20. Oktober 2018, 13:00 Uhr

Schottergärten

»Gärten des Grauens« im Landkreis Gießen

Der Schottergarten hat nicht nur Freunde: Auf einer Facebookseite veröffentlichen Umweltschützer Bilder von Anlagen, die sie für besonders misslungen halten – auch aus dem Landkreis Gießen.
20. Oktober 2018, 13:00 Uhr
Umweltschützer kritiseren, dass die steinreichen Vorgärten keinen Lebensraum für Tiere und Pflanzen bieten. (Foto: pad)

Man findet ihn überall im Landkreis Gießen: den mit Steinen oder Steinplatten versiegelten Vorgarten. Ob in Langgöns, in Linden oder auch in Hungen: viele Steine, wenig Pflegeaufwand. Für manche Gartenarchitekten ist der Steingarten der Inbegriff der Vereinigung von Funktionalität und Ästhetik. Viele Naturschützer sehen in ihm hingegen ein Denkmal für die Zerstörung der Natur. Einer von ihnen ist Ulf Soltau. Auf seiner Facebook-Seite »Gärten des Grauens« hat er Tausende Bilder von steinüberfluteten Gärten gesammelt. Einige stammen auch aus dem Landkreis Gießen.

 

Früher Rasen, heute Steine

Die Kritik ist nicht neu: Bereits in den 1980er Jahren beklagte Dieter Wieland mit seiner Filmreihe »Grün kaputt« die Architektur deutscher Gärten, er hinterfragte, ob ein kurzgemähter leerer Rasen einer blühenden bunten Wiese wirklich vorzuziehen sei. Wieland ist ein großes Vorbild von Soltau. Jedoch sagt Soltau auch: »Er hat nichts erreicht, wenn man sich die Gärten heute anschaut. Heute haben wir nicht mehr englischen Rasen, sondern tote Schotterflächen.«

In diesen sieht Soltau eine große Gefahr für die deutsche Gartenkultur. Die Pflege und Kultivierung von Rosen und anderen Blumen, der Schnitt von Hecken, das Anlegen eines bunten Obstgartens – das Wissen um die hierfür notwendigen Techniken gehe mit dem vermeintlich pflegeleichten Garten langsam verloren. »Die Etablierung solcher Schotterflächen macht die Gartenkultur kaputt«, sagt er. »Das ist kein Garten, da wird eine Fläche in Gießharz eingegossen.« Zumal diese Gärten auch ein ökologisches Desaster seien, erklärt Soltau. Auf den großen Steinflächen fänden Insekten kaum Lebensraum und Nahrung. Da finde die Artenvernichtung nicht im fernen Regenwald, sondern vor der eigenen Haustür statt.

 

Gartenfreunde verbannten Soltau aus ihren Foren

Zunächst war Soltau in Foren und Gruppen von Gartenfreunden unterwegs, beteiligte sich an den Diskussionen. Jedoch prallten hier Meinungen aufeinander: Während dort mit vielen Steinflächen angelegte Gärten viel Lob erhielten, kritisierte Soltau diese als umweltschädlich und hässlich. Das endete damit, dass er schließlich aus vielen Gruppen und Foren verbannt wurde.

Also eröffnete er selbst eine Facebook-Seite: »Gärten des Grauens«. Nachdem rechtliche Bedenken über die Verwendung der Bilder ausgeräumt waren – das fotografieren von Gebäuden von der Straße aus ist laut der deutschen Gesetzgebung legal –, ging es im April 2016 los. Mittlerweile verfolgen rund 22 000 Gleichgesinnte die Posts steinreicher Gärten, reichen selbst Bilder ein.

 

Anstoßen, nicht anprangern

»Wir wollen keine Einzelnen anprangern«, sagt Soltau. »Wir wollen einen gesellschaftlichen Anstoß zum Umdenken geben.« Etwa, dass ein Garten mit wildwachsenden Blumen und Sträuchern nicht hässlich ist. Oder das ältere Menschen nicht durch den gesellschaftlichen Druck genötigt werden, einen sauberen Garten präsentieren zu müssen. Ein Garten dürfe auch mit seinen Besitzern altern. »Für mich wäre es schön, wenn die Leute ihre Gärten einfach verwildern ließen, wenn sie keine Lust oder Kraft mehr für Gartenarbeit haben.« Wenn solch ein Garten dann vererbt oder verkauft werde, habe der neue Besitzer die Möglichkeit, hier in die Wildnis hinein seinen eigenen Garten zu formen, sagt Soltau.

Die Verantwortung, öde Mondlandschaften vor den Häusern zu verhindern, sieht der Naturschützer nicht nur bei den Besitzern, sondern auch den Kommunen. »Gärten des Grauens« zeichnete beispielsweise Xanten mit dem »Terror Gardening Award« für besonders viele steinerne Vorgärten aus. Die Stadt habe daraufhin reagiert und die Bauvorschriften angepasst, sagt Soltau. Nun seien reine Schottergärten in Neubaugebieten unerwünscht.

Diesem Vorbild könnten auch andere Kommunen folgen. Oder selbst mit gutem Beispiel vorangehen und mehr Grün in ihren Grünanlagen zulassen. »Ich will die Leute nicht bevormunden«, sagt er. »Aber die Leute müssen mit ihren Gärten verantwortungsvoll umgehen.«

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