17. April 2019, 21:48 Uhr

Herr der Scheren wird 80

Seit 65 Jahren ist Erhard Ulrich Friseur und denkt längst noch nicht ans Aufhören. Worüber schnacken seine Kunden am liebsten? Wie hat sich die schneidende Zunft in all den Jahren verändert? Ein Veteran an der Schere gibt Einblick.
17. April 2019, 21:48 Uhr
Von Dauerwelle bis Bartrasur – Erhard Ulrich hat sich als Friseur weit über Buseck hinaus einen Namen gemacht. (Foto: jwr)

Der HSV gewinnt ja pausenlos«, sagt ein Kunde zu Erhard Ulrich, bevor er das Friseurgeschäft verlässt. Der Hamburger Fußballclub ist Ulrichs Favorit. »Gleich wird’s Regen geben«, fährt der Kunde fort – um sich dann nach den Geburtstagsplänen seines Friseurs zu erkundigen: »Und: bald große Feier?« – »Ja, bei mir zu Hause«, antwortet Ulrich, »und wenn ich feiere, ist immer gutes Wetter«.

Drei Sätze, drei Themen – als Friseur muss Ulrich schnell umschalten können und gut informiert sein. Fußball, Wetter, die große Weltpolitik oder die neuesten Gerüchte aus dem Dorf – alles potenzielle Themen. »Der Kunde ist König – das stimmt nicht«, sagt Ulrich. »Der Kunde ist Kunde, er verlangt gute Arbeit und will Neuigkeiten wissen.«

Am 14. Mai wird Ulrich alias »Mister Hair« 80 Jahre alt. Als 14-Jähriger begann er einst, das Friseurhandwerk zu erlernen. »Mein Onkel war Spätheimkehrer, mit ihm bin ich damals auf Jobsuche gegangen«, blickt der Bersröder zurück. »Bei der Post gab es nichts, dann bin ich mit dem Fahrrad durch den ganzen Kreis gefahren und habe eine Stelle gesucht.« Es sah schlecht aus – bis ein Lehrling in Heuchelheim absprang. »Das war es dann«, Ulrich ergriff die Chance. »Der Chef hat gesagt: Es ist mir egal, wie du herkommst, aber du musst pünktlich sein.« Drei Jahre lang radelte er Tag für Tag von Bersrod bis Heuchelheim. Die Zuverlässigkeit im Job hat sich dem Lehrling von einst tief eingeprägt.

Von mehreren Filialen (siehe Info-Kasten) ist nur noch der Salon in der Ortsmitte von Großen-Buseck übrig geblieben. Ulrichs Sohn Meik führt das Geschäft, der Vater ist noch immer jeden Mittwoch, Freitag und Samstag für seine Kunden da. Manche Stammkunden legen Wert darauf, dass sich der Senior-Chef persönlich ihrer Haare annimmt. Und der lässt sie nicht im Stich: »In 65 Jahren bin ich keine vier Wochen krank gewesen.« Lediglich zweimal Urlaub im Jahr gönne er sich, »einmal Schiff, einmal so«.

In Großen-Buseck hat sich der Meister an Schere und Rasierer auch jenseits seines Handwerks einen Namen gemacht: Seit vielen Jahren veranstaltet er den »Mr. Hair-Cup«, holt namhafte Fußballclubs aus der Region nach Buseck. Früher war er selbst aktiver Fußballer, »ich habe auf allen Positionen gespielt«.

Elektrische Schneidemaschinen und Frisurenwünsche, die Kunden auf ihrem Smartphone präsentieren, – daran war in der Nachkriegszeit freilich noch nicht zu denken. Damals lagen neben vielen Illustrierten noch Frisurenkataloge zum Stöbern aus. Einst sei das Handwerk anstrengender gewesen, sagt Ulrich. Und auch die Lieblingsfrisuren der Kunden haben sich gewandelt: »Früher war Dauerwelle die Nummer eins bei Frauen, heute ist es Farbe und Haarschnitt. Dauerwelle wollen vielleicht noch drei Prozent der Kundinnen.« Und bei den Herren ist Bartpflege wieder schwer im Kommen.

Auch in Sachen Häufigkeit der Friseurbesuche hat Ulrich über die Jahrzehnte Veränderungen festgestellt: »Ganz früher kamen viele Kunden jede Woche – heute meist alle vier bis sechs Wochen« – mit einer Ausnahme: Eine Kundin habe regelmäßig mehrere Termine pro Woche.

Hat der Bersröder Veteran an der Schere einen Schnitt, den er seinen Kunden am liebsten verpasst? »Kurz«, sagt er, »ich war auch bei Seminaren in London und Paris immer ›Mr. Kurz‹«. In Sachen Technik habe er sich stetig weitergebildet, »aber die Gestaltung muss man im Kopf haben«.

Ulrichs gestalterische Fähigkeiten werden auch über Buseck hinaus geschätzt: Aus bis zu 50 Kilometern Entfernung kämen seine Kunden, erzählt er, »gute Arbeit ist die beste Werbung«.

Ein Mann nimmt auf einem der beiden Sessel im Erdgeschoss Platz. »Nicht ganz so kurz«, sagt er, als Ulrich ihm den schwarzen Umhang umgeworfen hat. Ein eher wortkarger Kunde, der kein Interesse an allzu viel Konversation zu haben scheint. Auch das kommt vor, doch viele andere Gäste plaudern viel mit dem Friseur ihres Vertrauens. Mit welcher Sorte Kunde er es gerade zutun hat, wittert der erfahrene Haarschneider rasch. »Wenn eine Kunde nicht reden will, merkt man das ganz schnell – die sagen dann nur ja und nein.«

Das andere Extrem sind Salongäste, die aus dem Plaudern kaum noch rauskommen. »Man kriegt vieles erzählt, was man gar nicht hören will«, sagt Ulrich. In der Regel reicht ein Stichwort, »dann erzählen die meisten schon«. Bei Senioren gehe es oft um die eigene Rente – und darum, dass sie zu knapp sei.

Was macht einen guten Friseur aus seiner Sicht aus? »Leidenschaft, Ideen, Vorstellungsvermögen«, findet Mr. Hair. Er ist zwar einst eher zufällig in diesem Beruf gelandet, doch er wurde bald zur Passion. »Mich hat immer die Gestaltung von Menschen interessiert. Es ist schön, wenn man einen Menschen schöner machen kann.«

Und wann ist Zeit, ans Aufhören zu denken? Mit 80 offenbar noch nicht: »Ich nehme keine Tabletten, gar nichts – wenn es mir weiter so geht, mache ich das noch lange.« Darauf dürften auch viele treue Kunden hoffen.

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