12. Oktober 2018, 21:27 Uhr

Durchs wilde Kirgistan

Sie folgten dem Lockruf der Seidenstraße: Nicht nur als Zaungäste bei den »Welt- Nomadenspielen« gewannen 20 Oberhessen besondere Eindrücke von Land und Leuten in Kirgistan. Wieder eine dieser ganz andere Studienreisen, die von der evangelischen Kirchengemeinde Villingen unter der Leitung von Pfarrer Hartmut Lemp angeboten werden.
12. Oktober 2018, 21:27 Uhr
Buntes Völkergemisch bei den archaisch anmutenden »Welt-Nomandenspielen« am Ufer des alpinen Yssykköl-Sees. (Fotos: pm)

Es sind so ganz andere Studienreisen, die seit vielen Jahren von der evangelischen Kirchengemeinde Villingen unter der Leitung von Pfarrer Hartmut Lemp angeboten werden. Dass die Teilnehmer sich in Kirgistan auf wilde Landschaften einstellen mussten, sah man an der Fahrten- und Wanderroute mit Höhenunterschieden von fast 3000 Metern. Der Flug über Moskau ging in die Hauptstadt Bischkek – heute kultureller, wirtschaftlicher und politischer Mittelpunkt des Landes.

Kirgistan ist ein einziges Völkergemisch. 80 verschiedene Ethnien leben hier friedlich miteinander. Sogar zwei deutsche Dörfer gibt es noch. Der größte Teil ist muslimisch.

Die Zeit scheint stehen geblieben

Auf der Seidenstraße ging es Richtung Westen in den Chon-Kemin-Naturpark. Unterwegs besuchte man das Weltkulturerbe, den Burana Turm aus dem 11. Jahrhundert. Im Naturpark kam es zur ersten Bergtour. In fast 2000 Metern über dem Meeresspiegel war es das langsame Eingewöhnen an weit Höheres, was der Gruppe bevorstand. Unvergesslich war eine besondere Kutschfahrt. Auf einfachste Pritschen hatten die Einheimischen Decken gelegt, Pferde davor gespannt – und ab ging es durch das weite Tal in die Abendsonne. Am Lagerfeuer tanzten Mädchen für die Besucher Folklore, dann sangen die Oberhessen von der »Rure-Roiwe-Roppmaschin«. Unterwegs in Richtung Kochkor war die Gruppe zu Gast bei einer kirgisischen Familie. Die (Halb-)Nomaden zeigten ihre traditionelle Lebensweise und Küche. Die weitere Fahrt entlang des Jalgyz-Karagay-Passes war abenteuerlich und traumhaft schön. Nach schier unzähligen Serpentinen, die Straße ausschließlich Steinpiste, war dann der höchste Punkt erreicht: 3820 Meter. Es ging durch Flussbetten. Dann am Ende des Tales malerisch gelegen: das Jurtencamp mit Blick auf den Bergsee Songköl. Die einzigen Touristen teilten mit Halbnomaden und deren Schaf- und Pferdeherden das Tal. Inmitten der Wildnis schien die Zeit stehen geblieben.

Unweit vom Camp Staubwolken – beim Näherkommen sahen die Reisenden etwa 50 bis 60 Männer auf Pferden: Am Nationalfeiertag traf sich die Jugend zu ihrem Nationalsport Kok-Boru. Bei dem jahrhundertealten Spiel, das auf Dschingis Khan zurückgehen soll, kämpfen Reiter um den Kadaver einer Ziege. Die Reisegruppe hatte bisher nur von der Sportart gelesen. Und nun waren die Oberhessen die einzigen Zuschauer bei dem für Mitteleuropäer skurrilen Kampf.

Wanderungen, die an die Grenze der Belastbarkeit gingen, führten zum Jalgyz-Karagy Pass – dünne Luft. Das Panorama an Weite und Höhe war aber unbeschreiblich. Der Abschied vom Camp fiel schwer. Aber der nächste Bergsee wartete: Yssykköl. Der zweitgrößte Gebirgssee der Erde ist touristisch voll erschlossen. Dort fanden in diesen Tagen die »Welt-Nomadenspiele« statt. Aus 81 Ländern gab es Zusagen. Die Eröffnung mit zahlreichen Staatsgästen erinnerte sehr an Olympia. Die Oberhessen zogen mit Deutschland- und Europafahne auf die Besuchertribüne des Hippodroms. An der Eröffnung nahmen 2100 Tänzer und 450 Pferde teil. Damit sich die Gruppe immer wieder fand, war bei den vielen Fahnen die einzige Europafahne weithin sichtbar. Sie war aber auch ein Zeichen, das viele Besucher aus anderen Ländern verstanden. Immer wieder wurden die Deutschen angesprochen: weltweite Gastfreundschaft. Dann hieß es Abschied nehmen von den vielleicht eigenartigsten, schrillsten aber zugleich abenteuerlichsten Weltspielen.

Es folgt der Besuch eines »Ökohofes«. Bauer Hans kam vor 15 Jahren als Entwicklungshelfer aus Deutschland, verliebte sich als katholischer Christ in die usbekische Kirgisin, eine Muslima. In der Scheune wurde nun gebacken, gekocht und über interkonfessionelle, interreligiöse, ökologische Themen diskutiert. Stets hatten die Begegnungen in dem mittelasiatischen Land für die Reisegruppe etwas Familiäres. So war man ausschließlich unterwegs bei einheimischen Familien zum Essen – in deren Wohnstuben oder in Jurten.

Begegnung mit einer Berühmtheit

In Karakol folgte der Besuch einer eindrucksvollen russisch-orthodoxen Holzkirche und einer Moschee, die hinduistische Baustrukturen aufweist. Auf dem Programm standen ferner Wanderungen in der Aksu- und in der Jety-Oguz-Schlucht, Besuche einer Frauenkooperative, die Filzteppiche herstellt, und in einem Dorf, in dem Handwerker Jurten fertigten. Eindrucksvoll der Besuch am Grab des Naturforschers Przewalski. Dann noch Begegnung mit einer Berühmtheit – der bekannteste Kirgise: Tschingis Aitmatow. In aller Welt kennt man seine Romane. An seinem Grab – eine Gedenkstätte mit Museum – traf die Gruppe dessen betagte Schwester Rosa Aitmatowa, die die stalinistische Verfolgung ihrer Familie erzählt. »Oft kann ich das nicht mehr, ich bin zu alt. Aber für euch Deutsche war ich gerne am Grab meines Bruders.«

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