25. September 2017, 00:33 Uhr

Gießen, Jamaika und die DDR

Die Wahlparty im Gießener Rathaus war so verhalten wie der ganze Wahlkampf. Könnte daran liegen, dass keiner so richtig Grund zum Feiern hatte. Lediglich die Mitglieder der kommunistischen DKP konnten sich über ein sensationelles Erfolgserlebnis freuen – wenn auch nur für wenige Sekunden.
25. September 2017, 00:33 Uhr
Der Countdown läuft: In wenigen Sekunden wird die erste Hochrechnung präsentiert. (Foto: Schepp)

Es ist 17.30 Uhr, noch 30 Minuten bis zur ersten Hochrechnung, der Konzertsaal im Gießener Rathaus ist aber noch nahezu verwaist. Lediglich ein paar Techniker sind zugange und werfen die noch leeren Hochrechnungstabellen an die Leinwand. Im Restaurant Bolero nebenan ist deutlich mehr los. Männer und Frauen kuscheln sich in rote Decken und machen es sich neben grünen Sträuchern gemütlich – nur Phantasten würden diese Farbkombination als Indiz für den Wahlausgang werten.

Nach und nach füllt sich das Rathaus. Doch anstatt in den Hermann-Levi-Saal zu gehen, versammeln sich die Besucher vor einem Fernsehgerät im Flur. Die erste Hochrechnung steht an, der Countdown läuft. Als das Ergebnis der CDU eingeblendet wird, geht ein Raunen durch den Flur. Betretenes Schweigen dann bei SPD und Linke. Bei den Ergebnissen von den Grünen und der FDP ist ein dezentes Klatschen zu vernehmen, von Jubel aber keine Spur. Auch der Gießener Wahlkreiskandidat der AfD, Uwe Schulz, bleibt beim Ergebnis seiner Partei nahezu regungslos. Lediglich ein dezentes Nicken huscht über sein Gesicht. 13 Prozent auf Bundesebene? Schulz hatte wohl mit mehr gerechnet. An diesem Abend scheint niemandem nach Feiern zumute zu sein. Als dann auch noch das SWG-WLAN im Stadtgebiet und somit auch im Rathaus ausfällt, machen sich die ersten Gäste auf den Heimweg.

DKP bei 100 Prozent

Dafür trudeln langsam die politischen Schwergewichte ein. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, Landrätin Anita Schneider, Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich, die Stadträte Astrid Eibelshäuser und Peter Neidel – und natürlich die Wahlkreiskandidaten Matthias Körner, Eva Goldbach und Ali Al-Dailami. Hermann Otto Solms kriegen die Besucher nur im TV zu sehen, zusammen mit Christian Linder schätzt er das Ergebnis in der Landeshauptstadt ein. Auch Helge Braun schwirrt irgendwo in Berlin herum. Später wird er seinen Parteifreunden per Videobotschaft danken.

Dabei hätte der Christdemokrat im Gießener Rathaus durchaus seinen Spaß gehabt. Nicht nur wegen des eigenen Wahlsiegs. Gelächter schallt durch den Saal, als um 18.53 Uhr die neue Hochrechnung für die Stadt Gießen angezeigt wird. Die kommunistische DKP steht bei 100 Prozent. DDR-Verhältnisse im Gießener Land? Nein, die technische Panne ist schnell behoben.

Ansonsten plätschert die Veranstaltung vor sich hin. Nur noch einmal wird es laut, als Körner seinen Kontrahenten Braun nach 15 ausgezählten Bezirken überholt. Die Genossen jubeln. Doch bereits nach dem 16. Bezirk liegt Braun wieder vorne – er wird es bis zum Ende bleiben.

Während im Saal das Gießener Ergebnis diskutiert wird, flimmert auf dem Fernsehgerät im Flur das Geschehen in Berlin über den Bildschirm. Die SPD geht in die Opposition. Eine Jamaika-Koalition ist im Gespräch. Dann die Nachrichten aus aller Welt: Das Säbelrasseln zwischen Trump und Nordkorea wird immer dramatischer, die Separatisten in Katalonien bereiten sich auf ein Referendum vor. Ereignisreiche Zeiten, die auf die Gießener Vertreter im Bundestag zukommen.

Um 21 Uhr ziehen die Parteimitglieder weiter zu den eigenen Wahlpartys. Der Hermann-Levi-Saal ist wieder leer. An der Tür ist eine Gedenkplakette für den Namensgeber angebracht. 1872 hat der Gießener das von Brahms komponierte Werk »Triumphlied« aufgeführt. An diesem Abend hat keine Partei Grund, das Stück zu spielen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alternative für Deutschland
  • Anita Schneider
  • Astrid Eibelshäuser
  • CDU
  • DDR
  • DKP
  • Deutscher Bundestag
  • Dietlind Grabe-Bolz
  • FDP
  • Fernsehgeräte
  • Feste
  • Gerda Weigel-Greilich
  • Helge Braun
  • Johannes Brahms
  • Kommunismus
  • Matthias Körner
  • Peter Neidel
  • Rathäuser
  • SPD
  • Wahlkampf
  • Oliver Schepp
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen