23. Mai 2018, 18:00 Uhr

Historische Kneipenrunde

Gesellige Runde statt Trauermarsch in Daubringen

Einst gab es in Daubringen gut ein halbes Dutzend Kneipen. Mit einem Leiterwagen samt Bier und vielen Geschichten im Gepäck machten sich 40 Menschen auf unterhaltsame Spurensuche.
23. Mai 2018, 18:00 Uhr
Von der Sportlerkneipe »Reutersch« (rechts hinter der Hecke) hatten Daubringer vor Jahrzehnten einen exklusiven Blick auf den Sportplatz, erzählt Udo Dort (l.). (Foto: jwr)

Seit ungefähr 23 Jahren wohnt Lothar Schreyeck in Daubringen, »aber den Hecht kenn ich noch!«, sagt der freundliche Mann mit grauer Mähne und schwäbischem Einschlag in der Sprache.

Rund 40 Menschen, größtenteils Daubringer, stehen im Halbkreis um einen Leiterwagen samt Bierkasten und schauen auf das rote Haus nebenan. Einst war es ein beliebter Treffpunkt, vor allem für Beamte, Bauern und »Bahner«, erzählt Udo Dort, der die historische Kneipenführung mit organisiert. Der »blaue Hecht« war auch das Stammlokal der »Harmonie« – damals, als es noch zwei Sängerbunde gab, die sich, wie mancher erzählt, nicht gewogen waren. Diverse Stammtische nutzten den »Hecht« an der Lumda als Domizil.

Daubringer Fenstersturz

Und dann ist da noch die Geschichte vom »Daubringer Fenstersturz« aus dem »Hecht«. Der Betroffene hat, wie bei einem ähnlichen Ereignis vor 400 Jahren, überlebt. Doch im Gegensatz zum »Prager Fenstersturz« löste der Fall von Daubringen keinen europaweiten Krieg aus. Im Dorf ist die Geschichte trotzdem in Erinnerung geblieben.

Ruckelnd rollt der Leiterwagen über die Straße. Mit dem Zwischern der Vogel mischt sich Gemurmel der Tour-Teilehmer, die ins Plaudern kommen.

Gut ein halbes Dutzend Ex-Kneipen wandert die Gruppe ab. Einst waren sie Schmelztigel des Dorflebens, viele verbinden prägende Momente mit diesen Orten. Mancher erinnert sich an WM-Spiele von 1954, die er unterm Kneipentisch kauernd gesehen hat, lange bevor Fernseher in jedem Wohnzimmer standen.

Auch ohne Mainzlar?

An einer Straßenecke zückt Schreyeck ein Buch mit alten Fotos von Daubringen und Mainzlar. »Gibts das auch ohne Mainzlar?«, fragt einer, die anderen lachen. Kleine Spitzen auf andere Staufenberger Stadtteile werden hier gern gehört. »Ich finds nicht schlimm, dass wir jetzt zu Staufenberg gehören«, sagt Dort, »wir haben den schöneren Blick auf die Burg«. »Und die anderen müssen auf Daubringen runtergucken – Pech gehabt!«, wirft ein Mann ein.

Als Daubringen vor der Gebietsreform Anfang der 1970er noch eigenständig war, sei hier, bei »Mellersch« im Gasthaus »zum Ludwig«, Politik gemacht worden, berichtet Schreyeck. »Hier saß früher oft der Bürgermeister am Stammtisch, er hat sein Amtssiegel immer dabei gehabt«.

Mittlerweile haben sich die Kneipentouristen einen Teil der Straße erobert. Autos bremsen ab und weichen aus. Einige Fahrer beäugen die Gruppe skeptisch. »Als ich den Führerschein gemacht hab, gab es noch die Frage: Was machen Sie, wenn Ihnen ein Leiterwagen entgegenkommt? Gibts heute auch nicht mehr«, sagt Dort.

Anekdoten sprudeln

Das Bier geht gut weg. Die Stimmung ist heiter, Anekdoten sprudeln. Die Tour erinnert an Ausflüge von Jugendlichen am 1. Mai, doch hier sind auch viele Senioren unterwegs. »Es geht nicht darum, möglichst viele historische Details abzuhaken, sondern darum, dass Menschen zusammenkommen und sich unterhalten«, erklärt Dort. Es ist kein Kneipen-Trauermarsch unter dem Motto »früher war alles besser«, eher eine Runde durchs Dorf in geselliger Runde.

Die Gruppe hält am alten Backhaus. Der Blick geht auf die andere Straßenseite. Schreyeck schaltet eine kleine Lautsprecherbox ein. »Pigalle, pigalle, so heißt die große Mausefalle«, tönt es nun am »Daubringer Eck«, auch bekannt als »scharfes Eck«. »Sowas lief hier früher«, sagt Schreyeck und tanzt. An die legendäre Disco können sich hier viele erinnern, ein Zeitungsartikel macht die Runde. Die Wanderer lassen sich eine lokale Spezialität schmecken, die es hier früher gab, eine Mischung aus Korn und Johannisbeersaft, den »Daubringer«.

"Café Hemd hoch"

Ein paar Schritte später schaltet Schreyeck die Box aus und bleibt stehen. »Hier war das ›Café Schneider‹«, sagt er leise. »Das war sozusagen die Vergnügungsmeile, im Dorf hieß es auch das ›Café Hemd hoch‹. Als ich das beim letzten Mal erzählt habe, wollte aber keiner schon mal hier gewesen sein.«

Nächster Halt: »Reutersch«. Heute trennt eine hohe Hecke das Eckhaus von der Alten-Busecker-Straße, früher war hier »die VIP-Lounge für Fußballspiele«. Nach dem Zweiten Weltkrieg enstand hier ein Neubaugebiet, der exklusive Blick auf den Sportplatz ist Geschichte.

50 Jahre währende Liebe

Etwas unterhalb des Waldes passieren sie den »Schubbe«, benannt auch nach seinem Besitzer: »Dietrich«. Für zwei aus der Gruppe hat dieser Ort besondere Bedeutung: »Das Ehepaar Diehl hat sich hier vor 50 Jahren kennengelernt«, verrät Dort, Applaus brandet auf, das Paar rückt zusammen. »Hier gab es eine Music-Box, dann wurde dazu getanzt«, erzählt Frau Diehl und deutet einen Twist an.

Zum Abschluss nach gut zwei Stunden hält Schreyeck noch eine Überraschung parat: eine Auswahl an Bieren, die früher in den Kneipen ausgeschenkt wurden. Und am Zielort warten Familienpizzen. Zumindest die gab es in Daubringen früher nicht.

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