05. Mai 2018, 18:00 Uhr

Menschenrechtsbeobachter

Ein Hungener als Menschenrechtsbeobachter in Mexiko

Als Menschenrechtsbeobachter war Jonas Fritzsche in Mexiko, um Übergriffe von Paramilitärs auf Zivilisten zu dokumentieren. Die Zeit hat ihm gezeigt, wie die Kehrseite der Globalisierung aussehen kann.
05. Mai 2018, 18:00 Uhr
Die Kamera immer griffbereit: Als Beobachter in Chiapas hat Jonas Fritzsche viele Eindrücke gesammelt. (Fotos: privat/jwr)

Eine Sache aus Deutschland hat ihm dann doch gefehlt: »Gutes, leckeres Vollkornbrot habe ich dort vermisst«, sagt Jonas Fritzsche. Mehr allerdings nicht. Ein halbes Jahr war Fritzsche in Mexiko, vier Wochen davon als Menschenrechtsbeobachter. 2012 war das, doch die Eindrücke von damals haben den Hungener geprägt.

Ab und an referiert er über diese Zeit, kürzlich bei den Landfrauen in Obbornhofen. »Ich habe gemerkt, wie wenig ich zum Leben brauche«, erzählt er mit wachem Blick. Und: »Es gibt Verlierer der Globalisierung. Theoretisch war mir das klar, aber dort habe ich diese Perspektive praktisch mitbekommen.«

 

Aufstand gegen die Regierung

Der Anlass für seinen Freiwilligendienst ist ein Konflikt, der seit Langem schwelt, aber nur hin und wieder internationale Aufmerksamkeit findet: Am 1. Januar 1994 setzten sich die links gerichteten Zapatisten, benannt nach dem einstigen Revolutionsführer Zapata, in der Provinz Chiapas mit Waffengewalt gegen die Regierung zur Wehr.

Der bewaffnete Konflikt dauerte nur wenige Wochen und bescherte der indigenen Bevölkerung in dem Gebiet weitgehende Autonomie. Doch der Friede ist brüchig. Das Militär hat sich offiziell zurückgezogen, doch immer wieder, erzählt Fritzsche, komme es zu Übergriffen von Paramilitärs auf lokale Gemeinschaften, die sich weitgehend selbst versorgen.

Um solche Zwischenfälle zu dokumentieren, kommen auf Initiative der Zapatisten neutrale Beobachter wie Jonas Fritzsche.

 

Dokumentarfilm gab den Ausschlag

»Mir war klar, dass ich noch mal länger ins Ausland will, und Lateinamerika hat mich auch wegen der vielen sozialen Bewegungen fasziniert«, sagt Fritzsche. »Aber ich wollte nicht nur eine Reise, sondern etwas Sinnvolles machen und mich weiter mit Globalisierung beschäftigen.«

Ein Dokumentarfilm über die Lage vor Ort und die Möglichkeit der Menschenrechtsbeobachtung hat ihn dann überzeugt: »Ich dachte danach: Krass, das ist total spannend, da hat sich der Kreis für mich geschlossen.« Er lernte Spanisch, besuchte zwei Vorbereitungsseminare in Deutschland, dann die Abreise. Wohin genau er kommen würde, wusste er vorher nicht.

In einem lokalen Menschenrechtszentrum in Chiapas wurden er und andere Freiwillige aus Europa und den USA dann vorstellig, von dort fuhren sie weiter in kleinere Dörfer.

 

"Sehen und gesehen werden"

Wie sieht der Alltag eines unabhängigen Beobachters aus? »Ich habe viel gelesen und Kaffee getrunken«, sagt Fritzsche. Seine Rolle verlangte dabei zu sein, ohne dazuzugehören, und im Zweifelsfall als Zeuge bereitzustehen. Auf der Homepage der Organisation Carea, die ihn auf den Aufenthalt vorbereitet hat, steht: »Sie sollen sehen und gesehen werden. Ihre bloße Präsenz soll Übergriffe auf die Zivilbevölkerung verhindern.« Es geht um Prävention.

Wir sind keine Blauhelme. Es geht darum, sich im Hintergrund zu halten, zu berichten und gegebenenfalls Fotos zu machen

Jonas Fritzsche

Lassen sich mexikanische Militärs von ein paar unbewaffneten Europäern beeindrucken? Offenbar schon. »Wenn eine indigene Frau von Übergriffen berichtet, hört keiner zu. Wenn jemand aus Europa das sagt, wird zugehört«, berichtet Fritzsche. »Wir sind keine Blauhelme. Es geht darum, sich im Hintergrund zu halten, zu berichten und gegebenenfalls Fotos zu machen.«

 

"Positiver Rassismus"

So wurde in einem der Dörfer, die er besucht hat, eines Nachts die Ernte vernichtet, mutmaßlich von Paramilitärs. Über solche Vorfälle hat Fritzsche Bericht erstattet. »Nicht einzugreifen, ist nicht so schwierig«, sagt er, »aber es ist schwierig, nicht Partei zu beziehen und einen neutralen Standpunkt einzunehmen.«

Auf dem Papier ist er als Tourist eingereist, auf einen Diplomatenstatus können sich die Beobachter nicht berufen. Allein schon die Herkunft der Auswärtigen stärkt ihre Position, Fritzsche spricht von »positivem Rassismus«. »Jemanden mit europäischem Pass lässt man nicht einfach verschwinden.« Es ist ein unfaires Privileg, doch in der konkreten Situation ein Vorteil.

Das Risiko für die Beobachter sei überschaubar, doch die Situation der Einheimischen nach wie vor prekär. »Aus meiner Sicht prallen in dem Konflikt profit- und verwertungsorientierte wirtschaftspolitische Interessen seitens der mexikanischen Regierung und großer Unternehmen auf den Wunsch nach gemeinwohlorientierter Selbstverwaltung auf Seiten der Zapatistas.«

 

Ausgang offen

Die Region sei reich an Bodenschätzen. Das habe schon bei den spanischen Kolonialherren Begehrlichkeiten geweckt, und heute bei der Regierung. Die Einheimischen, sagt Fritzsche, wollten indes nichts mit dem Staat zu schaffen haben, sondern ihr Ideal von einer Gemeinschaft, die sich selbst und das Land gemeinsam verwaltet, verwirklichen. Der Ausgang dieses Projekts scheint ungewiss.

In Mexiko teilte Fritzsche den entschleunigten Alltag der Ureinwohner, die weitgehend mit dem auskommen, was die Natur bietet, ohne sie auszubeuten.»Als ich wieder hier war, hatte ich das absurde Gefühl von Überfluss.« Vollkornbrot inbegriffen.

Info

Zur Person

Jonas Fritzsche, Sohn des Bellersheimer Pfarrerehepaars, ist 31 Jahre alt. 2013 hat er sein Pädagogik-Studium beendet, ist nun selbstständig in der Bildungsarbeit tätig. Schwerpunkte sind Globalisierung und Umweltpolitik.

Info

Als Beobachter nach Chiapas

In Deutschland bereitet der Verein Carea Freiwillige auf den Einsatz als Menschenrechtsbeobachter in Chiapas vor. Notwendig ist der Besuch von zwei Seminaren, das nächste findet ab 24. Mai bei Kassel statt. Weitere Informationen unter carea-menschenrechte.de

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