11. April 2018, 21:52 Uhr

Geschichten der Kindheit

11. April 2018, 21:52 Uhr
Lieben beide die Mundart: Alfred Keil und Rita Mattern. (Foto: siw)

»Was der Digitalisierung entkommen ist, sind meine Bücher, mein Schaukelstuhl, Kuchenbleche und das Grinsen meines Sohnes.« Mit Sätzen wie diesem, mit dem Erzählen von Nebensächlichkeiten, gelingt es Alfred Keil (Großen-Buseck) immer wieder Wichtiges zu sagen. Zu seiner Lesung von kurzen Geschichten, die alle mit »es war einmal« anfingen und dennoch keine Märchen sind, waren 50 Besucher auf Einladung des Heimatvereins Beuern in den Alten Faselstall gekommen. Mehr hätten auch keinen Platz gefunden. Wunderbar ergänzt wurden Keils Lesungen und Liedvorträge durch die musikalischen Darbietungen der stellvertretenden Vorsitzenden des Heimatvereins, Rita Mattern.

Der Autor, Liedermacher, Philosoph und Poet versteht sich darauf, selbst komplizierte und ernste Sachverhalte durch seine geschliffenen und originellen Formulierungen als leicht verdauliche Kost zu servieren. So berichtete er vom Sommer nach der Stunde »null« (unter der Überschrift »Es war einmal ein Krieg«) von den gigantischen Panzern der Amerikaner, die durch Beuern rollten. Die Buben standen in Badehosen an der Ecke Untergasse/Adolf-Hitler-Straße, die flugs in Friedensstraße umgetauft wurde und heute Struthwaldstraße heißt. »Plötzlich tauchte ein Farbiger, den die Leute scheu Neger nannten, aus dem Turm seines Panzers auf, lachte mir zu und warf etwas Dunkles gegen meine Brust«, berichtete Keil, Jahrgang 1941. »Obba, Obba, die Amis weaffe mich met Dreack«, erboste er sich. Schnell klärte sich alles auf und die Schokolade schmeckte Keil so gut, dass er bis heute nicht davon losgekommen ist. »Mein Bauch ist kein Bierbauch, sondern ein Feinkostgewölbe«, fügte er schmunzelnd an.

Keil erzählte von dem Paradies unter den sechs Linden, dem Räuber- und Gendarmspiel, der »Beerdigung« des abgefallenen Fingernagels im Mauseloch und den Friseurbesuchen, als ein Haarschnitt noch 40 Pfennig kostete. Damals wollte keiner an die Reihe kommen, jeder den anderen vorlassen, um ja nichts von den Dorfgesprächen zu verpassen. Haarschneider Bachmann in Fünfhausen war das Kommunikationszentrum schlechthin.

Kolumnen im Internet

»Wo kriegst du für wenig Geld so viele Infos«, sang passend dazu Rita Mattern über ihre Friseurbesuche. Unter herzlichem Applaus verabschiedete die Mundartsängerin die Gäste mit »Muon iass aach noch en Doach« (Morgen ist auch noch ein Tag).

Gemäß dem Zitat »Zukunft braucht Herkunft« las Keil ausschließlich Geschichten aus seiner Kindheit in seinem Heimatort Beuern. In seinen wöchentlichen Kolumnen, die bereits seit zwei Jahren unter www.buseck-online.de veröffentlicht und von seinem Freund Michael Lemmer gestaltet werden, ist das thematische und geografische Spektrum hingegen weit gefasst. Reinschauen ausdrücklich erwünscht!

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