15. Juni 2009, 21:46 Uhr

Hip-Hop-Projekt »PimpMyWorld«

Lollar/Staufenberg (mb/pm). »Alltägliche Mutmaßungen über Ursachen und Motive für Gewalttaten und Amokläufe von Jugendlichen wirken meist wie Schnellschüsse und verbreiten oft Unbehagen. Oft werden Computerspiele oder die allgemeine Verrohung der Sitten unter Jugendlichen angeprangert«, führt der Diplom-Soziologe und Doktorand Tilmann Kammler in das Thema ein.
15. Juni 2009, 21:46 Uhr

Lollar/Staufenberg (mb/pm). »Alltägliche Mutmaßungen über Ursachen und Motive für Gewalttaten und Amokläufe von Jugendlichen wirken meist wie Schnellschüsse und verbreiten oft Unbehagen. Oft werden Computerspiele oder die allgemeine Verrohung der Sitten unter Jugendlichen angeprangert«, führt der Diplom-Soziologe und Doktorand Tilmann Kammler in das Thema ein. An der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) Lollar/Staufenberg findet im Rahmen eines Forschungsprojekts seit Februar eine Interventionsmaßnahme gegen Ausgrenzung und Gewalt an Schulen statt. Seinen Höhepunkt und Abschluss soll das Hip-Hop-Projekt »PimpMyWorld (Werte meine Welt auf)« am Freitag, 19. Juni, mit einem großen Konzert in der CBES-Mensa finden. Einlass ist ab 19.30 Uhr, begonnen wird um 20.30 Uhr.

Eine der Hauptursachen für jugendliche Gewalt ist nach Meinung der Forscher nicht das Elternhaus, wie so oft und gerne vonseiten der Politik und der Lehrkräfte behauptet wird, sondern insbesondere das Verhalten zwischen Lehrern und Schülern in der Schule. Ihre These lautet – auf den Punkt gebracht: »Die Probleme kommen nicht allein von außen, sondern sie sind auch hausgemacht. Hoher Leistungsdruck durch G8 (Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre) und Wettbewerbsdenken, Beschämungen und Bloßstellungen durch autoritäre, bevormundende, emotional desinteressierte und mit mangelnder demokratischer Grundhaltung gesegnete Lehrer, die ihre mangelhafte didaktische Kompetenz und Unlust nur allzu gerne hinter Dominanz- und Machtspielchen mit Schülern verstecken, sind die eigentliche Quelle von Frustration und damit Aggressionen im Schulalltag. Unser Interventionsprojekt zielt darauf ab, diese Frustrationen abzustellen und den betroffenen Schülern mehr Selbstachtung zukommen zu lassen, um ihnen so wieder einen positiven Zugang zur Institution ›Schule‹ zu ermöglichen.«

Initiatoren des Forschungsprojekts waren die Schulleitung der CBES und Tilmann Kammler als Doktorand des Graduiertenkollegs »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)« der Universitäten Marburg und Bielefeld. Gefördert wird das Kolleg seit 2002 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Im Rahmen dieses Kollegs promovieren Soziologen, Pädagogen, Psychologen und Politologen mit dem Ziel, Ursachen von Ausgrenzung und Gewalt in Gesellschaften zu erforschen und daraus unter anderem auch Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Die CBES wurde nicht ohne Grund zum zweiten Mal zum Untersuchungsgegenstand des Kollegs: Einmal war der positive Einfluss des kooperativen Lernens auf Vorurteile zwischen Gruppen untersucht worden (Diplom-Psychologin Judith Lanphen), diesmal geht es darum, Wege gegen Ausgrenzung und Gewalt an Schulen zu finden (Diplom-Soziologe Tilmann Kammler), demnächst werden die Ursachen für die Integrationsleistung von Migranten erforscht (Diplom-Soziologin Corinna Zhakikani).

Doktorand Kammler: »Die CBES ist wegen ihres hohen Migrantenanteils nicht automatisch eine Problemschule, jedoch wohl nur deshalb, weil sich die Schulgemeinde seit Langem mit eben diesen Fragen ernsthaft ausein-andersetzt und Lösungsansätze konsequent umsetzt. 33 Haupt- und Realschüler der Stufe 9 werden von dem Produzenten und Musiker Henrik Loos, dem Hip-Hop-Künstler ScidDaBeat, beide ›KulturInitiativeGießen‹, dem Tanzlehrer Thang Luu von der TSG Blau-Gold, dem Referendar Nick Iwanov, den Zivildienstleistenden der CBES, Jan Pieper und Tim Humburg und dem Mitarbeiter der Firma IBS, Paul Römer, betreut. Schüler, die Schule oft genug als einen Ort des Scheiterns, der Ausgrenzung und der Beschämung erlebt haben, haben ein halbes Jahr lang die Möglichkeit, sich in ihrer Jugendkultur des Hip-Hop zu entfalten, dafür Anerkennung und Respekt von Eltern und Mitschülern zu erhalten und sich wieder stärker mit ihrer Schulgemeinde zu identifizieren. Seit vier Monaten erstellen verschiedene Gruppen Graffitis und Bühnenbilder, planen und organisieren Konzerte, üben Tanzchoreografien ein und nehmen in zwei Gießener Tonstudios ein Musikalbum mit 13 selbstgemachten Liedern, den CBES-Sampler, auf. Inhaltlich malen, rappen und tanzen die Schüler über Dinge, die sie in ihrem Alltag betreffen und bewegen: Liebe und Partnerschaft, Ausgrenzung und Gewalt, Drogenmissbrauch, Krieg und Frieden in ihren Heimatländern. Auch der Schulalltag wird zum Gegenstand der künstlerischen Arbeit.«

Höhepunkt ist das große Abschlusskonzert am 19. Juni in der Mensa. Dort werden die Ergebnisse der Gruppen als Projekt »P.M.W«. vereint, was »PimpMyWorld« bedeutet – »werte meine Welt auf«.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Hip-Hop-Projekts »PimpMyWorld« an der CBES sind: Sven Allendörfer, Aydan Atasever, Oleg Berger, Musanter Cetin, Mazlum Demir, Ayse Elen, Serivan Elen, Diana Frickel, Sabrina Goss, Julia Jordan, Anna Jung, Özge Kahveci, Ahmet Kaya, Mirkan Karaca, Jessica Keim, Mathias Klein, Vanessa Liska, Christopher Lawry, Meike Mayer, Chantal Napolitano, Sonja Nölte, Agit Özbay, Annalena Redhardt, Meike Riehm, Farhan Sancur, Layon A. Sousa, Joana Schwalb, Rica Schmitt, Viktoria Scharf, Serhat Turgut, Christopher Wagner, Dilan Yusun, Serhat Yusun, Nora Zitzlaff und Almina Mifokow.



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