10. Mai 2018, 20:07 Uhr

Fluchtkarren und Sprengkugeln

10. Mai 2018, 20:07 Uhr
Am Fluchtkarren: (v. l.) Elke Lepper, Bürgermeisterin Patricia Ortmann, Eva-Gudrun Tamschick, Dr. Peter Mayser, Helmut Failing, Klaus Schmidt und Karl-Heinz Reeh. (Foto: ws)

Mit einem eindringlichen Appell eröffnete Helmut Failing, der Vorsitzende des Heimatvereins Rodheim-Bieber, dieser Tage die Sonderausstellung »Dreißigjähriger Krieg« im Rodheimer Heimatmuseum: »Wir sollten jeden Tag dankbar sein und hoffen, dass uns der Frieden noch sehr lange erhalten bleibt (…). Wir stumpfen schon ab, wenn wir, oft zur besten Fernsehzeit, das Leid und die Zerstörung in anderen Ländern sehen. Es ist ja weit weg von uns. Viele von uns stört, wenn die vom Krieg geflohenen Menschen zu uns kommen und um Asyl bitten«.

Mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 begann vor 400 Jahren der bis dahin schrecklichste Krieg auf deutschem Boden. Der als »Dreißigjähriger Krieg« bekannte Konflikt von 1618 bis 1648 wurde größtenteils auf deutschem Gebiet ausgetragen. Seine Brutalität, die lange Dauer, das unsägliche Leid der Zivilbevölkerung, die Hungersnöte und Seuchen stellten alles bis zu diesem Zeitpunkt Dagewesene in den Schatten. Ganze Landstriche wurden entvölkert. Die 1635 ausgebrochene Pestepidemie forderte wohl mehr Todesopfer als die kriegerischen Auseinandersetzungen.

»Blickfang« der Ausstellung ist ein sogenannter Fluchtkarren, mit dem die Menschen ihre Habseligkeiten auf der Flucht transportierten. 16 Bildtafeln wie etwa zur »Zerstörung der Gleiberger Oberburg« oder »Burg und Stadt Königsberg« informieren über das lokale Geschehen. Der alte Rodheimer Ortskern ist mit zahlreichen Bildern versehen.

In einer Vitrine ist eine original Lunten-Schloss-Muskete ausgestellt: In jenem Krieg wurde nicht mehr wie einst bei den Rittern mit Schwert und Lanze gekämpft, sondern mit Lunten-Musketen. Die Lunte der Muskete, die stets brannte, entzündete das Schwarzpulver auf der Gewehrpfanne, diese Zündung sorgte für das Zünden des Schießpulvers hinter der Geschosskugel. Zu sehen sind zudem Sprengkugeln der mauerbrechenden Artillerie, die beim Bau des Königsberger Schlosses 1920 gefunden wurden. Schlossbesitzerin Eva-Gudrun Tamschick stellte sie für die Ausstellung zur Verfügung. »1647 wurde Königsberg erobert. 48 Verteidigern standen 2000 bis 5000 Angreifer gegenüber«, erinnerte Dr. Mayser. Bürgermeisterin Patricia Ortmann dankte dem Heimatverein für das große ehrenamtliche Engagement bei der Vorbereitung der Ausstellungen.

Aus der Gießener Stadtchronik geht hervor, dass 1635 in Gießen 1503 der damals rund 3500 Einwohner an der Pest starben. Leider gibt es keine Zahlen vom Kirchspiel Rodheim; doch auch hier soll der »Schwarze Tod« gewütet haben. Lediglich von dem Vetzberger Ganerben Georg Dietrich von Holzapfel wird berichtet, dass er im Oktober 1635 nach Marburg zu seinem Schwager floh; aber auch er starb schließlich an der Pest.

»Wir wollen mit der Ausstellung an die Geschehnisse dieses schrecklichen Krieges in unserer nahen Heimat, im Kirchspiel Rodheim, im Biebertal, in Hessen und im Gleiberger Land berichten. Wurde unsere Heimat in den ersten Kriegsjahren relativ verschont, traf es sie dann umso heftiger zu Kriegsende im sogenannten Hessenkrieg mit der Zerstörung von Königsberg und auch Gleiberg«, erläuterte Failing. An den Friedensverhandlungen, die 1648 im Westfälischen Frieden mündeten, war auch der Biebertaler Justus Sinhold, genannt Schütz, teil. Die Ausstellung erforderte sehr viel Aufwand, den vorwiegend Peter Mayser, Karl-Heinz Reeh, Gerhard Sczepannek, Klaus Rüspeler, Klaus Schmidt und Helmut Failing leisteten.

Die Ausstellung ist bis 12. August sonntags von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Sondertermine können unter der Telefonnummer 0 64 09/92 15 vereinbart werden.

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