05. Januar 2017, 18:57 Uhr

Endlich loslassen

Ernst Schäfer steht auf und drückt sein Kreuz durch, seine Mimik friert ein. »Und dann fuhr der Panzer direkt vor unserem Haus in Daubringen vorbei«, sagt er. »Brmmmmm brmmmm.« Seine Stimme vibriert, die Augen fixieren die Wand, werden glasig. Es sind Erinnerungen aus seiner Kindheit, die den 82-Jährigen bis heute beschäftigen. Er hat darüber ein Buch geschrieben – um loslassen zu können.
05. Januar 2017, 18:57 Uhr
V or Ernst Schäfer steht ein Glas mit Apfelsaftschorle. Er wird während unseres Gesprächs kein einziges Mal davon trinken. Er erzählt stattdessen, warum er dieses 118-seitige Buch über seine Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Daubringen schreiben musste. Was ihn dazu bewegt hat, Erlebtem und Erzähltem eine Form zu geben. Der Inhalt und die Gründe berühren den 82-Jährigen so sehr, dass seine Stimme immer wieder bricht und ihm Tränen in die Augen schießen. Dann lehnt er sich langsam zurück in die Kissen der beigen Couch. Seine Tochter Karin Leinweber legt ihre Hand auf seinen Rücken. »Ich habe dieses Buch nicht aus kommerziellen Gründen geschrieben«, sagt er leise. »Sondern weil es mir wichtig war.« Seine Ehefrau Annemarie sitzt gegenüber auf einem Sessel und sagt: »Es wurde auch langsam Zeit.«
Sein Leben lang hat Schäfer gearbeitet. Zusammen mit seiner Ehefrau zog er die beiden Töchter groß, engagierte sich in der Sängervereinigung Staufenberg. Wenn in geselliger Runde über den Zweiten Weltkrieg gesprochen wurde, dann ließ er meistens die anderen erzählen. Das änderte sich schlagartig, als Schäfer in Rente ging und einen Zeitungsartikel las. Anlass war der 70. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad. »Mein Vater hat dort in der Nähe gekämpft«, sagt er.
Im Februar 1943 war die sechste Armee der Wehrmacht in Stalingrad von der Roten Armee vernichtet worden. Ein psychologischer Wendepunkt im Vernichtungskrieg der Nazis in der Sowjetunion. Schäfer erinnert sich genau an den November 1943. Seine Lehrerin, eine stramme Nationalsozialistin, hatte die Kinder am Heldengedenktag zu den Kriegswitwen im Dorf geschickt. Die Jungen erhielten einen Zettel mit der Anschrift, die Mädchen einen Korb und ein Sträußchen. Sie mussten den trauernden Familien ein Gedicht vortragen. In einem Leserbrief zu dem Artikel über Stalingrad schreibt Schäfer 2013: »Hier möchte ich meinen Bericht beenden, denn was sich an jenem Sonntagmorgen vor unseren Kinderaugen zugetragen hat, kann ich schwer in Worte fassen. Ich habe es mein Leben lang nicht vergessen.«
Erinnerungen spülen an die Oberfläche, brechen alle Dämme. Die hatte Schäfer im Laufe der Jahrzehnte gebaut, um sein Leben zu leben. Er begann zu erzählen, und seine beiden Töchter hörten ihm zu. »Irgendwann haben wir dann gesagt, dass er das alles aufschreiben muss. Um es für die Nachwelt zu erhalten«, sagt Leinweber. Schäfer wischt sich die Tränen aus dem Augenwinkel. Er nickt. Der Staufenberger schrieb, eineinhalb Jahre lang. Vor allem in den Wintermonaten formulierte er Zeile um Zeile. Seine Handschrift sieht aus wie gedruckt, fast zu schön, um wahr zu sein. Erst waren es 26 Seiten, dann 40. Am Ende wurden es über 100 DIN-A 4-Seiten, die er alle mit Klarsichtfolien geschützt in einem gelben Ordner abgeheftet hat.
Da hat sich keiner aufgemacht, den ganz großen historischen Bogen zu spannen. Schäfer will mit Anekdoten Einblick in den damaligen Kriegsalltag geben. Wer den 82-Jährigen erlebt, wie er das Erzählte mit Gesten und Mimik begleitet, Lieder anstimmt, Geräusche imitiert, dem erscheint das Gelesene noch viel näher als ohnehin schon. Er erzählt von seiner Einschulung, von der Nachbarskatze, vom guten Verhältnis mit den russischen Kriegsgefangenen, die im Steinbruch und in der Sandgrube der Didierwerke arbeiten mussten. Vom Bombenangriff auf Gießen, vom tödlichen Unfall eines Jungen aus Daubringen, der mit einer Waffe hantierte und von Schokoladenpudding. Oder vom Betrüger, der die Sehnsüchte der Daubringer nach der Rückkehr von Vermissten ausnutzte. Das alles schildert Schäfer aus der oftmals kindlich-naiven Sicht eines kleinen Steppkes – mit einem erstaunlichen Blick für Details. Die Uhrzeit, als die amerikanischen Panzer an seinem Elternhaus in Daubringen vorbeifuhren, weiß er heute noch auf die Minute: 18.28 Uhr. »Jeder Tag bot etwas Neues, und wir waren mit unseren Nasen immer vorne mit dabei«, sagt er.
Einiges hat der 82-Jährige nicht aufgeschrieben. »Das wollte ich den Lesern nicht zumuten.« Sein Vater hatte ihm diese Begebenheiten nach seiner Rückkehr aus Russland erzählt. Weil es der Junior unbedingt wissen wollte. Zum Beispiel die Geschichte von der Offensive der Einheit seines Vaters und den jungen Russen, die sich ergaben. Wenig später entdeckte der Vater die drei Buben, die seine Söhne hätten sein können, erschossen im Straßengraben liegen. Oder die Geschichte vom Marsch ausgemergelter russischer Kriegsgefangener, die kaum noch laufen konnten und sich gegenseitig festhielten, um nicht umzufallen.
Es sind diese Geschichten, die Schäfer zu einem Mann gemacht haben, der die Wiederbewaffnung Deutschlands 1950 als Schock empfand. Als er dann auch noch hörte, wie die Bundeswehrsoldaten im heutigen Europaviertel in Gießen das NS-Kampflied »Bombenfliegermarsch der Legion Condor« anstimmten, wurde seine Hoffnung auf Frieden tief erschüttert.
Leinweber sagt, ihr Vater gehöre einer vergessenen Generation an. »Kinder und Jugendliche, die ein Leben lang mit Traumata leben mussten und niemanden hatten, mit dem sie das Erlebte aufarbeiten konnten.« Annemarie Schäfer betont, damals seien die Menschen eben froh gewesen, dass es nach dem Krieg so schnell aufwärts ging. Warum also über die Vergangenheit nachdenken? »Und wir konnten endlich wieder sagen, was wir wollten. Das war damals ja nicht möglich.« Ernst Schäfer hat jetzt, mit 82 Jahren, gesagt, was er wollte.Handschriftlich hat Ernst Schäfer die Erinnerung an seine Kindheit (l.) und an seinen Vater zu Papier gebracht. Jetzt ist daraus ein Buch entstanden. Es hat den Titel »Pappdeckel, Tiefflieger und Schokoladenpudding«. (Fotos: khn)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bücher
  • Daubringen
  • Erinnerungen
  • Ernst Schäfer
  • Kindheit
  • Rote Armee
  • Wehrmacht
  • Kays Al-Khanak
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos