24. Oktober 2017, 18:00 Uhr

Sehbehinderter Künstler

Fast blind und doch Maler: Wie funktioniert das?

Boro Lukajic ist Hobbykünstler - obwohl er nur noch zehn Prozent seiner Sehfähigkeit besitzt. Trotzdem malt er Ladnschaften und Porträts. Wie funktioniert das?
24. Oktober 2017, 18:00 Uhr
Mit ein paar Pinselstrichen sind die Umrisse des Modells schnell auf die Leinwand gebracht. Wenn es um Details wie Augen, Nase oder Mund geht, braucht Boro Lukajic viel länger.

Ein altes Holzbrett liegt auf zwei Wasserkisten, darauf steht eine furnierte Pressspanplatte, auf die eine Leinwand getackert ist. Davor diverse Pinsel in verschiedenen Größen und ein Dutzend Acrylfarben in Tuben und Flaschen. Ein ausgemusterter Quarkbecher dient als Wasserbehälter. Es ist das provisorische Atelier von Boro Lukajic, eingerichtet zwischen Werkzeug, Verlängerungskabel und Gartenschlauch in seiner Garage im alten Muschenheimer Ortskern. Hier in der Großgasse 10 hat er vor ein paar Jahren eine alte Leidenschaft wieder neu für sich entdeckt: das Malen. Eigentlich nicht ungewöhnlich, denn Hobbykünstler gibt es viele. Doch der gebürtige Jugoslawe ist nahezu blind. Seit Mitte der siebziger Jahre leidet er am Grünen Star, besitzt nur noch zehn Prozent seiner Sehfähigkeit.

Bundeskanzlerin im Fokus

Mithilfe von Brille und Lupe bewältigt der 66-Jährige seinen Alltag, seit dem Tod seiner Frau Hilde vor vier Jahren sogar ganz allein. Dabei sieht er schon in etwa einem Meter Entfernung nur noch Umrisse. »Im Dunkeln ist es noch problematischer«, sagt der Senior. Deshalb malt er am liebsten bei Tageslicht, im Hof oder in seinem großen Garten am Ortsrand.
 

Seine Werke zeigen Menschen, Landschaften und Orte, fiktive sowie Originalschauplätze, beispielsweise das Restaurant Zum Heiligen Stein, die Großgasse mit Blick auf den Kirchturm oder einen Wasserfall nahe seiner Heimatstadt Banja Luka. Auf seinem jüngsten Werk hat er Bundeskanzlerin Angela Merkel festgehalten, die er für eine besonnene Politikern hält. Früher begeisterte er sich für SPD-Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Helmut Schmidt. »Die will ich auch noch malen«, sagt der Muschenheimer. Denn eigentlich dienen all die Bilder nur einem Ziel: einem Porträt seiner verstorbenen Frau. Ein solches zu malen, hatte er sich nach ihrem Tod vorgenommen, seitdem übt er dafür. Der Grund: »Es muss perfekt sein.«

Probleme mit Details

Perfektionismus allerdings ist angesichts seiner Sehbehinderung schwierig. Gerade Details bereiten Lukajic Probleme. Während er Umrisse meist schnell auf die Leinwand gepinselt hat, benötigt er Zeit, wenn es beispielsweise an Gesichtszüge geht.

Wie für ein Bild von seiner Stieftochter. »Ich habe allein sechs Stunden für die Nase gebraucht«, erzählt der 66-Jährige. Immer wieder musste er mit der Lupe die Pinselstriche prüfen, übermalen und nacharbeiten. Aber Zeit hat er als Rentner genug.

Ausstellung bei Raumausstatter

Der Umgang mit Farbe und Pinsel ist ihm aus seiner Kindheit vertraut. In der Schule hat er verschiedene Maltechniken gelernt und mit seinen Bildern an Wettbewerben teilgenommen. »Ich habe damals sogar einige Preise gewonnen«, erinnert sich Lukajic. Nach dem Abschluss ging er zur Armee und wanderte als 22-Jähriger nach Deutschland aus, wo er als Gastwirt sein Geld verdiente. Gemeinsam mit seiner Frau betrieb er 25 Jahre lang die Bierstube in der Licher Oberstadt.

Wer sich seine Bilder anschauen möchte, kann dies beim örtlichen Raumausstatter in der Schulstraße tun. Dort stellt der Senior immer wieder ausgewählte Exponate aus.

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