14. Mai 2018, 21:58 Uhr

Nach 80 Jahren

Hans Bärs langer Weg nach Hause

Vor 80 Jahren ist Hans Bär aus der Wetterau nach Argentinien geflohen. Nun, als 95-Jähriger, ist er zurückgekehrt. Und hält die jungen Leute, die ihn begleiten, mächtig auf Trab.
14. Mai 2018, 21:58 Uhr
Die Reisegruppe (v.l.): Barbara Bär Lamas, Nikolai Sexauer, Hans Bär, Marlene Bär Lamas und Federico Faccio.

Die Fassaden der Häuser sind andere, die Kirschbäume am Hang sind weg, doch die Straße, in der Hans Bär aufgewachsen ist, heißt und ist noch immer Sackgasse. An ihrem Anfang steht eine Pferdetränke, eine nachgebildete zwar, aber so ähnlich wie der 95-Jährige sie in Erinnerung behalten hat. »Gegenüber ist das Haus, in dem meine Großeltern gelebt haben«; ein Stückchen weiter die alte Grundschule mit dem »Plaza de castaña«, dem Kastanienplatz.

80 Jahre ist er nicht mehr in Wohnbach gewesen, ein ganzes Leben lang, doch hätte man ihn am Ortseingang aus dem Auto steigen lassen, er hätte auf direktem Weg nach Hause gefunden.

Vor einer Woche ist Hans Bär in Frankfurt gelandet. Die Reise war lang. Zuerst ein Inlandsflug in Argentinien, dann über den Atlantik, 13 Stunden.

 

Wie sich alles verändert hat

 

Vieles sieht anders aus, sagt der 95-Jährige. Am meisten jedoch haben sich die Menschen verändert. »Sie sind offen, sehr freundlich.« Er gestikuliert, setzt ein mürrisches Gesicht auf. »Den deutschen Stil, den ich von damals kenne, gibt es nicht mehr.« Der Dolmetscher Federico Faccio ergänzt: »Er meint die Soldaten.«

Es war diese Zeit, als der 14-jährige Hans Bär mit seiner Mutter auf ein Schiff stieg, das nach Argentinien fuhr. Die Nazis hatten die Macht ergriffen, der Hass, der jüdischen Menschen entgegengebracht wurde, war auch in Wohnbach zu spüren.

 

In Wohnbach

 

Hans Bär erinnert sich: Dass er der einzige jüdische Junge in der Schule war, dass er, egal wie er es machte, Probleme bekam. »Wenn ich den Hitlergruß gemacht habe, bekam ich Schläge, wenn ich es gelassen habe, auch. Bald schon wollte ich gar nicht mehr in die Schule.« Später, erzählt er, zog er nach Griedel, ging auf eine andere Schule, die auch jüdische Kinder besuchten. »Wenn uns jemand verprügeln wollte, konnten wir uns wehren.« Er lächelt, so als erzähle er eine gewöhnliche Geschichte aus der Kindheit. Dann schweigt er kurz. »Als wir vergangene Woche ankamen, sind wir nach Wohnbach gefahren.« Ohne ein bestimmtes Ziel. Das Auto hielt dort, wo die Treppe ist, die zur Kirche führt, und wo eine Gedenktafel für die ermordeten jüdischen Wohnbacher aufgehängt worden ist. Die Namen von 21 Menschen stehen darauf. Daneben Jahreszahlen und Todesorte. Viele dieser Menschen tragen den Nachnamen Bär – die Verwandten, die zurückgeblieben sind. Er sagt die Namen der Lager, »Teresienstadt, Treblinka«.

 

Ein erfülltes Leben in Argentinien

 

Dann wechselt er das Thema, erzählt von seinem Leben in Argentinien. Wie er nur noch Juan genannt wurde, kaum noch Deutsch sprach und es schließlich verlernte. Von seiner Frau, die vor vier Jahren gestorben ist, von seinem Sohn, den drei Enkelkindern und von der Arbeit. »Bis ich 81 war, habe ich gearbeitet.« Und er sagt, eine Reise nach Deutschland war nie Thema. Dafür hat das Geld nicht gereicht. Erst, als er auf den 29-jährigen Nikolai Sexauer aus Freiburg traf, der in Argentinien lebt, wurde der Plan geschmiedet, eine Crowdfunding-Kampagne zu initiieren. Hans Bär war sofort bereit.

Ob er Wut empfindet, weil er als Junge sein Zuhause verlassen musste? »Nein. Viele Menschen sind den Politikern wie Schafe gefolgt. Aber ich mache den einfachen Leuten keinen Vorwurf. Sie sind keine schlechten Menschen gewesen.«

 

Volles Programm

 

Seine Enkelinnen Marlene und Barbara haben ihn nach Deutschland begleitet. Sie wollen seine Heimat kennenlernen, und sie wollen bei ihm sein, wenn er die Menschen und Orte aus seiner Erinnerung besucht. Am Morgen waren sie in der Wetterauhalle, Zeitzeugengespräch mit den Schülern. Am Tag vorher Heidelberg, davor Mainz. Beim Empfang am Sonntag in Wohnbach traf er eine alte Mitschülerin. Ein andere Mitschüler lebt auch noch, »er ist aber nicht bei guter Gesundheit«. Hans Bär lächelt. »Wir sind eben alt.«

 

Im Fußballstadion

 

Das hohe Alter, der Stock an dem er langsam geht – nichts davon hindert ihn daran, täglich von einem Ort zum nächsten zu fahren. Am liebsten würde er alles anschauen. Das Haus in Griedel will er noch besuchen. Er blickt in die Runde: »Wollen wir jetzt schnell vorbeifahren?«

Das Programm ist stramm. Und gesehen hat er längst nicht alles, heute schauen sie sich im Stadion ein Bundesligaspiel an – Hoffenheim gegen Dortmund. Knapp eine Woche ist die Reisegruppe noch hier. »Ich würde noch einen Monat bleiben, aber die jungen Leute müssen wieder arbeiten«, sagt er und lacht. »Ich komme einfach wieder.«

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