28. Dezember 2017, 13:00 Uhr

Disko-Serie

Disko Atlantis: Von Peter Maffay bis Marianne Rosenberg

Von 1974 bis 1988 erstrahlt die Atlantis am heimischen Diskohimmel. In dem Busecker Club gastierten Stars wie Peter Maffay, Marianne Rosenberg und Wolfgang Petry. Ein Blick zurück.
28. Dezember 2017, 13:00 Uhr
Peter Maffay rockte in der Diskothek Atlantis in Trohe bei zwei Auftritten. (Foto: Archiv)

Disko

In den 70er und 80er boomten Diskotheken. Viele der legendären Tanztempel gibt es längst nicht mehr. In unserer Serie »Saturday Night Fever« öffnen wir noch einmal die Türen.

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Es ist ein ganz normaler Samstagabend im Jahr 1979. In Trohe sind sämtliche Zufahrtsstraßen Richtung Gießen zugeparkt. Einige Autos fahren noch auf Parkplatzsuche umher. Menschen in Schlaghosen, Plateauschuhen und bunten Kleidern strömen durch die Gassen ihrem Ziel entgegen. Vor der Diskothek Atlantis in der Kurt-Schumacher-Straße hat sich gegen 19.30 Uhr eine Schlange gebildet.



Drinnen Stimmengewirr als gegen 20.15 Uhr majestätische Fanfaren erklingen – die Titelmelodie von »Krieg der Sterne«. Die Filmmusik ist Auftakt für eine fünfstündige Diskoparty mit DJ Thomas Rühl. Er moderiert Songs wie »Born to be alive« von Patrick Hernandez oder »A Walk in the Park« der Nick Straker Band und bringt die rund 1000 Gäste zum Tanzen, Singen und manchmal auch zum Knutschen.

Songs wie die der Bee Gees vermittelten ein ganz besonderes Lebensgefühl

Thomas Rühl, ehemaliger DJ

»Songs wie die der Bee Gees vermittelten ein ganz besonderes Lebensgefühl«, sagt Rühl, der 1978 und 1979 an den Plattentellern in Trohe stand. Der Club im Ortsteil von Buseck war von 1974 bis Mitte der 80er Jahre ein gut besuchter Treffpunkt für Teens und Twens aus ganz Mittelhessen. Für Stimmung sorgten nicht nur DJs wie Rühl oder Jürgen Schließner. Stars wie Peter Maffay, Wolfgang Petry, Marianne Rosenberg und Jürgen Drews gaben Konzerte.

 

Schmusen auf der Tanzfläche

Auch internationale Acts wie John Kincade spielten ihre Hits wie »Dreams are ten a penny« in Trohe. »Einige Stars, die man aus der ZDF-Hitparade kannte, sah man nun hier live auf der Bühne in unserem kleinen Ort«, erinnert sich Rühl an die besonderen Erlebnisse für die junge Menschen in Trohe. »Es war eine verrückte Zeit damals.«

DJ Jürgen Schließner gilt in der Diskothek Atlantis als Legende. Viele Jahre steht er in Trohe an den Plattentellern.	(Leserfoto/Archiv)
DJ Jürgen Schließner gilt in der Diskothek Atlantis als Legende. Viele Jahre steht er in T...

Die Diskothek hatte der Bauunternehmer Erwin Kämmer am 1. September 1974 in den Kellerräumen einer Lagerhalle eröffnet. »Die Idee kam von meinem Sohn Klaus-Dieter, der mehrfach darauf hinwies, dass woanders Diskotheken ein großer Renner wären – aber hier in der Region nichts dergleichen wäre«, sagt Kämmer in der Orts-Chronik von Trohe. Und damit hatte er wohl recht. Der Club startete auf 250 Quadratmetern, wurde dann auf 500, später auf 850 Quadratmeter erweitert. Zeitweise servierte das integrierte Restaurant Copacabana gehobene Küche. In der 1980er Jahren wechselte der Besitzer.

Denkwürdige Gänsehautmomente gab es in dem Club in Trohe reichlich. Rühl erinnert sich etwa daran, dass er als DJ die Musik unterbrach und Hunderte im Publikum bei Songs wie »Brown Girl in the Ring« von Boney M. den Refrain mitsangen. Gänsehaut bescherte vielleicht auch das minus 70 Grad kalte Trockeneis, das in einer Wassertonne vernebelt und mit einem Fön auf die Tanzfläche geblasen wurde – damals eine Neuheit.

 

Heute Tinder, früher Disko

Und auf der Tanzfläche tat sich zu Soul, Funk und Rock so einiges. Neben Discofox und Singletanz gab es die berüchtigten Bluesrunden. Rund 15 Minuten durfte zu Schmachtfetzen wie Maffays »Über sieben Brücken musst du gehn« oder gelegentlich dem erotisch angehauchten »Je t’aime« von Serge Gainsbourg eng umschlungen getanzt werden. »Für viele Ehen wurde hier der Grundstein gelegt«, sagt Rühl und lacht. »Damals gab es ja kein Internet oder gar Tinder.«

In den 70er und 80er Jahren lockt die Disco mit Tanz und Apfelkorn.	(Leserfoto/Archiv)
In den 70er und 80er Jahren lockt die Disco mit Tanz und Apfelkorn. (Leserfoto/Archiv)

Zeitweise bot die Atlantis sechs Tage pro Woche von Dienstag bis Sonntag ein Programm. Es gab etwa den Bundeswehrtag oder die Rollschuhdisko am Dienstag. Freitags gab’s Whisky-Cola für eine Mark. An anderen Tagen war Apfelkorn im Angebot. Unter den DJs galt Schließner als Legende. Er legte mehrere Jahre in der Atlantis auf und arbeitete später als Gastwirt. Legendär ist es aus heutiger Sicht, dass die DJs damals Titel einzeln anmoderierten. Zu den Songs von Vinyl gab es gelegentlich außerdem Jingles von Kassette.

 

Revival Partys in 2010 und 2014

Die Türen des Atlantis schlossen sich immer um ein Uhr nachts. Das kündigte der DJ an mit Reinhard Meys »Gute Nacht, Freunde« oder auch Frank Sinatras »New York, New York«. »Dann lagen sich die Gäste in den Armen und sangen mit«, sagt Rühl. In der Nacht vom 13. Juni 1988 schloss die Atlantis für immer ihre Pforten – das Gebäude fiel einem Großbrand zu Opfer. Wo vor über 30 Jahren getanzt und gefeiert wurde, stehen heute Wohnhäuser (Auf der Weißburg).

Vergessen ist der Club jedoch nicht. 2010 und 2014 feierte Trohe Atlantis-Revival Partys. Rühl blickt nostalgisch, aber nicht wehmütig zurück. Auch heute gebe es tolle Clubs, sagt er. Als DJ arbeitet er nicht mehr, aber rund 2000 LPs stehen noch bei ihm Zuhause. Sein Fazit: »Zurück bleibt eine schöne Erinnerung an ein legendäres Lokal, in dem Tausende Freundschaften geschlossen und ausgiebig getanzt und gefeiert wurde.«

Info

Tanzen mit Rollschuhen

Großer Trend waren Ende der 1970er Jahren die Rollschuhe sowie später die Inline Skates mit den Rollen in einer Reihe. Das ging auch am Atlantis nicht vorbei. Zusammen mit der Surfschule Diegelmann bot der Club Rollschuh-Tanzkurse an. Die dynamischen Tänzer durften dienstags die Tanzfläche stürmen, aber auch Partygäste ohne Rollen waren zugelassen.


 

Als die Disko über Nacht abbrannte - Feuerwehrmann Marscheck war dabei

Ein Brand vernichtet die Diskothek im Sommer 1988. 	(Foto: Troher Chronik)
Ein Brand vernichtet die Diskothek im Sommer 1988. (Foto: Troher Chronik)

Thorsten Marscheck schläft tief und fest im Bett seiner Freundin und heutigen Frau, als plötzlich seine Schwiegermutter im Zimmer steht. »In Trohe brennt die Disko«, sagt sie zu dem Feuerwehrmann. An Alarm per Handy oder Piepser ist im Juni 1988 noch nicht zu denken. Die Sirene aus Buseck kann der 22-Jährige auf Besuch in Lollar nicht hören. Seine Eltern, die nahe des Gerätehauses in Trohe wohnen, werden davon jedoch geweckt und rufen die Schwiegereltern in spee an. Bereits auf dem Weg traut Marscheck seinen Augen kaum. »Schon am Brauhaus sah man den Feuerschein«, sagt er. »Mit einem Brand solchen Ausmaßes habe ich nicht gerechnet.«

Vorher und nachher hat es in Trohe kein größeres Feuer gegeben

Thorsten Marscheck, Feuerwehrmann

Dort, wo am Wochenende noch getanzt und gefeiert wurde, schießen Flammen bis zu zehn Meter in die Höhe. Die berstenden Eternitplatten des Daches hören sich an wie Feuerwerkskörper. Über allem liegt weiß-grauer Rauch. Die Diskothek Atlantis gleicht einer Feuersbrunst. »Es war ein Feuer wahnsinnigen Ausmaßes. Vorher und nachher hat es in Trohe kein größeres Feuer gegeben«, sagt der heute 51-Jährige.

 

Benzinbombe explodiert

Glücklicherweise hat das Atlantis in der Nacht des Feuers, an einem Montag, nicht geöffnet und auch im darüber gelegenen Lager der Firma Mettler arbeitet niemand. Aber die vielen Pappkartons befeuern den Brand zusätzlich. An dem Einsatz beteiligen sich die freiwilligen Feuerwehren aller fünf Ortsteile. Die ganze Nacht bis um fünf Uhr morgens dauern die Löscharbeiten, doch damit ist der Einsatz noch nicht beendet. »Immer wieder sind an verschiedenen Stellen kleine Brände entflammt«, sagt der Troher. Die Feuerwehrleute wechseln sich noch drei weitere Tage lang in Schichten ab. Die Dorfbewohner bringen ihnen kalte Getränke, Kaffee und Fleischwurst.

Am Ende bleibt ein völlig zerstörtes Gebäude. Der Sachschaden wird auf sechs Millionen D-Mark geschätzt. Doch wie ist das Feuer ausgebrochen? Durch eine Benzinbombe, sagt das Landesdkriminalamt. Der oder die Täter sowie das Motiv sind bis heute unklar. Gerüchte über einen Versicherungsbetrug bestätigte die Polizei nicht.

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