19. August 2017, 18:00 Uhr

Ruhestand

Ein Herdentier war Günther Semmler nie

Eine Ära geht zu Ende. Günther Semmler tritt nach 39 Jahren als Dekanats-Jugendreferent Grünberg in den Ruhestand. Sein Antrieb: das Evangelium und ein deftiger Spruch.
19. August 2017, 18:00 Uhr
Günther Semmler begleitete Tausende Jugendliche auf Jugendfreizeiten nach Griechenland und Italien (Foto: pm)

Günther Semmler schleppt sich nach unten. Während er die Treppe in das Untergeschoss seines Hauses hinabsteigt, stützt er sich mit den Armen am Geländer und an der Wand ab. »Arthrose«, sagt der 63-Jährige.

So schwer ihm das Treppensteigen fällt, so deutlich wird in diesem Augenblick sein Charakter: Semmler kämpft, lächelt und plaudert zur gleichen Zeit. Unten angekommen zeigt er auf eine Schrankwand. Zettel mit Lebensweisheiten hängen dort. Semmler zeigt rechts oben auf seinen Lieblingsspruch: »Wer immer der Herde folgt, sieht nur Arschlöcher.«

Ermutigung zum selbständigen Denken: Das zählt Semmler zu den wichtigsten Zielen seiner Arbeit als evangelischer Jugendreferent des Dekanats Grünberg. 39 Jahre diente er in diesem Amt, vor wenigen Wochen ist er in den Ruhestand getreten. Tausende Jugendliche haben an den von ihm organisierten Freizeiten in Griechenland und Italien teilgenommen.

Wer immer der Herde folgt, sieht nur Arschlöcher

Günther Semmler

Schwer zu glauben, dass Semmler seine berufliche Laufbahn als Papiertiger begann. Der Laubacher legte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Rechtsanwalts- und Notargehilfen ab. Erst danach studierte er Gemeindepädagogik an der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt.

Auch in seiner Heimatstadt, am Laubach-Kolleg, hatte er die Möglichkeit zu der Ausbildung. »Da hätte ich Hebräisch, Griechisch und Latein lernen müssen«, erzählt er – und verzieht das Gesicht. »Ich bin praktisch veranlagt. Mir geht es um Lebensfreude, auch beim Lernen.«

 

Ein Mann, der trotz seiner Rundungen Ecken und Kanten hat

Ein Weggefährte über Semmler

Der Diplom-Religionspädagoge tritt die Stelle als Dekanatsjugendreferent im Mai 1978 an. »Viele haben gedacht, ich will Pfarrer werden«, blickt er zurück. Die Rolle als Jugendreferent ist für ihn aber keine Durchgangsstation – sondern sein Traumberuf.

Als Semmler vor zwei Jahren von seinem Amt als Stadtverordneter in Laubach ausschied, beschrieb ihn ein Weggefährte mit den Worten: »Ein Mann, der trotz seiner Rundungen Ecken und Kanten hat.« Semmler ist Querdenker und Antreiber. Doch was treibt ihn an? »Mein Auftrag war, junge Leute, die von der Kirche eher entfernt waren, für Angebote zu gewinnen.«

Motivation sei für ihn das Evangelium. »Es zeigt, wie man leben kann, wie man sich selbst und andere beseelt.« Nie habe er allerdings unter Jugendlichen dogmatisch missioniert, hält Semmler fest. »Wenn du mit ihnen ohne konkreten Bezug über Gott sprichst, ist die Klappe unten.« Man lerne den Glauben über Erfahrung und Vorbild.

Erst die Arthrose lässt ihn sich alt fühlen

Die meisten Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren zu Freizeiten nach Senigallia und Sivota mitgereist sind, waren zwischen 13 und 17 Jahren jung. »Das ist eine prägende Zeit«, sagt Semmler. »Die Jugendlichen wollen eigene Dinge ausprobieren, außerhalb ihrer Familie.«

In Geschichten, die Semmler erzählt, wird das Vertrauen der jungen Teilnehmer ihm gegenüber deutlich. Der 63-Jährige erzählt von persönlichen Gesprächen mit den Teenagern über Freundschaft, Mobbing, Liebe und Tod. »Einmal hat mich ein junges Pärchen aufgesucht. Das Mädchen hat von seiner Angst erzählt, schwanger zu sein.« Er habe ihnen eine kompetente Ansprechpartnerin vermittelt.

Alt habe er sich unter den Jugendlichen nicht gefühlt. »Erst gegen Ende mit der Arthrose«, sagt er. Er habe es kaschiert, indem er Jugendtreffen oft bei sich zuhause organisiert habe.

Hilfe für Kriegsdienstverweigerer

Immer stärker mache sich ein Rückgang der Zahl der Jugendlichen in den Gemeinden bemerkbar. Durch Vergrößerung des Gebiets habe er die Entwicklung lange Jahre auffangen können. »Anfangs waren es 500 im Dekanat. Heute aber sind es nur noch 240.«

Die Jugendfreizeiten machten nur zehn Prozent seiner Arbeit aus. Er organisierte Gruppenstunden, stellte im evangelischen Gemeindehaus Laubach »als niederschwelliges Angebot« ein Filmcafé auf die Beine. »Am Ende musste ich die Jugendlichen oft rausschmeißen. Am nächsten Tag war ja Schule.«

Darüber hinaus half er Kriegsdienstverweigerern bereiteet sie für Auftritte vor Ausschüssen vor, in denen sie ihre Verweigerung begründen. »Ich habe mit den jungen Männern geübt, sich so auszudrücken, dass sie nicht durchs Raster gefallen sind.Meine Erfolgsquote lag bei 100 Prozent.«

Reise nach Brasilien

Semmlers Augen leuchten, wenn er von Glanzpunkten erzählt. Mit zwölf Jugendlichen aus dem Grünberger Raum reiste er nach Brasilien. »Wir haben die Armut in den Favelas gesehen. Und wir haben einen Millionär in seiner Villa mit vier Bädern und vier Schlafzimmern besucht.«

Ein Höhepunkt war auch ein Treffen mit jungen Häftlingen der JVA Rockenberg. »Wir haben Fußball gespielt und haben diskutiert«, erinnert sich Semmler. »Am Ende haben sie den evangelischen Jugendlichen immer wieder gesagt: »Macht keinen Scheiß.«

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