24. April 2018, 21:43 Uhr

Drei Frauen – Zehn Jahre

24. April 2018, 21:43 Uhr

Es ist eine überaus nette Anekdote, und sie sagt einiges über Antonia aus Tirol aus. Die Österreicherin, mit bürgerlichem Namen heißt sie Sandra Stumptner, ist ja nicht umsonst der am meisten gebuchte weibliche deutschsprachige PartyschlagerStar. Dass da auch große Fannähe vonnöten ist, versteht sich von selbst. Und so erzählt sie diese Episode, als sie den Hessen mal wieder ein Stück näher kam.

Es ist schon ein paar Jahre her, vielleicht war es das dritte oder vierte Pohlheimer Wiesnfest, als sie bei einem »meet and greet« auf einen Fan traf. »Er hat mir gesagt, ich solle ›Erbarme!‹ rufen, wenn ich auf die Bühne gehe.« Die Rodgau Monotones, jene Band, die die Zeile zum Kult erhoben hat, waren ihr damals gänzlich unbekannt. Auch der Fan hatte sie nicht aufgeklärt, sondern nur gesagt, sie solle ihm vertrauen. »Okay, dachte ich mir und bin auf die Pohlheimer Wiesn-Bühne gegangen. Daraufhin habe ich dem Publikum erzählt, dass ich mich entweder gleich total zum Affen mache, oder sie wüssten, worum es geht. Also nahm ich das Mikro und rief ›Erbarme!‹« Und es geschah, was in Hessen kommen musste: Das Publikum rief: »Die Hesse komme!«

Was es damit auf sich hat, weiß die 38-Jährige mittlerweile längst. Immerhin kommt sie in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal nach Pohlheim. Kein Wiesnfest ohne Antonia aus Tirol, so in etwa könnte man die Gemengelage bereits umschreiben.

»Ich kann mich noch gut an die Pressekonferenz zum ersten Wiesnfest erinnern«, erzählt sie. Am Abend vorher stand sie noch in Tirol auf der Bühne. »Wir sind mitten in der Nacht losgefahren, um pünktlich in Pohlheim zu sein. Ich habe mich im Auto umgezogen.« Damals habe es zu diesem Zeitpunkt in Pohlheim aber noch anders ausgesehen: »Das Zelt war noch nicht aufgebaut und wir standen bei Sonnenschein auf der grünen Wiese.«

Es ist das übliche Prozedere, das viele gut gebuchte Künstler mitmachen. Erst kurz vor dem Auftritt kommen sie am Veranstaltungsort an. Und dann geht alles seinen professionellen Gang. Auch deshalb sorgte Antonia aus Tirol einst für folgenden Fauxpas: »Ich glaube es war im fünften Jahr, als ich mit meinem Team zum ersten Mal schon nachmittags in Pohlheim ankam. Während unsere Technik aufgebaut wurde, habe ich das Zelt erstmals bei Tag gesehen und sagte zu den Organisatoren: ›Toll, ihr habt ja in diesem Jahr Tische und Bänke!‹ Da haben die mich komisch angeschaut und gesagt: ›Ja, genau wie jedes Jahr.‹«

Wenn sie an die vergangenen zehn Jahre zurückdenkt, ist ihr eine kuriose Sache besonders in Erinnerung geblieben: »In einem Jahr hatte ich eigene Technik für das Bühnenbild dabei. Das waren Feuer- und Rauch-Shooter. Während des Auftritts hat einer nicht funktioniert. Wir haben gerätselt woran das lag, ob das Gas leer war. Später hat sich dann herausgestellt, dass die hohe Luftfeuchtigkeit im Zelt dafür verantwortlich war.« Dadurch hatte sich Kondenswasser am Zeltdach gesammelt, das genau dort von der Decke tropfte, wo der Feuer-Shooter seine Öffnung hatte.

Wiesnfeste gibt es mittlerweile nicht nur in Pohlheim oder München. In ganz Deutschland wird die bayerische Tradition zelebriert. »Vor etwa zehn Jahren hat es angefangen, dass solche Feiern nicht mehr nur im Süden veranstaltet wurden. Allerdings traditionell immer im September oder Oktober. Im Herbst hätte ich mich klonen müssen, um allen Anfragen nachzukommen«, erklärt Antonia aus Tirol. Pohlheim sei aber der erste Ort gewesen, der ein solches Fest nicht im Herbst ausrichtet. »Das hat auch den Vorteil, dass Künstler einfacher zu engagieren sind. So gesehen ist Pohlheim ein Vorreiter«, sagt sie.

Und in noch einem Punkt sticht die Pohlheimer Wiesn für sie heraus: »Das Essen ist exzellent, mitunter das beste, das auf solchen Veranstaltungen serviert wird. Die Qualität ist wirklich super, die Haxen sind knusprig und lecker.« Es ist auffällig, wie sehr sie das Fest auf der Mockswiese fast schon über den grünen Klee lobt. Es passe einfach alles, sagt sie. »Die Veranstaltung hatte von Anfang an ein sehr hohes Niveau. Es ist familiär, man trifft viele Fans wieder und auch der Backstage-Bereich ist super organisiert.« Das ist ja kein ganz unwichtiger Faktor für viele Künstler. Der zelebrierte Glamour auf der Bühne ist das eine, doch manchmal ist das nicht mehr als Schein, und hinter den Kulissen sieht es weit unspektakulärer aus. »Aber hier gibt es eine Toilette, frische Handtücher, Snacks und eine Garderobe mit Spiegel«, sagt sie. Das sei nicht immer üblich.

Und was können die Fans diesmal erwarten? »Da will ich noch nicht zu viel preisgeben. Nur so viel: Meistens überrasche ich mit einem neuen Lied, und momentan bin ich schon im Studio für meine neues Album«, sagt sie. Fest steht aber: Eine Setlist hat die Sängerin nicht. »Bei mir steht nur der erste Song fest, danach merke ich, wie das Publikum drauf ist und dementsprechend wähle ich die Lieder aus.«

Urlaub in Pohlheim? Bei aller Liebe, den meisten würden wohl etliche andere Ziele einfallen. Nicht so Daniela Heel und Hilde Simmling. Seit knapp einem Jahrzehnt kommen die beiden Allgäuerinnen jedes Jahr nach Pohlheim, immer um diese Zeit. Nun ist das mit dem Urlaub so eine Sache. Offiziell haben sie natürlich welchen. Aber genau genommen ist es Schwerstarbeit.

Heel und Simmling sind Kellnerinnen auf dem Wiesnfest. »Die Wiesn ist sozusagen unser Hobby«, sagt Heel. Im »richtigen Leben« ist die 35-Jährige Filialleiterin in einem Discounter. »Ich brauche diese Feste als Ausgleich, obwohl ich in manchen Jahren meine ganzen Urlaubstage dafür verbrauche.« Die 50-jährige Simmling managt »hauptberuflich« ihre Familie mit vier Kindern und arbeitet als Teilzeitkraft im Verkauf. Auch sie freut sich jedes Jahr auf die Zeit in Pohlheim.

Natürlich spielt auch der finanzielle Aspekt dabei eine Rolle. Nur so viel: »Mit dem Wiesn-Verdienst kann man sich nebenbei größere Wünsche erfüllen«, sagt Simmling. Aber das Hauptargument sei der schnöde Mammon trotzdem nicht.

Wenn sie an die Anfangszeit zurückdenken, so hat beide vor allem eines fasziniert: Dass auch in Hessen Tracht getragen wird. »Ich habe damit gerechnet, dass in Pohlheim jeder Jeans und T-Shirt anhat. Aber als ich gesehen habe, dass die meisten Dirndl und Lederhosen tragen, da war ich beeindruckt«, sagt Simmling. Rund 50 Prozent der Wiesn-Besucher seien damals schon in Tracht gekleidet gewesen. »Vielleicht sogar Dreiviertel«, ergänzt Heel. »Und das in Pohlheim!« Beide lachen.

An ein kurioses Erlebnis erinnert sich Simmling immer wieder gerne. Sie war gerade im Festzelt unterwegs, um den Gästen Essen zu bringen, genauer gesagt: Haxen. Dabei trägt sie die Teller auf »Schlitten«, also großen Tabletts, auf den Schultern. »Ich hatte auf beiden Schultern das Essen und dementsprechend beide Hände belegt.« Um zu den Gästen zu gelangen, musste sie an den VIP-Boxen vorbei, die im Pohlheimer Festzelt etwas erhöht sind. »Als ich dann beim Gast ankam, stellte ich ihm den Teller hin, aber da lagen nur noch Knödel mit Soße drauf«, erzählt sie belustigt. Ein Gast in der VIP-Box hatte sich die Haxe beim Vorbeilaufen einfach geschnappt. »Da steckt ja immer das Haxenmesser drin. Das hat er wie einen Griff benutzt.«

Die beiden Hobby-Wiesn-Bedienungen sind nicht nur auf dem Pohlheimer Fest im Einsatz. Sie sind in ganz Deutschland auf großen Veranstaltungen unterwegs. Auch regelmäßig auf dem Oktoberfest in München. Natürlich darf da die Frage nach einem Vergleich nicht fehlen. Pohlheim oder München? Das könne man nicht vergleichen, sagen sie: »In München steht die Tradition im Vordergrund, in Pohlheim die Party.« Dafür würden die Wiesn-Gäste in Pohlheim nicht so abgefertigt wie in München. »In München werden die Tische auf Stunden reserviert, und Wechsel finden statt. Wer aber in Pohlheim einmal das Zelt betreten hat, kann bleiben solang er will«, erklärt Heel.

Zu ihrem Engagement in Pohlheim kamen sie einst über einen Bekannten. »Er hatte mich damals zum zweiten Fest gefragt, ob ich nicht Lust habe mitzukommen«, erzählt Heel. Sie zögerte nicht lange. »Und ein Jahr später habe ich Hilde gefragt, ob sie mitkommt.«

Mal abgesehen davon, dass das Personal im Laufe der Jahre immer professioneller geworden sei, habe sich in den vergangenen Jahren in Pohlheim nicht viel verändert. In der privaten Organisation der beiden Kellnerinnen allerdings schon: In der Anfangszeit wohnten sie bei einer Freundin rund 60 Autominuten entfernt. »Das machen wir jetzt nicht mehr, es war einfach zu gefährlich«, sagt Simmling. Nach einer langen Schicht mit etlichen getragenen Bierkrügen sei man zu erschöpft, um noch konzentriert Auto fahren zu können. Jetzt mieten sie sich immer ein Zimmer in Pohlheim.

Aber überhaupt, das Maßkrügetragen. Wie viele Krüge schaffen sie denn? Heel sagt, zwölf bis 14 Bierkrüge auf einmal, das gehe. »Mehr aber nicht, da gehen einfach die Finger aus.« Und doch mag es manch einen überraschen: Um so viel stemmen zu können, habe sie nicht einmal lange üben müssen, erzählt Heel. »Das lernt man direkt am Anfang. Das geht ganz schnell.«

Immer wieder werden die beiden auch gefragt, wie viele Kilometer sie an einem Abend machen. 4000 Gäste im Festzelt wollen ja erst einmal bewirtet werden. Bislang hatten sie sich noch keinen Schrittzähler zugelegt. Diesmal aber haben sie es sich vorgenommen, sagt Simmling: »Damit auch das mal geklärt ist.«

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