Kreis Gießen

Fliesenleger beutet Flüchtling aus

Ein syrischer Flüchtling findet eine Anstellung als Fliesenleger. Der Job wäre ein guter Schritt, um anzukommen im Kreis Gießen. Doch er trifft auf einen Halsabschneider.
20. November 2017, 10:00 Uhr
Stefan Schaal
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Drei Monate lang arbeitet ein syrischer Flüchtling für einen Fernwalder Fliesenleger. Als er keinen Lohn erhält, zieht er vor Gericht. (Symbolfoto: dpa)

Der junge Mann kauert an einem Tisch in einem Saal im dritten Stock des Gießener Arbeitsgerichts. Er fühlt sich betrogen. Zweieinhalb Monate hat der syrische Flüchtling für einen Handwerksbetrieb im Landkreis gearbeitet. Er hat Fliesen verlegt, in mehreren Häusern im Gießener Land.

Sein Chef aber hat ihm kein Gehalt gezahlt, hat ihn immer wieder vertröstet. Nun fordert der Flüchtling am Arbeitsgericht seinen Lohn ein. Es geht um 5000 Euro – und um viel mehr.

Vor einem Jahr, am 15. November 2016, trat der junge Syrer seinen ersten Arbeitstag an. Endlich konnte er sich nützlich machen. Zwei Jahre zuvor war der Flüchtling in Deutschland angekommen. Seine Heimatstadt Qamischli im Norden Syriens war vom sogenannten »Islamischen Staat« bombardiert worden.

Für den Flüchtling war der Job ein Schritt, um anzukommen in der neuen Heimat. Worüber er sich vor allem freute: Er hatte einen Job in seinem gelernten Beruf gefunden: Als Fliesenleger setzte er Platten in Böden und Wände ein, stellte Estriche her, bereitete Mörtel zu, erledigte Putz- und Trockenbauarbeiten.

Dass er Deutsch nur sehr gebrochen spricht, war dabei kein Hindernis. Sein Chef allerdings nutzte die Naivität des 22-Jährigen aus – und zahlte ihm monatelang das Gehalt nicht.

Chef behauptet: Lohn bar gezahlt

Der Rechtsanwalt des Handwerksbetriebs fragt den Syrer im Gerichtssaal: »Warum haben Sie denn weitergearbeitet, wenn Sie kein Geld gesehen haben?« Jörg Braun, rechtlicher Beistand des Flüchtlings, schüttelt den Kopf, läuft rot an. Dann hält er fest: »Es gibt Menschen, die werden ausgenutzt.«

Der Chef des Unternehmens behauptet außerdem, er habe dem Flüchtling den Lohn bar ausgezahlt. »Ich habe es ihm in die Hand gedrückt«, sagt er vor Gericht.  »Er wollte das, weil er eine Zahnbehandlung vorhatte.«

Richterin Christina Hergarten schenkt ihm allerdings keinen Glauben. Der Geschäftsführer des Handwerksbetriebs müsse nachweisen, wann, wo und wie die Zahlungen erfolgt seien, erklärt sie.

Als der 22-jährige Syrer nach dem ersten Monat keinen Lohn erhielt, schöpfte er noch keinen Verdacht. Sein Chef erklärte, er benötige eine Bescheinigung der Sozialversicherung. Der Flüchtling reichte das entsprechende Formular der AOK nach.

»Trotzdem habe ich kein Gehalt bekommen«, berichtet der Syrer. Als das Jobcenter im Januar dieses Jahres Geld von dem Flüchtling zurückverlangte, weil dieser doch mittlerweile berufstätig war, wehrte sich der Syrer. Er berichtete dem Jobcenter, dass er keinen Lohn erhalten hatte.

Das Jobcenter fragte daraufhin bei dem Handwerksbetrieb nach. Der Chef schickte Quittungen. Unterschrieben hatte diese allerdings nicht der Flüchtling. Der Chef des Handwerkbetriebs hatte sie schlicht selbst unterzeichnet.

Die Entscheidung der Kammer am Arbeitsgericht: Der Unternehmer muss dem Flüchtling den Lohn in Höhe von 4972 Euro zahlen. Außerdem hat der Betrieb eine Verzugspauschale von 120 Euro zu entrichten.

Der Flüchtling verzichtet derweil auf eine Anzeige wegen Betrugs, wie sein Rechtsanwalt erklärte. Der junge Syrer hat inzwischen eine neue Stelle gefunden: als Lagerarbeiter in Buseck.

Der Handwerksbetrieb hat übrigens Leistungen vom Jobcenter dafür erhalten, den jungen Mann, der vorher arbeitslos gewesen war, zu beschäftigen. Der Chef der Fernwalder Firma hat das Geld aber inzwischen komplett zurückgezahlt, wie das Jobcenter bestätigt.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Fliesenleger-beutet-Fluechtling-aus;art457,348849

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