Kreis Gießen

Ein fast vergessener Popstar

Bei der Verleihung der Hessischen Film- und Kinopreise standen Kinobetreiber Edgar Langer und die Regisseurin Isabel Gathof gemeinsam auf dem roten Teppich. Jetzt gibt es ein Wiedersehen. Am 14. November stellt Gathof im Licher »Traumstern« ihren Film über den jüdischen Maler Moritz Daniel Oppenheim vor, für den sie den Hessischen Newcomer-Preis erhalten hat. Oppenheim ist heutzutage fast vergessen. Im 19. Jahrhundert war er quasi ein Popstar.
12. November 2018, 21:20 Uhr
Redaktion
us_gathof_081118
Eine Statue erinnert in Hanau an den Maler Moritz Daniel Oppenheim. Isabel Gathof hat dem berühmtesten jüdischen Sohn ihrer Heimatstadt nun auch ein filmisches Denkmal gesetzt. (Foto: privat)

Moritz Daniel Oppenheim war als Maler im 19. Jahrhundert ungeheuer populär, geriet dann aber in Vergessenheit. Wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden?

Isabel Gathof: Der Name war mir schon ein Begriff, ich komme ja, genau wie Oppenheim selbst, aus Hanau. Aber ich wusste nicht, welche herausragende Künstlerpersönlichkeit sich dahinter verbirgt. Das habe ich erst erfahren, als Hanau 2013 beschlossen hatte, seinem berühmtesten jüdischen Sohn mitten im Herzen der Stadt ein Denkmal zu setzen und ich zu recherchieren begann.

Was gab den Anstoß zu dem Film?

Gathof: Im Zuge meiner Recherchen habe ich gemerkt, dass es zu Oppenheim noch überhaupt keinen Film gibt. Zudem wird er häufig verwechselt. Es ist vorgekommen, dass Leute gesagt haben: Ach ja, der mit der Atombombe...

Damit war dann Robert F. Oppenheimer gemeint.

Gathof: Genau. Übrigens hat der auch Hanauer Vorfahren, die Welt ist klein. Aber wer Moritz Daniel Oppenheim ist, das war wirklich landläufig ein großes Fragezeichen. Das war noch ein Grund mehr, über ihn einen Dokumentarfilm zu machen, um letztlich hinter den Menschen hinter der Statue mit Leben zu füllen.

Das waren also die Gründe für den Film: Oppenheim kommt wie sie aus Hanau, die Stadt setzt ihm ein Denkmal und der Mann ist interessant, aber nur wenige kennen ihn?

Gathof: Exakt. Es hat ganz klein begonnen, als regionales Projekt, und hat sich dann recht schnell zu einer internationalen Produktion gemausert. Das liegt daran, dass Oppenheim im Ausland nach wie vor größere Popularität genießt, also in Frankreich, in Israel, in den USA. Als ich mir dann in den Museen seine Bilder angeschaut habe – die meisten Werke Oppenheims hängen in New York, Jerusalem, in Frankfurt und Hanau – da kam dann unisono die Reaktion: Endlich! So nach dem Motto: Wir haben nur auf diesen Film gewartet.

Wir erklären Sie sich diese Reaktion?

Garhof: Es ging wohl darum, auch mal alternative mediale Vermittlungsformen zu haben. Der Zeitgeist verändert sich ja. Die Leute lesen weniger und junge Zielgruppen sind eher visuell veranlagt. Da muss man dann überlegen, wie man museale Kontexte vermittelt. Es kam irgendwie alles zur rechten Zeit. Auch, dass das jüdische Museum in Frankfurt umgebaut wird und künftig zwei Oppenheim-Säle haben wird.

Was ist für Sie das Besondere an Oppenheims Malerei?

Gathof: Für mich ist er ein visueller Chronist, da gibt es also Parallelen zum Dokumentarfilm. Es geht darum, den Augenblick zu dokumentieren. Oppenheim tut das mit sehr viel Liebe zum Detail. In seinen Bildern entdecke ich immer wieder etwas Neues. Er hat nicht die Malerei als solche revolutioniert, da machen wir uns nichts vor, er ist ein Biedermeier-Künstler. Aber er ist eine ganz wichtige Quelle. Er hat ein Fenster geöffnet mit seiner Kunst. Auch für die christliche Mehrheitsgesellschaft, der er gezeigt hat: So feiern wir eine jüdische Hochzeit. So Pessach. Und so sieht es in einer jüdischen Wohnstube aus. Er hat deutsch-jüdische Geschichte dokumentiert in einer Epoche, aus der wir sonst nicht so viel haben.

Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner für den Film gefunden?

Gathof: Durch Recherchen. Der ein oder andere ist aber auch so ein bisschen sterntalermäßig vom Himmel gefallen. Rabbiner Horovitz zum Beispiel, der ein Nachfahre des Hanauer Rabbiners ist, den Oppenheim häufig porträtiert hat. Ihn habe ich zufällig im Zuge eines anderen Projekts bei den jüdischen Filmtagen in München kennengelernt und gleich gesagt »I need you for my film!« Den Kontakt zu Patricia Lewin, die Ur-Ur-Ur-Enkelin von Oppenheim, konnte ich über die Stadt Hanau knüpfen.

Und nun sind Sie mit dem Film unterwegs?

Gathof: Am 21. Oktober war »Kick-off« zur bundesweiten Kino-Tour in Hanau, Oppenheims Geburtststadt. Anschließend Frankfurt, wo Oppenheim den größten Teil seines Lebens verbracht hat und wo er gestorben ist. Dann kamen Berlin, Düsseldorf, München, Heidelberg, Hamburg. Und bei den jüdischen Filmtagen in Frankfurt hat der Film kürzlich erst mit russischen Untertiteln Premiere gefeiert. Das war mir wichtig, weil es in den jüdischen Gemeinden viele Mitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion gibt. Diese Menschen haben ja einen anderen kulturellen Hintergrund und kennen die Geschichte des Judentum im Deutschland des 19. Jahrhunderts mitunter nicht so gut. Mir ist es wichtig, ihnen dazu einen Zugang zu eröffnen und ihnen mit Oppenheims Erfolgsgeschichte vielleicht eine Identifikationsmöglichkeit zu bieten.

Als einer, der sich der Mehrheitsgesellschaft geöffnet hat?

Gathof: Vielmehr hat er als Jude der Mehrheitsgesellschaft ein Fenster geöffnet. Ein Fenster zu den jüdischen Nachbarn. Aber er hat Kunst für alle geschaffen, sowohl für ein christliches, als auch ein jüdisches Publikum. Er war wirklich so etwas wie ein Popstar im 19. Jahrhundert, es gab sogar Merchandising-Artikel mit Oppenheim-Motiven. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, weil er so in Vergessenheit geraten ist.

Wie erklären Sie sich das?

Gathof: Die Kontinuität jüdischer Kultur wurde durch den Holocaust grob unterbrochen. Nicht beendet, darauf lege ich immer großen Wert. Das haben die Nazis nicht geschafft und die Antisemiten von heute werden es auch nicht schaffen. Teilweise sind Oppenheims Bilder mit ins Ausland genommen worden. Ein Drittel gilt als verschollen, einiges wurde wohl auch im Krieg zerstört. Manche Werke befinden sich noch in Familienbesitz und tauchen in Nachlässen sukzessive auf. Auch Oppenheims Bild »Die Entführung des Mortara-Kindes« war lange verschollen. 2013 wurde es bei Sotheby’s versteigert. Jetzt bildet es die Grundlage für einen Film, den Steven Spielberg produziert. Es ist erstaunlich, welche Wege das manchmal geht.

Isabel Gathof stellt ihre Dokumentation »Moritz Daniel Oppenheim – Der erste jüdische Maler« am Mittwoch, dem 14. November, um 19.30 Uhr im Licher Kino Traumstern vor. Dort ist der Film zudem vom 15. bis 17. November jeweils um 17 Uhr zu sehen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/kreisgiessen/Kreis-Giessen-Ein-fast-vergessener-Popstar;art457,513832

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung