14. Juni 2019, 05:00 Uhr

Gewalttat in Gonterskirchen

Gewalttat in Gonterskirchen: Angeklagter lässt Urteilsverkündung platzen

Im Prozess zu dem brutalen Gewaltverbrechen in Gonterskirchen erwarteten sämtliche Verteidiger und Staatsanwalt Thomas Hauburger am Donnerstag das Urteil. Dann erhob plötzlich einer der Angeklagten ohne Absprache mit seinem Anwalt das Wort - und sorgte für eine weitere Pointe in einem seltsamen Verfahren.
14. Juni 2019, 05:00 Uhr
Das Urteil ist verschoben, der Vorsitzende Richter will in den kommenden Tagen einen Fortsetzungstermin bekannt geben.

Es sollte der große, finale Tag im Prozess zu dem Gewaltverbrechen in Gonterskirchen werden. Der Saal 200 am Gießener Landgericht war proppenvoll. In weiße Hemden gekleidet nahmen die Angeklagten Platz. In der zweiten Reihe auf den Besucherbänken betete eine Frau flüsternd in arabischer Sprache. Alle erwarteten nach dem zehn Monate andauernden Mammutverfahren ein Urteil, die Angeklagten sollen im November 2017 in ein Haus eingedrungen sein und einen Mann getötet haben. Dann aber brach am gestrigen Donnerstag einer der Angeklagten in Tränen aus, erhob das Wort - und brachte die Urteilsverkündung zum Platzen.

»Es ist extrem frustrierend«, sagte der Verteidiger einer der anderen Angeklagten, Dr. Ulrich Endres und schimpfte. »Mein Mandant will endlich wissen, wohin es geht - Freispruch oder Gefängnis.« Diplomatischer formulierte es Staatsanwalt Thomas Hauburger. »Ärgerlich«, sagte er. »Mehr werden sie aus mir heute nicht herausbekommen.« Die Strafprozessordnung erlaube es eben, kurz vor dem Urteil noch Anträge einzureichen.

Der Prozesstag begann mit einem Zusammenbruch. Der Mann, der mit der höchsten, Strafe aller fünf Angeklagten - lebenslang - rechnen muss, weinte und schüttelte sich. Dann erklärte der 35-Jährige aus Antwerpen, dass sich einer der anderen Angeklagten im Gefängnis in Frankfurt gegenüber anderen Insassen verplappert und erklärt habe, für die Tötung in Gonterskirchen maßgeblich verantwortlich zu sein. »Ich möchte nicht, dass das Gericht mich verurteilt, ohne Zeugen zu hören.« Er äußerte sich ohne Absprache mit seinem Verteidiger, der schließlich - fast widerwillig - einen schriftlichen Beweisantrag einreichte. »Ich verdanke die Zeugen im Frankfurter Gefängnis dem lieben Gott«, sagte derweil der 35-Jährige.

Staatsanwalt Hauburger äußerte sich verwundert. In dem Verfahren gebe es so viele widersprüchliche Aussagen. Der neue Antrag bilde nur eine weitere Widersprüchlichkeit ab, er sei daher zurückzuweisen.

Der Vorsitzende Richter Andreas Wellenkötter allerdings erklärte, die Kammer müsse sich über den Antrag Gedanken machen und eventuell Zeugen einladen. Das Urteil ist somit auf unbestimmte Zeit verzögert, Wellenkötter will in den kommenden Tagen einen neuen Fortsetzungstermin bekanntgeben.

Es ist eine weitere Pointe in einem ungewöhnlichen Verfahren. Bizarr ist bisweilen die Stimmung im Gerichtsaal seit dem ersten Prozesstag. Angeklagte und Angehörige lachen immer wieder, ein Anwalt eilt bisweilen nach draußen, um Verwandte seines Mandanten zu treffen und kichernd Süßigkeiten auszutauschen. Ein kleines Mädchen schießt am Donnerstag im Zuhörerraum Selfies. Als es zu laut quengelt und sich ein Besucher beschwert, reagiert die Mutter: »Halt die Fresse.« Wann der Prozess endet, ist wieder offen.

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