09. April 2019, 22:24 Uhr

Erinnern an die Bombennacht

Fast hätte er die Nacht auf den 22. März 1944 nicht überlebt. Doch der gebürtige Großen-Lindener Willi Stoll hatte Glück. Er war gerade 16 geworden, als er in den Krieg musste – als Luftwaffenhelfer zur Flugabwehr nach Frankfurt. Dann kamen die Bomber, ein Großteil der Altstadt wurde zerstört. Den jungen Willi Stoll hätte eine Luftmine beinahe das Leben gekostet.
09. April 2019, 22:24 Uhr
Mittlerweile ist Willi Stoll 91 Jahre alt. Die Erinnerung an den verheerenden Bombenangriff auf Frankfurt in der Nacht auf den 22. März 1944 ist nach wie vor sehr lebendig. Eindrucksvoll schildert er seine Erlebnisse als 16-Jähriger auf der Trabrennbahn in Niederrad, die damals militärisch genutzt worden ist. (Foto: Nici Merz)

Ein kindliches Gesicht blickt aus dem Album heraus. Ein Junge, gerade 16, in eine Uniform gesteckt. »Wir waren Kindersoldaten«, sagt Willi Stoll, der Junge von damals, 75 Jahre danach. Der 91 Jahre alte gebürtige Großen-Lindener erzählt von den Monaten auf der Trabrennbahn in Frankfurt-Niederrad, wo der Junge – wie so viele andere seines Jahrgangs – in diesen sinnlosen Krieg geworfen wurde.

Jüngst haben sich die schwersten Bombenangriffe auf Frankfurt – vier Angriffe in einer Woche – zum 75. Mal gejährt. Stoll war als Flakhelfer mittendrin. »Wir haben aus der Ferne gesehen, wie ganz Frankfurt in Flammen stand«, sagt Stoll, der damals die Aufbauschule in Friedberg besuchte. In der Nacht auf den 22. März 1944 starben in Frankfurt über 1000 Menschen. Stoll überlebte – und ist damit einer der wenigen Zeitzeugen.

1928 wurde er in Großen-Linden geboren. Nach der Volksschule wechselte er an das Aufbaugymnasium in der Friedberger Burg. Dann kam der 12. Januar 1944. Am 1. Januar war Stoll 16 Jahre alt geworden, elf Tage später wurde er einberufen, wie alle seine Klassenkameraden. Drei Monate zuvor war sein älterer Bruder in Russland gefallen. »Sie können sich also den Kummer meiner Mutter vorstellen.« Wenige Tage war Stoll in Sulzbach stationiert, ehe er nach Niederrad versetzt wurde. Sechs Geschütze mit Kaliber 8,8 standen mitten auf der Rennbahn. Stoll zählte zu den schmächtigeren Jungs, wurde deshalb nicht für die Geschütze eingeteilt, sondern für die Nachrichtenübermittlung. War ein Bombergeschwader im Anflug, musste er die Informationen an den Kommandanten weiterleiten. Die Bewegung der Bomberverbände wurde in Planquadrate eingetragen. Alles andere war höhere Mathematik: Entfernung, Geschwindigkeit und Höhe der Verbände mussten ermittelt und dementsprechend die Zünder der Granaten eingestellt werden. »Was für ein tolles Ding«, habe er beim Anblick der gewaltigen Geschütze zuerst gedacht, erinnert sich Stoll. »Wir hatten den Ernst der Lage noch nicht richtig erfasst, wir waren noch zu unreif.«

Die Lehrer der Aufbauschule kamen zum Unterricht in die Einheit, und zuweilen waren sie auch nach den Angriffen da, um zu schauen, »wie es ihren Buben geht«. Einmal die Woche durfte der Junge mit seiner Klasse zum Fachunterricht nach Friedberg. »Da hatte man die Chance, noch mal nach Hause zu fahren und sich mit fehlendem Proviant einzudecken.«

In jener verheerenden Bombennacht am 22. März 1944 war Stoll zur Feuerwache an den Mannschaftbaracken eingeteilt, als eine Luftmine in nächster Nähe explodierte. Die Baracken standen in einem Graben, in dem Stoll seinen Dienst verrichtete. Durch den Druck der Explosion klappten die Baracken wie Kartenhäuser auseinander, eine Wand lag plötzlich über dem Jungen. Stoll überlebte:. »Wäre ich auf der anderen Seite des Walles gewesen, hätte es mich gefetzt.«

Er war noch eine Zeit lang in Niederrad stationiert, kam später nach Neu-Isenburg. Der Junge entging der Kriegsgefangenschaft, weil sein Vorgesetzter ihn kurz vor Ankunft der Amerikaner aus dem Dienst entließ, womit Stoll kein Soldat mehr war. Zu Fuß machte er sich durch das nächtliche, völlig zerstörte Frankfurt und von dort aus weiter nach Großen-Linden. Wieder zu Hause, sollte er drei Tage vor Ankunft der Amerikaner noch zum Volkssturm eingezogen werden. Willi Stoll wollte sich stellen: »Wir waren so durch Gehirnwäsche auf Gehorsam gedrillt.« Doch der Junge hörte dann doch auf das Machtwort seines Vaters: »Es wird hier geblieben!«

Über 70 Jahre danach sind die Ereignisse aus den letzten Kriegsmonaten für Willi Stoll nicht nur eine Erinnerung, sondern auch Mahnung: »Nur durch das geeinte Europa sind Kriege verhindert worden und werden hoffentlich nicht mehr passieren.«

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