10. Februar 2019, 22:49 Uhr

Großer Sohn eines kleinen Dorfes

Eduard David, der Präsident der Weimarer Nationalversammlung – ein Krofdorfer? Aber ja doch! Ziemlich genau 100 Jahre ist es her, dass der Sozialdemokrat an der Verfassung der Weimarer Republik mitgearbeitet hat. Daran wird jetzt in Krofdorf erinnert.
10. Februar 2019, 22:49 Uhr
Der geschäftsführende Vorstand des TSV Krofdorf-Gleiberg um Dr. Jürgen Leib (rechts) zusammen mit Ehrenbürgermeister Gerhard Schmidt, dem Parlamentsvorsitzenden Hans-Peter Steckbauer, dem SPD-Vorsitzenden Ralf Volgmann, dem Journalisten Norbert Schmidt und dem Sozialdemokraten Kai Daubertshäuser, dessen Vater schon auf die Bedeutung Eduard Davids hingewiesen hat. (Fotos: so/Archiv)

Einzig der Name der Sporthalle, der Eduard-David-Halle, erinnert in Krofdorf-Gleiberg an »einen großen Sohn eines kleinen Dorfes«, wie es Sportvereinsvorsitzender und Lokalforscher Dr. Jürgen Leib formuliert. Er hat sich gemeinsam mit einigen anderen auf Spurensuche begeben.

Vor 100 Jahren, am 7. Februar1919, war David zum ersten Präsidenten der Weimarer Nationalversammlung gewählt worden. Aus diesem Anlass kamen der geschäftsführende Vorstand des TSV Krofdorf-Gleiberg, Ehrenbürgermeister Gerhard Schmidt, der SPD-Vorsitzende Ralf Volgmann und der Lokaljournalist Norbert Schmidt am Samstag zu einer kleinen Gedenkstunde zusammen.

Erinnert wurde daran, dass sich die Nationalversammlung nach dem Sturz der Monarchie infolge des für Deutschland verlorenen Ersten Weltkriegs daran gemacht hatte, dem Land eine neue Verfassung zu geben. Und so die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland zu begründen, die auf dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht beruhte. »Sie entwarf, inmitten der Nachkriegsnot, die Vision einer besseren, gerechteren Gesellschaft. Die Ideale von Freiheit und Demokratie und von Rechts- und Sozialstaatlichkeit als Fundamente der Demokratie. Wir können stolz sein auf diese Verfassung«, so Gerhard Schmidt eingangs der Würdigung von Eduard David und seines Wirkens.

Eduard David, 1863 in Ediger an der Mosel geboren, kam im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Krofdorf. Sein Vater war als preußischer Finanzbeamter dorthin versetzt worden. So hat David rund 20 Jahre seiner Kindheit und Jugend unterm Gleiberg verbracht.

Nach dem Besuch der Volksschule ging er nach Gießen zum Großherzoglichen Gymnasium, dem heutigen Landgraf-Ludwigs-Gymnasium. An der damaligen Ludwigs-Universität nahm er seine Studien der Germanistik, Geschichte und Philosophie auf, promovierte 1892 mit einer 34-seitigen Schrift zur »Wortbildung der Mundart von Krofdorf«. Bereits 1887 hatte er den Krofdorfer Turnverein mitbegründet und wurde »Turnwart«, heute würde man sagen: Vorsitzender.

»Trotz des Wegzugs von Krofdorf und als vielbeschäftigter Politiker rissen die Verbindungen zu ›seinem‹ Verein, dessen Akteuren und seiner Heimatgemeinde nie ab«, hat Jürgen Leib recherchiert. So weilte David 1921 anlässlich eines Schauturnens in Krofdorf. Und 1926 fuhr der Vorsitzende des Bauausschusses, Sally Süßkind, nach Berlin, um den Reichtagsabgeordneten um finanzielle Unterstützung für den Bau einer Turnhalle zu bitten. Dass David seinem Heimatdorf und den Mitgliedern des Turnvereins all die Jahre treu verbunden blieb, das zeigen mehrere überlieferte Briefe aus dem Jahr 1927, die er an Krofdorfer Jugendfreunde respektive den Sportverein adressierte.

Doch die Erinnerung an einen großen Sohn eines kleinen Dorfes war über Jahrzehnte verblasst, gesteht Leib. »Sie gab es eigentlich nicht«, ergänzt Norbert Schmidt. Leib, Autor der großen Krofdorf-Chronik, räumt selbstkritisch ein, dass auch er David weitgehend übersehen hatte, als er das Standardwerk zur Lokalgeschichte gefertigt hat.

Mitnichten mit Absicht. Es hatte in Krofdorf-Gleiberg ehedem keine Tradition, mit Denkmälern, Straßennamen oder ähnlicher öffentlicher Symbolik an Bürger zu erinnern, die sich ums Dorf verdient gemacht haben. Vor dem Krieg nicht – und nach den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur mit »Hitler-Linden« und anderem mehr erst recht nicht mehr. Erst in den vergangenen Jahren hat sich die Erinnerungskultur in Krofdorf-Gleiberg – Stichwort Stolpersteine – etwas gewandelt. Und sollte es bis Mitte der 1980er Jahre dauern, dass Bürgermeister Gerhard Schmidt, der Redakteur der Gießener Allgemeinen Zeitung, Norbert Schmidt, und eben der Heimatforscher und Vorsitzender des TSV Krofdorf-Gleiberg, Dr. Jürgen Leib, die Initiative ergriffen: Sie haben dazu beigetragen, dass die 1969 gebaute und bis dato namenlose Sporthalle an der Turnhallenstraße den Namen Eduard Davids trägt.

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