24. Mai 2017, 15:35 Uhr

Knast-Friseur

Haare kann er kürzen, die Haftstrafen aber nicht

Seit 23 Jahren schneidet Willi Moller den Häftlingen der Gießener JVA die Haare. Wie die Insassen seinen Besuch mit einem Blick in die Freiheit verbinden und warum einmal Blut floss.
24. Mai 2017, 15:35 Uhr
Christoph Hoffmann
Auch Scheren darf Friseur Willi Moller mit in den Knast nehmen. (Foto: Fotolia)

Wenn Willi Moller durch die Schleuse der Gießener Justizvollzugsanstalt tritt, schrillen die Sirenen. Scheren und Rasiermesser lassen den Metalldetektor hysterisch piepen. Trotzdem winkt ihn der Wärter regelmäßig durch. Und auch die Insassen sehen in dem 69-Jährigen keine Bedrohung. Im Gegenteil: »Der Wachmann sagt immer: Du bist der Einzige, auf den sich die Leute hier drin freuen.«

Dass der Heuchelheimer Friseur den Häftlingen einen neuen Haarschnitt verpasst, ist aber nur ein Grund für das Wohlwollen. Mindestens genauso wichtig: Moller behandelt die Männer mit Respekt, er urteilt nicht. »Im Grunde ist mir egal, warum sie sitzen. Jeder ist gleich. Das sagt auch der Gefängnispfarrer.«

Moller kommt jetzt schon seit 23 Jahren in die JVA. Zuvor hat er zehn Jahre lang den Soldaten der Steubenkaserne die Haare geschnitten. Als einer der dortigen Hauptfeldwebel dann Chef des Gießener Gefängnisses wurde, nahm er Moller kurzerhand mit. Seitdem kommt der Heuchelheimer alle zwei Wochen in die Gutfleischstraße.

 

Momentan schneide ich viele Irokesen und Boxerschnitte. Meist, wenn Verhandlungen oder Frauenbesuche anstehen.

Willi Moller

Die Verantwortlichen haben ihm neben der Bibliothek ein kleines Räumchen bereitgestellt. Ein Stuhl zum Haare schneiden, zwei weitere für die Wartenden. Mehr nicht. Aber Moller ist zufrieden. Er braucht nicht mehr.

 

Ohnehin ist der 69-Jährige ein bescheidener Mensch. Sein Salon in Heuchelheim ist spartanisch eingerichtet, das Werbeschild an der Eingangstür stammt vermutlich aus den 80ern. Das heißt aber nicht, dass seine Kundschaft nur altmodische Frisuren bekommt. Und anders als in Hollywood-Filmen setzt Moller bei den Gefängnisinsassen nicht die Schermaschine an und kürzt die Mähne pauschal auf ein paar Millimeter.

»Die Wünsche unterscheiden sich nicht von den Menschen in Freiheit. Momentan schneide ich viele Irokesen und Boxerschnitte. Meist, wenn Verhandlungen oder Frauenbesuche anstehen.« Angst, dass einer der Häftlinge – sie tragen beim Haareschneiden keine Handschellen – ihm die Schere aus der Hand reißen könnte, hat Moller übrigens nicht. In den zurückliegenden 23 Jahren ist nur einmal Blut geflossen – Moller hatte sich in die Hand geschnitten.

Nachfragen würde Moller nie

Die richtig schweren Jungs bekommt er meist ohnehin nicht auf den Stuhl. In der Gießener JVA sitzen nur Täter, die maximal zu zwei Jahren Haft verurteilt worden sind. »Häufig sind es kleinere Ganoven, denen ich die Haare schneide. Manchmal kommen aber auch Leute aus der Untersuchungshaft. Und die haben mehr auf dem Kerbholz. Totschlag zum Beispiel.«

Auch mutmaßlichen Kinderschändern hat er schon die Haare geschnitten. »Die werden dann alleine gebracht, sie sind bei den anderen Häftlingen nicht sonderlich beliebt.« Bei Moller auch nicht, einen Haarschnitt kriegen sie trotzdem.

Wegen welchen Straftaten die Männer einsitzen, weiß der Heuchelheimer oft aber gar nicht. Manchmal erfährt er davon aus der Zeitung, andere Male sprechen die Häftlinge von sich aus darüber. Nachfragen würde Moller aber nie. Die Häftlinge wissen das zu schätzen.


 

In meinem Zimmer gibt es ein Fenster mit Blick auf den Park. Oft stehen die Leute minutenlang davor und blicken nach draußen. Das ist ein Stück Freiheit für sie.

Willi Moller

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum die Insassen in Mollers provisorischen Salon strömen: »In der JVA sind die Zellen wabenförmig angeordnet, die Häftlinge können also nicht nach draußen schauen. In meinem Zimmer gibt es jedoch ein Fenster mit Blick auf den Park. Oft stehen die Leute minutenlang davor und blicken nach draußen. Das ist ein Stück Freiheit für sie.« Auch die Bonbons, die Moller stets mitbringt, nehmen die Häftlinge gerne an. »Früher habe ich Zigaretten verteilt, aber das ist inzwischen verboten.«

 

Gut für Mollers Portemonnaie, schließlich sind Bonbons billiger als Kippen. Das Geld, das er durch seine Besuche in der JVA bekommt, ist nämlich bestenfalls ein Nebenverdienst. Aber darum geht es ihm auch nicht. Ihm macht die Arbeit mit den Häftlingen Spaß. Es gebe zwar ein paar, die den starken Mann heraushängen ließen, die meisten seien aber sehr nett und dankbar. »Sie wünschen einem alles Gute und kehren sogar selber ihre Haare weg.« In seinem Friseursalon in Heuchelheim ist Moller das noch nicht passiert.



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