13. Oktober 2017, 15:37 Uhr

Kinokritik

Erotik unter Pseudonym »Tom of Finland«

Der Film »Tom of Finland« beschäftigt sich nicht nur mit dem Leben von Touko Laaksonen, sondern auch der Geschichte der Akzeptanz der Homosexualität.
13. Oktober 2017, 15:37 Uhr
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Aus der Redaktion

Touko Laaksonen (Pekka Strang) provoziert auf doppelte Weise: zum einen durch seine Homosexualität, zum anderen durch Männerpornografien. Regisseur Dome Karukoski liefert in dem sehenswerten Biopic ein differenziertes Bild des finnischen Künstlers.

Traumatisiert als Soldat im Zweiten Weltkrieg, hält Touko (1920 bis 1991) Erlebtes zeichnerisch mit fotografischem Gedächtnis fest. Seine sexuelle Neigung kann er auch nach dem Krieg nur im Geheimen ausüben. Karukoski vermittelt eine eindringliche Vorstellung von der sittenstrengen Gesellschaft, die die Schwulen-Kultur im Keim erstickt. Erst 1957 erntet Laaksonen unter dem Pseudonym Tom of Finland Erfolg in der kalifornischen Bodybuilder-Szene. Zurück liegen vergebliche Bemühungen, in der Heimat die Pornos zu veröffentlichen; die Tätigkeit als Werbemanager sichert Touko immerhin die wirtschaftliche Existenz. Selbst die Schwester Kaija (Jessica Grabowski) ahnt seine Hingezogenheit zu Männern kaum – auch nicht, als der Tänzer Nipa (Lauri Tilkanen) in die gemeinsame Wohnung einzieht und sich eine Affäre zwischen den Kumpels anbahnt.

Sensible Darstellung

Zum Verhängnis wird Touko eine Reise nach Berlin, auf der er von der Polizei mit sexuellen Aktdarstellungen erwischt wird. Der Künstler hofft, dass ihm in der misslichen Lage der Diplomat Alijoki (Taisto Oksanen) hilft, sein einstiger Vorgesetzter im Krieg. Bei solchen gefährlichen Momenten fesselt die ausgereizte Dramatik. Dies gilt auch für Szenen, in denen sich erotisches Knistern als trügerisch erweist. Pekka Strang verleiht dem charismatischen Protagonisten virtuos markante Züge. Ebenso überzeugt Lauri Tilkanen als sensibler Tänzer oder Taisto Oksanen als mutiger, die Karriere aufs Spiel setzender Weggefährte.

In dem einschränkenden sozialen Klima der Metropole Helsinki gilt Homosexualität als etwas Abnormes, Krankhaftes. Wirkungsvoll stellt der Regisseur dazu die offenere kalifornische Atmosphäre in Kontrast. Hier wird Touko als Held gefeiert und bestärkt Gleichgesinnte in ihrem Selbstwertgefühl.

Nahtlos eingewebt sind Rückblenden, überhaupt erscheint die Geschichte sehr stringent erzählt. Der Film führt lebhaft vor Augen, wie sich das Schwulenmilieu binnen relativ kurzer Zeit emanzipiert. Während Homosexuelle in der Nachkriegszeit noch ihre Freiheit riskieren, bisweilen gar in Entzugskliniken landen, entspannt sich die Situation wenige Jahrzehnte später. Da mutet Toukos Schwester wie eine Ewiggestrige an, wenn sie sein Künstlerdasein zum Schluss in Frage stellt und seine schmutzige Fantasien beflügelnden Zeichnungen auf das Kommerzielle reduziert.



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