Kreis Gießen

Eingespielte Rock-Talente

Satte Rocksounds erfüllten am Mittwoch das sehr gut besuchte Kino. Das Publikum war neugierig, was die heimische Band »Retina Crude« bei ihrer CD-Vorstellung wohl hören lassen würde. Es gab solide Rockmusik, druckvoll emotional und mit guter Geschlossenheit realisiert. Die vielseitige Band erhielt reichlich Beifall.
20. April 2017, 18:50 Uhr
der Redaktion
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Sie wissen, was rockt: Jascha Wiessner, Johannes Schlüter, Henrik Scholtz und Jonas Noll im Kino »Traumstern«. (Foto: kdw)

Satte Rocksounds erfüllten am Mittwoch das sehr gut besuchte Kino. Das Publikum war neugierig, was die heimische Band »Retina Crude« bei ihrer CD-Vorstellung wohl hören lassen würde. Es gab solide Rockmusik, druckvoll emotional und mit guter Geschlossenheit realisiert. Die vielseitige Band erhielt reichlich Beifall.

Zu Recht, denn da kam großes Talent zum Vorschein. Johannes Schlüter (Bass, Gesang), Jonas Noll (Gitarre, Gesang, Klavier), Jascha Wiessner (Gitarre) und Henrik Scholtz (Schlagzeug) aus Lich und Laubach traten vor einem Jahr in Laubach beim Open-Air-Kino auf, seither bei verschiedenen Gelegenheiten. Ende 2015 begannen sie, ihr erstes Album »Please turn around« aufzunehmen. Ein zweites ist bereits in Arbeit.

Die Grundideen der Songs stammen meistens von Jonas Noll. Man spürt sofort, dass die Gruppe schon eine Weile intensiv zusammen spielt; es gibt eine große Vertrautheit. Hier stakst keine Schülerband durch ihr Repertoire, obwohl sich die Musiker noch nicht allzu lange im Besitz des Abiturs befinden. Und es wird auch kein Dezibeltrip gefeiert. Die Lust am Schalldruck hält sich in disziplinierten Grenzen, auch wenn die Band eine Großpackung Ohrenstöpsel für empfindliche Zuhörer bereitlegte; ein schöner Gag.

Schon im ersten Set fällt die Geschlossenheit auf, die sich allmählich stark verfestigt. Im klaren Saalsound wird die saubere Arbeit von Drummer Scholtz deutlich. Und die Band verfügt über klare Bühnenpersönlichkeiten: Den extrovertierten Melodiegitarristen und Sänger, der auch am Keyboard bestens agiert (Noll), den stoischen, unerschütterlichen Melodiegitarristen (Wiessner) und nicht zuletzt den temperamentvollen Basspieler (Schlüter). Zur Abrundung singt Cara Eckler einige hohe Passagen.

Erstes Glanzlicht ist »Every morning«, ein schöner Rocker, der differenziert und mit gutem Drive rüberkommt. Im zweiten Set, Noll muss seine Stimme schonen, wird gejammt: schwungvoll und einfallsreich rauscht das aus den Boxen. »Before you even know« ist ein weiterer Höhepunkt. Und überraschend hört man immer wieder ein paar Zitate: Elemente von Led Zeppelin, von den Allman Brothers Band, auch mal psychedelische Träumereien. Ganz und gar funktioniert »Thanks«: Der Song zieht einen mit und hinterlässt ein gutes Gefühl. Vorläufig driftet die Band leicht unentschlossen zwischen ihren großen Fähigkeiten: zu viele Töne, zu schnell musiziert, reichlich Wechsel – das ergibt nicht immer ein stimmiges Gesamtbild. Man muss auch nicht bei jedem Titel sein ganzes Können zeigen, selbiges wird auch so schon beim ersten Song deutlich.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Eingespielte-Rock-Talente;art457,243304

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