11. Oktober 2018, 21:48 Uhr

»Ich wollte nur mit ihm reden«

11. Oktober 2018, 21:48 Uhr
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Von Harold Sekatsch

Burkhard Seim, Richter am Amtsgericht Gießen, hatte es nicht leicht. Immer wieder wurde er von einem der drei Angeklagten unterbrochen, zeigte dabei eine Engelsgeduld, aber in den letzten zwei der sechs Stunden dauernden Eröffnungsverhandlung zog er in seiner Prozessführung die Zügel wieder an.

Auf den Anklagestühlen am vergangenen Mittwoch saßen ein 43 Jahre alter, in Pohlheim wohnender Syrer sowie seine ebenfalls in Pohlheim lebenden Neffen, 19 bzw. 24 Jahre alt. Ihnen wird vorgeworfen, in den frühen Morgenstunden des 27. Dezember vergangenen Jahres in das Grundstück eines Bekannten in Watzenborn-Steinberg eingedrungen zu sein, die Tür eines Wohnhauses eingetreten und die Bewohner bedroht zu haben. Unter anderem soll laut Anklage einer der drei Angeklagten ein Springmesser mit einer zehn Zentimeter langen Klinge den Betroffenen zur Bekräftigung der Drohung gezeigt haben.

Hintergrund der Tat: Am Tag zuvor, es war der zweite Weihnachtsfeiertag, war dem 43-Jährigen eröffnet worden, dass seine Tochter angeblich von einem der Hausbewohner, einem 77 Jahre alten Mann, zu sexuellen Handlungen gezwungen bzw. vergewaltigt worden sei. Nach einem Familientreffen in den späten Abendstunden, bei dem und teilweise auch davor die Angeklagten nach eigener Aussage Alkohol zu sich genommen hatten, sei der Vater in Begleitung seiner Neffen und möglicherweise auch weiterer Personen zum vermeintlichen Vergewaltiger gefahren.

Kein erhöhter Alkoholkonsum

Nachdem die Hausbewohner zunächst die Tür geöffnet hatten, sahen sie ihren Angaben zufolge eine aggressive Stimmung unter ihren ungebetenen Gästen und drückten die Tür wieder zu. Darauf, so die Anklage, habe einer der Täter gegen die Tür getreten, dass sich diese wieder öffnete. Mit vereinten Kräften hätten die Bewohner die Tür erneut schließen können. Die Bedrohungen hätten aber nicht nachgelassen.

So soll der ältere Angeklagte dem vermeintlichen Täter zugerufen haben, seine beiden Töchter vor dessen Augen vergewaltigen und anschließend töten zu wollen. Einem anderen Hausbewohner war angeblich gedroht worden, ihm ein Messer ins Ohr zu stechen und auf der anderen Seite herauszuziehen. Während sich die beiden jüngeren Angeklagten unter Hinweis auf den vorangegangenen Alkoholgenuss an nichts bis wenig erinnerten, stritt der ältere ab, diese Drohung ausgesprochen zu haben. Er habe von seinem Bekannten aber wissen wollen: »Warum hast du meine Tochter vergewaltigt oder angefasst?« Vor Gericht erklärt er: »Ich wollte nur mit ihm reden.« Die später eintreffenden Polizeibeamten haben bei den drei Angeklagten übrigens keinen erhöhten Alkoholgenuss ausgemacht.

Das vermeintliche Vergewaltigungsopfer hatte die Anzeige gegen den 77 Jahre alten Mann am 26. Dezember 2018 gestellt. Daraufhin ist ein Verfahren gegen den Senior eingeleitet worden. Dieses wurde aber inzwischen wegen fehlenden Tatverdachts vorläufig eingestellt, weil die Anzeige Ende Februar 2018 zurückgezogen wurde. Davon erfuhren die beiden jüngeren Angeklagten allerdings erst im Gerichtssaal.

»Die sexuelle Nötigung und Vergewaltigung sind nur vorgetäuscht worden«, heißt es im Bericht der Staatsanwaltschaft. Stattdessen soll die junge Frau gar Geld vom 77-Jährigen erhalten haben, damit er sexuelle Handlungen an ihr vornehmen könne. Es sei also einvernehmlich erfolgt, sagte Richter Seim.

Der Prozess am Gießener Amtsgericht wird fortgesetzt.



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