davongetragen hat, sind seine Rosen. Die werden sorgsam gehütet, ja buchstäblich behütet, damit der Frost den jungen Pflanzen nichts anhaben kann. Babajan kam vor über 25 Jahren aus Armenien nach Deutschland.

Der Grünberger Verein feierte 2016 sein 35-jähriges Bestehen. 15 der 22 heutigen Pächter stammen aus der ehemaligen UdSSR. Für viele der Spätaussiedler ist der Schrebergarten ein Stück alte Heimat, Erholung wie sie sie einst auch zu Sowjetzeiten kannten. Das oberhessische Gartenhäuschen wird so zur Datsche. Den Eindruck bestätigt auch Olga Gubin.

An der Kleingartenanlage schätzt sie nicht nur das Fachsimpeln über das angebaute Obst und Gemüse. Es ist vor allem der Anschluss an die Vereinsfamilie. »Die Gemeinschaft hier ist sehr gut, wir fühlen uns wohl«, sagt Gubin. Ein Schwätzchen mit dem Nachbarn an der Hecke, zusammen grillen oder aber die organisierten Sommerfeste, das alles sind Momente, die sie nicht missen möchte.

Mag sein, dass an solchen Abenden ja die Comedian Harmonists »zu Gast« sind und deren Frühlingsgruß durch die »Langen Hecken« schallt: »Veronica, der Lenz ist da...«

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