30. Oktober 2018, 21:36 Uhr

Eine Reise ins Leben

30. Oktober 2018, 21:36 Uhr

In manchem Leben steckt so viel Dramatik, dass selbst ein Opernlibretto dagegen nicht absurd erscheint. In ihrem neuen Roman »Die jüdische Souffleuse« verbindet Adriana Altaras ihre Leidenschaft für das Theater mit der Vorliebe für Geschichten, die das Leben schreibt. Am Sonntagmittag las sie aus diesem Buch – nach der Premiere auf der Frankfurter Buchmesse – im ausverkauften Kino »Traumstern«.

Mord und Totschlag, Liebe, Hass und Eifersucht – das ist der Stoff, von dem das Theater lebt. Es spiele keine Rolle, ob die Geschichten, die sie erzähle, wahr seien oder nicht, meint die in Gießen aufgewachsene Schauspielerin, Autorin und Regisseurin. »Je ehrlicher ich eine Geschichte wiedergebe, desto weniger glauben sie die Leute.«

Doch diese Geschichte ist wahr. Und weil jeder Autor immer auch etwas über sein Leben erzählt, verwebt Altaras die Handlung mit persönlichen Erlebnissen. Schauplatz sind die Kulissen einer Opernbühne in einer hessischen Kleinstadt. Diesmal geht es nicht um Gießen, wo ihre Eltern lebten. Erwähnung findet die Stadt dennoch, weil sie ein »Prototyp« sei, so Altaras. Was die Regisseurin auf die kleinstädtischen Bühnen bringe, sei Fiktion, auch wenn die sich manchmal realer anfühle als das Leben selbst: »Hier kann man morden und dabei zusehen, ohne selbst zum Mörder zu werden.« Das Theater sei ihre dritte Familie, die sie nun in ihrem vierten Buch in den Blick nimmt.

Nach der Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren in »Titos Brille« und ihrer eigenen Geschichte in »Doitscha« ist es die Theaterfamilie, in die Altaras nun als Regisseurin auf kleinen Bühnen dieser Republik eintaucht. Es sei kein schöner Beruf, aber der Himmel auf Erden. Dass es alles andere als das ist, was die Souffleuse zu erzählen hat, ist da noch nicht klar. »Ich möchte meine Familie finden«, flüstert diese.

Ihre Rolle ist im Dunklen und spielt im Hintergrund. Doch so leise und unsicher ihre Stimme auch ist, sie bahnt sich, zielgerichtet und unbeirrbar, ihren Weg ins Licht: »Ich mochte, dass sie schweigt, und ich mochte, dass sie weiterspricht.« So folgt Altaras ihr von der Opernbühne auf eine Reise ins Leben. In den schier unendlichen Regalen des Archivs des Internationalen Suchdienstes lagern in Bad Arolsen Lebensschicksale. Hier finden sich auch Spuren von Fischel Heimberg. Warum er als Mitglied eines Sonderkommandos in Auschwitz überlebte, weiß er nicht, so schreibt er später. Ob sich sein Trauma später im mysteriösen Mord an seiner Frau einen Weg gebahnt hat, sagen die Akten nicht. Seine Tochter »Sissele«, die Souffleuse, hat überlebt – lange nachdem der Vater zwei Jahre jede Stunde 200 Tote in den Verbrennungsöfen des Vernichtungslagers verbrannt hat. »Irgendwie waren wir doch alle Überlebende, sogar wir Kinder, auch wenn wir erst später geboren wurden,« sagt sie. Die Stille im »Traumstern« ist immer wieder zum Greifen nah.

Altaras ist nicht nur eine begnadete Geschichtenerzählerin. In ihr lebt, was sie auf die Bühne oder zu Papier bringt. Wie kann man ein Leben wie Sissele ertragen, ohne durchzudrehen? Wie in einen Abgrund sehen, ihn aushalten, ohne wegzulaufen? Der Alltag des Theaters sei der reine Wahnsinn, meint Altaras. Es fühle sich an wie das Leben und der Tod, aber: »Es ist doch nur Theater, eine fiktive Realität.« Es habe etwas reinigendes, sagt sie, dem Schrecken ins Gesicht zu sehen. Ihr Intendant am Kassler Theater macht das Leben auf der Bühne mit jüdischen Witzen leichter. Humor hat auch die quirlige Schauspielerin jede Menge, die mit großem Tempo durch ihre Geschichte wirbelt. Und ein untrügliches Gespür für die feine Balance zwischen Tragik und Komödie. (Foto: dw)

Am Freitag, 23. November, um 19.30 Uhr liest Adriana Altaras aus die »Die jüdische Souffleuse« im Stadttheater in Gießen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Frankfurter Buchmesse
  • Fremdenverkehr
  • Judentum
  • Kino Traumstern
  • Leidenschaft
  • Opernhäuser
  • Regisseure
  • Stadttheater Gießen
  • Lich
  • Doris Wirkner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos