03. Januar 2019, 10:00 Uhr

Plastikverpackung

Händler im Dilemma zwischen Umweltschutz und Hygiene

Mehrweg auch an der Frischetheke – eigentlich eine gute Idee. Doch nicht alle Händler machen mit. Warum?
03. Januar 2019, 10:00 Uhr

Von Ursula Sommerlad , 2 Kommentare
Mit der Tupperdose an der Frischetheke: In Bioläden, auf Wochenmärkten und in Fachgeschäften wird plastiksparendes Einkaufen immer häufiger praktiziert. Die großen Handelsketten dagegen zeigen sich skeptisch. (Foto: srs)

Kürzlich auf einem Wochenmarkt in der Region. Eine Kundin kramt am Fischstand eine Tupperdose hervor. Ob man ihr den Heringssalat bitte direkt in das Schüsselchen abfüllen könne? Doch die Verkäuferin schüttelt den Kopf. Das dürfe sie leider nicht. Die Frage nach dem Warum beantwortet sie eher vage: »Gesundheit...«

In der Tat befinden sich Händler in einem Dilemma. Einerseits ist das Abfüllen von unverpackten Lebensmitteln nicht verboten. Andererseits muss die Sicherheit der Lebensmittel Priorität haben. Deswegen kontrolliert die Lebensmittelüberwachung des Landkreises Gießen regelmäßig rund 2600 Betriebe, von der Imbissbude bis zum Supermarkt.

 

Risiko liegt beim Händler

Was also sagt die Fachbehörde zum Befüllen von mitgebrachten Mehrwegbehältern? Sie räumt den Unternehmen einen Ermessensspielraum ein. Sie dürfen Mehrwegbehälter befüllen. Aber wenn sie es tun, muss das Risiko der Kontamination sicher beherrscht werden. »Grundsätzlich unterstützt der Landkreis Gießen alle Bemühungen zur Vermeidung von Abfall«, betont Gesundheitsdezernent Hans-Peter Stock. Aber das Einsparen von Einwegverpackungen dürfe nicht zu hygienischen Mängeln führen.

Im Lebensmittelhandel ist die Praxis ganz unterschiedlich Rewe zum Beispiel hat an den Servicetheken einigen Märkten den Einsatz von mitgebrachten Behältern ausprobiert. Die Mehrwegdosen wurden auf einem Tablett über die Theke gereicht, damit sie auf keinen Fall mit anderen Gerätschaften in Berührung gekommen. Nach der Testphase hat sich Rewe von dieser Praxis wieder verabschiedet. Als Gründe nennt Anja Krauskopf, die Pressesprecherin der Region Mitte, nicht nur die schwierige Praktikabilität, sondern auch mangelnde Kundenakzeptanz. »Wir sind der Meinung, dass Verpackungen auf das Maß reduziert werden müssen, wie es nötig und praktikabel ist.« Bei Obst und Gemüse gebe es ein großes Angebot an loser Ware, zudem biete Rewe spezielle Mehrwegnetze als Alternative zu Plastikbeuteln an. Grundsätzlich verteufeln will Krauskopf Kunststoffverpackungen aber nicht, nicht zuletzt, weil sie die Produkte bei Transport und Lagerung schützen. Das sei auch aus ökologischer Sicht wichtig. »Der Ressourcenaufwand ist für die meisten Produkte wenstlich höher als für die Verpackung selbst.«

Das Einsparen von Einwegverpackungen darf nicht zu hygienischen Mängeln führen

Hans-Peter Stock

Eine ähnliche Strategie verfolgt auch Edeka. »Abfallvermeidung war schon immer Bestandteil des Geschäfts«, sagt Hans-Richard Schneeweiß, der Geschäftsführer des Hessenrings in Melsungen. Als Lebensmittel-Vollsortimenter setze Edeka auf Mehrweg, auf Bedientheken, auf lose Ware beim Obst und Gemüse. Und das Kundenverhalten ändere sich. Zunehmend verzichteten die Leute auf die dünnen Plastiktüten. »Sie legen ihre drei Äpfel lose in den Korb.«

Was aber ist mit der Tuppperdose an der Fleischtheke? Schneeweiß ist skeptisch. »Das sieht jeder Veterinär anders.« In ausgewählten Märkten in Norddeutschland werde die Tablettlösung auf ihre Praktikabilität hin getestet. »Von den Kunden wird das aber wenig nachgefragt.«

Ohnehin fällt laut Schneeweiß bei Fleisch und Wurst der wenigste Abfall an. Für viel effektiver hält der Geschäftsführer den Verzicht auf Einkaufstüten aus Plastik. Man bevormunde die Kunden nicht, deshalb biete man sie nach wie vor an. Aber die Leute wollen keine Plastiktüten mehr. Laut Schneeweiß ist die Nachfrage um 80 Prozent zurück gegangen.

 

Kundenverhalten ändert sich

Ein geändertes Kundenverhalten beobachtet auch Esther Schnaut, die neben ihrem Fleischerfachgeschäft in Wißmar auch einen Stand auf dem Gießener Wochenmarkt betreibt. Es komme immer öfter vor, dass Kunden den Aufschnitt in die eigene Dose gepackt haben wollen. »Wenn sie das wünschen, machen wir das«, sagt die stellvertretende Obermeisterin der Fleischerinnung. Der private Behälter dürfe aber nicht über die Theke gereicht werden, sondern muss obendrauf stehen bleiben. Und bei mariniertem Fleisch sei Mehrweg tabu.

Schnaut selbst bemüht sich, wo möglich auf Verpackungen zu verzichten. Dabei hat sie weniger das Papier für den Aufschnitt, als die Tragetaschen aus Plastik im Blick. »Die gibt es bei mir nur noch im äußersten Notfall«, sagt sie. Die Leute hätten sich darauf eingestellt. Insbesondere auf den Wochenmärkten sei der Verzicht auf Plastik ganz selbstverständlich. »Da haben alle eine Tasche, einen Rucksack oder einen Korb dabei.« Und manche eben eine Tupperdose.

Übrigens: Auch besagter Fischhändler akzeptiert sie mittlerweile. Im Spannungsfeld zwischen Kundenwünschen, Umweltschutz und Hygienevorschriften hat er sich für die Tablettlösung entschieden.

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