26. Oktober 2018, 22:12 Uhr

Dreiklang aus Humor, Philospohie und Information

26. Oktober 2018, 22:12 Uhr
Jan Böttcher stellt in der Mediothek der Clemens-Brentano-Europaschule seinen neuen Roman »Das Kaff« vor. (Foto: vh)

Einen Autor, der auch Sänger in einer Band ist, mag man noch klaglos hinnehmen. Einen Autor, der singt und noch dazu begeistert Fußball spielt, sogar in der Autoren-Nationalmannschaft – das gehört definitiv nicht zusammen. So dachte man vermutlich in geneigten Zuhörerkreisen, bis Jan Böttcher die lange Liste von Autoren bereicherte.

In Lüneburg geboren, ging er nach Berlin, studierte Literatur und blieb. Kinder kamen und die Alltagssorgen, und seine Sicht auf die Großstadt änderte sich. »In Berlin gibt es nur viele Einwohner«, verriet Böttcher dem erstaunten Lesepublikum in der Mediothek der Clemens-Brentano-Europaschule.

Lesung mit Nachhall

Es klang nach Resignation und Aufbruchstimmung zugleich. Die Faszination des ersten Jahrzehnts sei nun ziemlich verflogen. Ob er Berlin weiterhin die Treue halten werde, hänge noch in der Schwebe. Es fehlten Kita-Plätze – überhaupt alles. Böttcher stellte sein neues Buch vor, den Roman »Das Kaff«. Darin verstetigen sich Verbindungslinien zwischen den Milieus der Kleinstadt und der Großstadt.

»Das Kaff« ist keine Autobiografie, andererseits nimmt es Anleihen beim Verfasser. Und so sprengte die Lesestunde im Rahmen des Literaturfestivals »Leseland Hessen« inhaltlich den Rahmen, den zwei Buchdeckel normalerweise vorgeben.

Böttcher erklärte, seine Schrift unterwandere die These »Bewegung ist Großstadt, in der Kleinstadt steht alles still. Der Gast von Ilona Fuchs und ihrem Mediotheks-Team trug selbst ein Gegenbeispiel vor. Er habe heute den Peter-Kurzeck-Weg in Staufenberg abgegangen und auch das Ankündigungsplakat einer Lesung von Thomas Hettche gesichtet (14. November in Grünberg). Zwei bedeutende Vertreter der deutschen Gegenwartsliteratur kämen aus der Kleinstadt. Kurzeck (†) verbrachte seine Jugendzeit in Staufenberg, Hettche in Treis/Lumda. Mediothek-Mitarbeiter Thomas Zwerina äußerte den Eindruck, »Das Kaff« höre sich an wie ein Drehbuch.

Zwerina: »Es gibt viele Dialoge, man erwartet eigentlich Prosa«. Diese Erkenntnis schien Böttcher nicht neu: »Am Anfang hätte es ein Theaterstück sein können«. Das habe er stilistisch nicht durchhalten wollen. Trotz allem sei es sein szenenhaftestes Buch, ja, eigentlich eine Erzählung. Mit dieser Definition täten die Verlage sich zurzeit schwer. »Das Kaff« sei deshalb szenisch angelegt, weil der Protagonist Michael Schürtz (Junge aus der Kleinstadt, studiert in Berlin Architektur, arbeitet in der Heimatstadt einen Auftrag ab) dadurch Gelegenheit habe, sich mit seiner Wut und seinem Leben auseinanderzusetzen.

Ministerium gegründet

Böttchers Leseauftritt war ein Ereignis mit Nachhall, quasi ein Dreiklang von unaufdringlichem Humor, allgemeiner Lebensphilosophie und Sachinformation. Beim Stichwort Fußball, das für Böttcher und »Das Kaff« unentbehrlich ist, verriet Schulleiter Andrej Keller, er sei sechs Jahre lang Jugendtrainer gewesen.

Weil ein Gerücht umher ging, klärte Böttcher auf. Zusammen mit Kollegen habe er das »Ministerium für Mitgefühl« gegründet, er selbst leite das Referat »Wärmerückgewinnung«. Als erste Aktion habe man eine Petition für den Rücktritt von Heimatminister Seehofer verfasst. Der politische Ton müsse sich ändern. Es gebe zu viele Worthülsen. Man solle wieder »von Mensch zu Mensch« reden. Er und seine Kollegen erstellten nun Porträts von verdienstvollen Menschen.

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