10. August 2018, 22:01 Uhr

Eiskalter Sommer

Es war ein Abend in der Höhle des Löwen. Sebastian Sommer, Deutschland-Chef der Firma Neinver, die in Pohlheim ein Outlet-Center errichten will, nahm am Donnerstag an einer Diskussion der Gegner des Großprojekts teil. Mit einem mutigen Auftritt und zwei Sätzen brachte er die Besucher zum Staunen.
10. August 2018, 22:01 Uhr
Sebastian Sommer (l.) vom Outlet-Betreiber Neinver diskutiert unter der Moderation von Joachim Braun (2. v. r.) mit der Landtagspolitikerin Eva Goldbach von den Grünen (2. v. l.) und SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel (r.). (Foto: srs)

Zwei Stunden an Reden und an Musik waren vergangen, Landtagspolitiker hatten mit markigen Sprüchen die Pläne verurteilt, ein Factory-Outlet-Center in Garbenteich zu erbauen. Gerade hatte eine Band eine süßliche Version des Songs »Hallelujah« von Leonard Cohen intoniert, da wurde es in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg endlich spannend. Die Inkarnation des Bösen stand auf der Bühne – zumindest aus Sicht der Gegner des Pohlheimer Outlet-Projekts, die in der Halle am Donnerstagabend die überwältigende Mehrheit unter den 250 Besuchern stellten. Mit einem Augenzwinkern stellte sich Sebastian Sommer, Deutschland-Chef des Outlet-Investors Neinver, vor: »Wir sind die, die dieses Teufelswerk machen.«

Es war ein mutiger Auftritt Sommers – als einziger Befürworter des Großprojekts auf dem Podium. Mit zwei Sätzen allerdings löste er höhnisches Gelächter im Publikum aus. Auf die Frage »Wer braucht ein Factory-Outlet-Center?« hätte man von einem smarten Unternehmer Verweise auf Besucherzahlen erfolgreicher Outlets und Sätze wie »Outlets sind touristische Magnete« erwartet. Sommer aber antwortete. »Wer braucht Outlet-Center? Die Hersteller. Die Händler. Die Marken.«

Aus seiner Sicht, erklärte Sommer, stehe fest, dass irgendwann ein Outlet-Center nach Mittelhessen komme. Dass geplante Einkaufszentren auch scheitern, gehöre zum Geschäft. »Für jedes Projekt, das gelingt, scheitern drei Projekte«, sagte er. Maßgeblich entscheidend dafür, ob in Garbenteich ein Outlet-Center entstehe, sei der Ausgang der Landtagswahl, räumte er ein.

Zum Staunen und Kopfschütteln brachte Sommer die Zuhörer ein weiteres Mal, als er eiskalt sämtliche Vorträge der anderen Teilnehmer der Veranstaltung zuvor als unangemessen abkanzelte. »Alles, was bisher gesagt wurde, entbehrt jeglicher Sachlichkeit.«

Gänzlich unrecht hatte er damit freilich nicht. Das Setzen auf Emotionen und der Wahlkampfmodus dominierten in vielen Redebeiträgen. Der hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel kündigte an, es werde keine landespolitische Unterstützung für das Projekt in Pohlheim geben – »ob nun die SPD oder die Grünen an der Regierung sind.« Ein Outlet-Center sei »nicht zunutzen der ganzen Region«, betonte er. Es gelte »alle Kraft darauf zu richten, dass das Outlet-Center nicht kommt.« Gegenüber Neinver-Chef Sommer sagte er: »Sparen Sie sich das Geld für die Gutachten.«

Im Vorfeld hatte Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann (CDU) abgelehnt, mit Schäfer-Gümbel an einer Podiumsdiskussion zum Bürgerentscheid teilzunehmen. Der SPD-Landeschef äußerte sich darüber »befremdet«, sprach von einem »einmaligen Vorgang«. Schöffmann, der an der Diskussionsveranstaltung am Donnerstag nicht teilnahm, sagte gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung: »Die Bürgerinitiative glaubt, Landtagswahlkampf mit unserem Thema zu machen. Hier aber sollen die Pohlheimer entscheiden.«

Heinz-Jörg Ebert, Chef des Gießener Schuhhauses Darré und Vorsitzender des BID Seltersweg, warnte am Donnerstagabend in einer Präsentation vor der »Illusion einer heilen Einkaufswelt« durch Factory-Outlet-Center. Die riesigen Einkaufszentren seien architektonische Fremdkörper und eine Gefahr für Innenstädte und deren Einzelhandel. »Der Verlierer ist immer die Kommune«, hob Ebert hervor, zitierte immer wieder aus der Streitschrift »Angriff auf die City« des Architekten, Stadtplaners und scharfen Kritikers von Konsumtempeln auf der grünen Wiese, Walter Brune.

Im Publikum trat kurz darauf die Gießener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz ans Mikrofon. Die Stadt Gießen werde gegen das Outlet-Projekt vorgehen, erklärte sie. »Wir sind eine Region«, sagte sie unter lautstarkem Applaus. »Wir müssen zusammenstehen und dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen.«

Eva Goldbach, Landtagsabgeordnete der Grünen, und Dr. Günther Lißmann, Sachverständiger beim Regierungspräsidium in Kassel, beklagten die zunehmende Versiegelung von landwirtschaftlicher Fläche. »Wir verballern Agrarböden, als gäbe es kein Morgen«, sagte Lißmann.

Auffallend zurückhaltend war der Vorsitzende der Bürgerinitiative Garbenteich, Olaf Bappert. Er könne sich nicht vorstellen, dass Unternehmen wie Neinver »sich so in ein Projekt reinhängen, wenn sie sich nicht hundertprozentig sicher sind, dass sie das Outlet-Center genehmigt kriegen.«

Per Videobotschaft erklärte Ministerpräsident Volker Bouffier schließlich, er begrüße den Bürgerentscheid in Pohlheim auch aufgrund der kontroversen Diskussionen. »Sie sollten die Chance nutzen«, rief er zur Teilnahme am Entscheid auf. »Dieses Bürgervotum ist mir sehr wichtig.«

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