22. Februar 2017, 12:44 Uhr

Politik-Fazit

"Fairer Umgang war nach fünf Minuten Schnee von gestern"

Helge Stadelmann und Wolfgang Sames sind vor einem Jahr ins Parlament gewählt worden. Heute erzählen sie von ihren Erlebnissen. Es sind nicht nur positive.
22. Februar 2017, 12:44 Uhr
Mit Pferden ist der Umgang meist einfacher als mit Politikern, weiß Wolfgang Sames.

Wolfgang Sames schlendert über seinen Reiterhof am Rande Watzenborn-Steinbergs. Er ist der Herr von über 50 Pferden, gleichzeitig bewirtschaftet er 90 Hektar Ackerland. »Als Unternehmer und Landwirt ist man es gewohnt, schnelle Entscheidungen zu treffen und auf neue Gegebenheiten rasch zu reagieren«, sagt der 61-Jährige. Nach einer kurzen Pause fügt er an: »In der Politik ist das leider nicht immer so.«

Sames selbst hätte wohl am wenigsten damit gerechnet, bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr in die Stadtverordnetenversammlung gewählt zu werden. »Ein Kollege aus Hausen hatte mich angesprochen, ich solle doch auch in die FDP eintreten und mich für die Belange der Landwirte einsetzen. Das habe ich gemacht. Ich war dann aber schon sehr überrascht, als ich tatsächlich gewählt worden bin.«

Eine positive Überraschung wohlbemerkt, die nächste fiel dann aber eher negativ aus. »In der ersten Sitzung wurde eine Rede gehalten. Es ging darum, fair miteinander umzugehen und durch Sachlichkeit der Politikmüdigkeit entgegenzutreten. Aber das war nach fünf Minuten Schnee von gestern.

« Dass der mitunter raue Ton in der Pohlheimer Stadtverordnetenversammlung für einen Neuen befremdlich wirken kann, ist verständlich. Er habe sich daher erst einmal zurückgehalten, sagt Sames – auch aus inhaltlichen Gründen. »Man kennt sich noch nicht so gut mit den Abläufen aus. Zum Beispiel die Geldströme: Wenn man den Idealismus hat, etwas für die Schulen zu machen, erfährt man, dass der Kreis dafür zuständig ist.« Neu sei für ihn auch gewesen, dass manche Entscheidungen sehr viel Zeit benötigten. Klar: Als Landwirt ist er es gewohnt, allein wegen des Wetters täglich Entscheidungen zu treffen und auch umzusetzen. »In der Kommunalpolitik ziehen sich viele Sachen hingegen ewig hin. Das gilt zum Teil auch für kleine Dinge, die im Haushalt keine übergeordnete Rolle spielen.«

Sames ist bei den Pferdeboxen angekommen. Er steigt durch das Gitter und positioniert das Tier fürs Foto. Es hört aufs Wort. In der Stadtverordnetenversammlung hat das Wort des Pohlheimers deutlich weniger Gewicht. Die FDP ist in der Opposition, neben Sames sitzt mit Fabian Schäfer nur ein weiterer Liberaler in der Versammlung. »Es ist nicht so leicht, etwas zu bewegen. Aber man kann gute Argumente anbringen, auf die die anderen Fraktionen dann hören.«

Zu den anderen Fraktionen gehört neben der SPD, den Grünen und den Freien Wählern auch die CDU. Und für die sitzt seit einem Jahr Prof. Helge Stadelmann in der Stadtverordnetenversammlung. Der 65-Jährige hat es sich im Keller seines Wohnhauses in Dorf-Güll gemütlich gemacht. Etliche Bücher säumen die Wände seines Arbeitszimmers, viele handeln von bedeutsamen gesellschaftlichen Themen. Im Pohlheimer Stadtparlament muss sich der Professor nun mit deutlich kleineren Fragen beschäftigen. Stadelmann schmunzelt: »Das war schon eine Herausforderung. Als ich 2008 in die Partei eingetreten bin, ging es mir eher um die großen Fragen, zum Beispiel Hochschulpolitik und Demographie. Für mich war es dann völlig neu, als es plötzlich um Bürgersteige und Straßenbeläge ging.«

Stadelmann ist zwar seit 2008 Mitglied der Christdemokraten, politisch aktiv war er jedoch nicht. »Als ich mein Rektorat an der Theologischen Hochschule in Gießen abgegeben habe, habe ich meine Mitgliedschaft von Gießen auf Pohlheim umschreiben lassen.« Er habe sich dann mehr oder weniger überreden lassen, auf einem Listenplatz zu kandidieren. »Ich wollte niemandem einen Posten wegnehmen. Deshalb stand ich nur auf Listenplatz 24.

« Stadelmann hatte aber das Kumulieren und Panaschieren nicht berücksichtigt. Und so kam es, wie es kommen musste: Die Wähler spülten ihn auf Platz 12 vor. »Ich bin also reingekommen, ohne es zu wollen. Aber ich habe inzwischen Interesse dran gefunden. Ich fühle mich als Azubi, der sich in viele Dinge einarbeiten muss.«

Ähnlich argumentiert auch Sames. Ohnehin gibt es viele Parallelen zwischen den beiden. Sie sind mit über 60 Jahren als Politikneulinge überraschend in das Parlament gewählt worden. Was die beiden aber unterscheidet: Stadelmann ist Mitglied der Mehrheitskoalition. Er kann also mehr bewegen, gleichzeitig lastet auch mehr Verantwortung auf seinen Schultern. Wenn Sames bei einem Antrag anders als sein Fraktionskollege stimmt, sind die Auswirkungen meist gering. Bei Stadelmann sieht das ganz anders aus. CDU und FW haben nur eine Stimme mehr als SPD, Grüne und FDP. Wenn Stadelmann nicht mitstimmt, ist die Mehrheit futsch. Noch sei er nicht in der Situation gewesen, das Wohl der Fraktion über seine eigene Meinung stellen zu müssen, sagt Stadelmann. »Aber in den Fraktionssitzungen kann es schon mal laut werden, wenn unterschiedliche Ansichten aufeinandertreffen.«

Den Status des Neulings hat Stadelmann inzwischen abgestreift, kürzlich ist er sogar zum Vize-Parteivorsitzenden gewählt worden. »Vor einem Dreiviertel Jahr wäre das noch undenkbar gewesen«, sagt er und erzählt, dass sein Einzug ins Parlament nicht nur Begeisterungsstürme ausgelöst habe. »Einige, die nicht gewählt worden sind, obwohl sie auf der Liste weiter vorne standen, waren enttäuscht. Nach dem Motto: Da kommt einer aus der letzten Reihe und wird gewählt, nur weil er Professor ist.« Bei der ersten Versammlung nach der Wahl habe er diese Enttäuschung auch zu spüren bekommen. Aber das habe sich längst gelegt.

Nicht nur deshalb fällt sein Fazit nach einem Jahr positiv aus. Und auch Sames blickt trotz einiger Kritikpunkte zufrieden zurück. Vielleicht liegt es daran, dass Pferde und Politiker gar nicht so unterschiedlich sind. Einige sind zahm, andere treten gerne mal aus. Es gibt erfahrene Schlachtrösser, zurückhaltende Ponys und stolze Hengste. Sames und Stadelmann sind so gesehen Fohlen – auch wenn sie schon einige Jahre auf dem Buckel haben.

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