09. März 2018, 10:00 Uhr

Wohnprojekt

Günstige Miete für ein wenig Hilfe

Viele Senioren haben viel Wohnraum und könnten Hilfe gebrauchen. Viele Studenten haben wenig Geld, aber Zeit zum Anpacken. Ein Projekt des Studentenwerks bringt die Bedürfnisse zusammen.
09. März 2018, 10:00 Uhr
Benjamin Jenne und Maria Broens-Kneiding profitieren voneinander und haben sich als Mitbewohner schätzen gelernt. (Foto: jsh)

Mit kratzenden Geräuschen huschen zwei Yorkshires hektisch um den Tisch. Die zweibeinigen Mitbewohner Benjamin Jenne und Maria Broens-Kneiding wirken dagegen ganz gelassen. Ein eingespieltes Team. Oft sitzen sie hier in der hellen Wohnküche zusammen, spielen Schach, kochen, essen, diskutieren über Politik.

Soweit nicht ungewöhnlich für eine WG. Und doch ist diese Zweier-Wohngemeinschaft in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes: Die Vermieterin wohnt gemeinsam mit dem Mieter – und beide trennt ein Altersunterschied von 45 Jahren.

 

So viel Raum für mich alleine – ich fand das einfach unsozial

Maria Broens-Kneiding

Seit ein paar Jahren ist Broens-Kneiding im Ruhestand. Ihre Zahnarztpraxis im Parterre hat der frühere Kompagnon übernommen. Den Wohnbereich auf zwei Etagen, insgesamt 160 Quadratmeter, hat sie 2012 umbauen lassen, oben gibt es jetzt ein zweites Badezimmer. »So viel Raum für mich alleinen – ich fand das einfach unsozial.«

 

Anpacken zahlt sich aus

Sie stieß auf das Projekt »Wohnen für Mithilfe« des Studentenwerks Gießen und vermietet seit gut drei Jahren an Studierende. Die Grundzüge: Bürger aus Gießen und Umgebung können Wohnraum auf einer Online-Plattform anbieten. Studierende der Gießener Hochschulen nehmen bei Interesse Kontakt mit ihnen auf. Die Miete wird umso geringer, je mehr die Studierenden ihren Vermietern, die auch Mitbewohner sein können, im Alltag helfen.

»Es gibt heute so viele Leute, die alleine in riesigen Häusern leben. Für die könnte das doch eine tolle Möglichkeit sein«, findet Broens-Kneiding. »Man muss aber auch ein bisschen offen und kompromissbereit sein.« In dieser WG gelingt das offenbar bestens. Der 22-jährige Student wohnt seit etwa einem Jahr hier, schätzt den Alltag mit seiner Mitbewohnerin.

 

Unkomplizierter Alltag

Eine WG mit einer Seniorin – wie kam diese ungewöhnliche Konstellation bei seinem Umfeld an? »Alle Leute, denen ich davon erzählt habe, fanden das toll«, sagt Jenne. Einige Freunde und seine Familie kennen die Mitbewohnerin schon. Jenne und Broens-Kneiding sitzen einträchtig nebeneinander am Küchentisch, hören sich geduldig zu. Die gegenseitige Wertschätzung scheint mit Händen greifbar. »Sie kommt gut an bei den jungen Leuten«, sagt er. Beide lachen.

Der Alltag in der Wohnung ist, da sind sich beide einig, unkompliziert. »Wir hängen jetzt nicht supereng aufeinander, jeder macht sein Ding«, sagt Jenne. »Es gibt schon eine Aufgabenteilung: Die körperlich schweren Sachen – Holz holen, die Straße kehren, größere Einkäufe – erledige ich.«

Es tue gut, neben der Kopfarbeit im Studium »auch mal was Handwerkliches zu machen«. Broens-Kneiding zahlt ihm für die Hilfe 12 Euro je Stunde, so kann er die Monatsmiete (200 Euro warm) deutlich reduzieren. »Das ist auch mit dem Finanzamt alles sauber«, schiebt sie hinterher.

 

Beide Seiten profitieren

Die Mitbewohnerin als gelegentliche Arbeitgeberin – führt das zu Konflikten? »Nein«, sagt Jenne. »Maria ist da echt locker, das Arbeitsding läuft ziemlich angenehm.« Hilfe für sie, Mietminderung für ihn – der praktische Nutzen des Wohnkonzepts liegt auf der Hand.

Doch die beiden profitieren auch auf anderer Ebene voneinander: »Heute hat Maria mir gezeigt, wie man eine Heizung entlüftet.« Umgekehrt hat sich auch die Seniorin manches abgeguckt: »Benni ist beim Foodsharing dabei. Wir sind beide sparsam, und ich werfe jetzt noch weniger weg.« In Kontakt mit jungen Menschen zu bleiben, bedeutet ihr viel.

»Schade, dass du im April ausziehst – ich bräuchte jemanden, der den Teich säubert«, sagt Broens-Kneiding lächelnd. In ein paar Wochen geht Jenne nach Brandenburg, absolviert dort einen ökologischen Bundesfreiwilligendienst.

Kein Zweifel, die beiden haben einander schätzen gelernt. Doch der Bedarf an günstigen Wohnungen für Studenten ist groß. Gut möglich, dass Broens-Kneiding wieder jemanden findet, mit dem sie gern zusammen wohnt – nicht nur wegen der Pflege des Teichs.

Info

"Wohnen für Mithilfe"

Das Projekt des Studentenwerks Gießen besteht seit 2014. Aktuell sind vier Vermieter und zwei Suchende gelistet, insgesamt waren es bislang 46 Vermieter und 43 Wohnungssuchende. Das Studentenwerk bietet aktuell 3227 Wohnheimplätze in Gießen, Friedberg und Fulda, auf der Bewerberliste stehen zurzeit 874 Studierende.

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