27. November 2018, 10:00 Uhr

Elektrosmog

Elektrosmog: Seniorin steht ständig unter Strom

Brummen im Kopf, Bluthochdruck, Schlafstörungen: Eine Seniorin plagen Beschwerden. Sie ist überzeugt: Elektrosmog ist die Ursache. Ihre Ärztin ist ratlos, die Seniorin weiß nicht mehr weiter.
27. November 2018, 10:00 Uhr
Jonas_Wissner
Von Jonas Wissner
Von den täglichen Belastungen des Menschen durch elektrische, magnetische oder elektromagnetische Felder können durchaus unerwünschte biologische Wirkungen ausgehen. Eine Frau aus dem Landkreis ist betroffen. (Foto: fotolia/Gina Sanders)

»Seit vier Uhr bin ich auf und war heute Morgen schon schwimmen«, sagt die Mittsechzigerin mit müden Augen und aufgeregter Stimme. Sie schläft in Etappen, ist tagsüber oft schlagskaputt, hat immer wieder mit Kopfschmerzen, Dröhnen im Kopf und Bluthochdruck zu kämpfen.

»Ein Spannungsgefühl, als würde ich unter Strom stehen.« Seit Jahren ist das so. Sie sei physisch gesund, auch eine psychische Erkrankung habe nicht festgestellt werden können, erzählt sie – und ist mittlerweile überzeugt: Stünde dieser weiße Kasten nicht vor ihrem Haus, dann würde es ihr besser gehen.

Sie wohnt hier allein, die Kinder haben selbst schon Familie. Im großen Garten baut sie Gemüse an. Drinnen ist es gemütlich. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass hier jemand lebt, der Elektrizität vermeidet.

 

Küche wird zum Schlafzimmer

Doch die Frau überlegt sich genau, wann sie sich wo aufhält. Den Raum nahe an der Straßenecke, wo der Kasten steht, meidet sie.

Die sparsam eingerichtete Küche ist, kaum sichtbar, zum Schlafzimmer geworden: »Zum Mittagsschlaf und abends lege ich mir hier eine Matratze neben den Tisch«, verrät sie.

Denn von dieser Ecke des Hauses ist der Internet-Verteilerkasten am weitesten entfernt. Wenn sie hier weilt, nehme das Dröhnen im Kopf, das Unwohlsein ab.

Wenn man belächelt wird, ist das gemein. Das macht traurig, man wird unglücklich

Ähnlich sensibel reagiere sie auf elektrisches Licht, sagt sie. Die Lichtschalter bleiben in ihrem Haus meist ungenutzt, nur ein kleines Lämpchen über dem Herd stellt sie an. Im Wohnzimmer steht ein Fernseher, »aber ich weiß gar nicht, ob der noch geht«. Sie hat sich an ein Leben ohne Flimmerkiste gewöhnt.

Ob die Schmerzen, das Unwohlsein wirklich von Elektrosmog herrühren? Schwer zu sagen, erst recht als medizinischer Laie.

Für die Seniorin jedenfalls ist die Ursache ihres Leidens inzwischen ausgemachte Sache. Ihre Frauenärztin habe mit einem Messgerät die besondere Sensibilität festgestellt.

Auf dem Wohnzimmertisch hat die schmerzgeplagte Patientin Prospekte und Bücher zum Thema akkurat ausgebreitet. Sie zückt ein Dokument von der Gynäkologin, in dem diese ihr »Intoleranz bezüglich Elektrosmog, Funk und elektromagnetischer Strahlung« attestiert.

 

Ein »Heilstein« soll helfen

Es beruhigt sie ein Stück weit, eine Erklärung gefunden zu haben. Unterm Strich ein schwacher Trost, denn wirklich helfen konnte ihr bislang niemand. Eine Freundin hat ihr einen »Heilstein« vorbeigebracht.

Neben dem Herd liegt ein Blatt Papier mit Strichcodes darauf. Auch das würde die Strahlung schmälern, habe jemand behauptet. Sogar einen Gast mit Wünschelrute hatte sie schon im Haus.

Geholfen hat nichts von alledem. Zumindest etwas Linderung spüre sie dagegen, wenn sie die Hände unter Wasser hat, etwa beim Spülen.

Probleme, die sie inzwischen auf elektromagnetische Strahlung zurückführt, begleiten sie schon lange. Bereits vor vielen Jahren, erzählt sie, habe sie schwer auf Bildschirme schauen können, draußen habe sie sich ohnehin immer wohler gefühlt.

 

Körper entgiftet

Heftig sei es dann in einer Situation geworden, mit der sich viele ältere Menschen konfrontiert sehen: Weil das Hörvermögen nachließ, testete sie Hörgeräte. Eines nach dem anderen. Aber welches Modell sie auch versuchte: Kopfschmerzen, permanentes Brummen gingen stets damit einher, oft etwas zeitversetzt. »Mir kamen die Tränen, ich konnte nicht mehr.« Sie hat es aufgegeben, trägt heute kein Hörgerät.

Auch für die behandelnde Allgemeinmedizinerin ist dieser Fall ein besonderer. Die Ärztin mit ganzheitlicher Ausrichtung hat häufiger Patienten, bei denen Sensibilität für elektromagnetische Strahlung eine mögliche Erklärung für Beschwerden ist.

»Das beschäftigt in erster Linie jüngere Menschen«, sagt sie. Mitunter kämen Eltern, deren Kinder schlecht schliefen oder Konzentrationsschwierigkeiten hätten, ohne dass ein Grund erkennbar sei. Manchmal trete eine Besserung ein, wenn die Betroffenen beispielsweise weiter von Steckdosen entfernt schliefen. Ein Placebo-Effekt? »Das ist nicht auszuschließen«, sagt die Ärztin.

Doch Tipps wie dieser hätten bei der Seniorin keine Besserung gebracht, berichtet sie, ebensowenig eine Art Entgiftung von Schwermetallen im Körper. »Ich habe in ihrem Fall nicht mehr viele Ideen. Bei ihr ist das Phänomen, dass die Beschwerden sehr stark sind, aber nichts hilft.«

Sogar mit dem Bürgermeister hat die Frau schon über den verhassten Kasten an der Straße gesprochen, mehrmals. Sie bat ihn, sich dafür einzusetzen, dass die auch Strom führende Verteilerstelle für Internetanschlüsse versetzt, zumindest abgeschirmt wird.

 

Hilft Abschirmung am Gartenzaun?

Der Rathauschef bestätigt das: »Ich glaube der Frau, dass sie da empfindlich ist. Ob das von dem Kasten kommt, weiß ich nicht – ich bin kein Physiker.«

Er habe sich an die Telekom gewandt und nachgefragt. Doch da es sich um einen Einzelfall handle, werde sich an der Position des Verteilers wohl nichts ändern.

Der Frau habe er geraten, sich an einen Umweltberater zu wenden. Vielleicht könne man am Gartenzaun eine Art Abschirmung anbringen.

Der Bürgermeister ist auch kein Mediziner. Doch er hat die Vermutung, dass auch etwas Psychosomatisches hinter den Beschwerden stecken könnte: »Das Problem scheint tiefgründiger zu sein.«

Die Seniorin bietet ein Stück Kuchen mit Äpfeln aus dem heimischen Garten an. »Ich habe das Gefühl, es ist alles ausgeschöpft.« Sie wirkt resigniert.

 

Freunde zeigen Verständnis

Einige Freunde zeigen Verständnis, versuchen zu helfen. Doch das Unverständnis anderer schmerzt sie mindestens so sehr wie das Dröhnen und Brummen im Kopf. Als sie sich nach einer neuen Klingel erkundigte, habe der Handwerker gesagt: »Sie brauchen keinen Elektriker, Sie brauchen einen Psychologen!« Manche sähen sie als Spinnerin, als eingebildete Kranke. »Wenn man belächelt wird, ist das gemein. Das macht traurig, man wird unglücklich.«

Warum hat sie sich an die Zeitung gewandt? Vielleicht, meint sie, haben andere ja das gleiche Problem. Nicht, dass das ihre eigenen Beschwerden lindern würde. Aber wenn sie von Menschen erführe, denen es ebenso ergeht wie ihr und die sie verstehen, wäre das ja auch eine Art von Hilfe.

 

Info

Wer ist auch betroffen?

Haben auch Sie wie die Protagonistin im Text den Eindruck, dass elektromagnetische Strahlung bei Ihnen Beschwerden auslösen? Sie können sich per E-Mail an redaktion@giessener-allgemeine.de an uns wenden. Wir geben Ihre Kontaktdaten dann an die Seniorin weiter. (jwr)



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