14. April 2013, 14:48 Uhr

Erhebung zeigt: 8770 »Multi-Jobber« im Gießener Land

Gießen (bf). Immer mehr Menschen im Landkreis brauchen zum Auskommen mindestens ein zweites berufliches Einkommen: Mehr als 8770 Berufstätige hätten im vergangenen Jahr einen Mini-Job als zusätzliche Einnahmequelle nötig gehabt.
14. April 2013, 14:48 Uhr

Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Pestel-Instituts in Hannover im Auftrag der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) und der Gewerkschaft Nahrung – Genuss – Gaststätten (NGG).

Studienleiter Matthias Günther sprach gegenüber der Presse von einem drastischen Anstieg dieser Zahl – um 122 Prozent binnen zehn Jahren. Im vergangenen Jahr hätten sich nahezu neun Prozent der Beschäftigten im Kreis mit einem 400-Euro-Job nebenher Geld dazuverdient.

»Wir haben das Phänomen der Multi-Jobber. Das sind Menschen, die mit dem Geld, das sie in ihrem Hauptberuf verdienen, nicht mehr auskommen. Deshalb müssen sie auf einen oder mehrere Nebenjobs ausweichen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Aus der puren Lust an einer 55- oder 60-Stunden-Woche macht das jedenfalls keiner«, meint Susanne Pitzer-Schild, Verdi-Geschäftsführerin in Mittelhessen.

Verantwortlich für das »Multi-Jobben« seien vor allem Niedriglöhne. »Auf der einen Seite werden Stundenlöhne bezahlt, die im Keller sind. Auf der anderen Seite steigen die Lebenshaltungskosten. Das beste Beispiel ist das Wohnen. Hier dreht sich – nicht zuletzt wegen der Heiz- und Nebenkosten – die Preisspirale unaufhörlich nach oben. Da sind Niedrigverdiener gezwungen, nach Feierabend und an Wochenenden noch einmal zur Zweit-Arbeit zu gehen.«

Mindestlohn-Forderung 8,50 Euro

Abhilfe könne nur ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn schaffen, sagen Verdi und NGG. »8,50 Euro pro Stunde – das ist der Mindestpreis, den Arbeit bei uns hat. Wer heute für weniger Geld arbeiten muss, der hat keine Chance, von dem, was er verdient, leben zu können«, urteilt der mittelhessische NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann. Und selbst ein Mindestlohn von 8,50 Euro reiche am Ende gerade einmal für ein Leben »haarscharf über dem Hartz-IV-Niveau«. Die generelle Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde könne daher nur ein Einstieg sein. »Alles darunter bedeutet erhebliche Abstriche beim Lebensstandard. Und vor allem auch ›Ebbe bei der Rente». Altersarmut ist so programmiert.« Folglich müsse auch ein 8,50-Euro-Mindestlohn in weiteren Schritten rasch angehoben werden.

Eine Absage erteilen Verdi und NGG dem Vorhaben der Regierungskoalition in Berlin, regional unterschiedliche Lohnuntergrenzen einzuführen. Dann würde Deutschland zu einem »Lohn-Flickenteppich«. Pitzer-Schild warnt vor »einer Deutschlandkarte mit Dumpinglohn-Löchern«, in die hinein dann »von skrupellosen Unternehmen die Aufträge vergeben« würden. Abgesehen davon hält sie regionale Mindestlohn-Tarifverhandlungen »schlichtweg für nicht machbar, da sich die Arbeitgeber von Lohndrücker-Branchen garantiert nicht an einen Verhandlungstisch setzen würden«. Auch wirksame Kontrollen wären bei wechselnden Mindestlohngebieten in der Praxis nicht machbar.

Kampmann bittet Beschäftigte aus dem Gießener Land, die zu einem Niedriglohn arbeiten, die bei www.dumpinglohnmelder.de im Internet anzuzeigen, um an einer möglichst vollständigen nationalen »Billiglohn-Landkarte« mitzuwirken.

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