14. Januar 2018, 19:02 Uhr

»Die längsten fünf Tage im Leben«

14. Januar 2018, 19:02 Uhr
Diana Müll (l.) und Christel Gontrum inmitten von rund 400 Gästen. (Foto: rge)

Der eine oder andere Schauder dürfte den Gästen des Neujahrsempfangs des Bezirkslandfrauenvereins Gießen am Samstagmorgen in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg über den Rücken gelaufen sein. Ihre schrecklichen Erfahrungen in den Händen von Terroristen im Oktober 1977 in der entführten Lufthansa-Maschine »Landshut« ließ die damals 19-jährige Diana Müll aus Staufenberg-Daubringen noch einmal in ihrem Vortrag lebendig werden. Die veränderten nicht nur ihr Leben. In einer Zeit, in der der Terrorismus allgegenwärtig sein kann, war dies aktueller denn je.

Bezirkslandfrauen-Vorsitzende Christel Gontrum hieß neben Diana Müll und zahlreichen Ehrengästen die beiden Tänzer vom »Balletto Gemelli de Filippis« willkommen: Der Auftritt von Giuseppe und Michele de Filippis aus Dutenhofen wurde von den rund 400 Frauen mit Interesse verfolgt. Die Bedeutung des Wortes »Ehrenamt« stand im Mittelpunkt der folgenden Rede von Gontrum. Das ehrenamtliche Engagement sei ein entscheidendes Element der Gesellschaft. Wichtig und wertvoll sei es, um etwas zu Bewegen und Visionen zu verwirklichen. Mehr engagierte junge Menschen wünschte sie sich allerdings, vor allem in der Vorstandsarbeit bei den Landfrauen. Freude und Weiterentwicklung für die eigene Persönlichkeit sowie Zufriedenheit seien das Ergebnis dieser aktiven Mitarbeit. Diesmal hatten die Landfrauen aus Lahntal/Heuchelheim für das leckere Frühstücksbuffet gesorgt; ihnen wurde gedankt.

»Das Leben ist nicht nur Spaß. Keiner von uns kann sich die Situation von damals vorstellen«, kündigte Gontrum Diana Mülls Vortrag an. Dass einer ihrer Befreier mit dem GSG9-Mann und Gründer Ulrich Wegener dieser Tage verstorben ist, bewegte die ehemalige Geisel. Die Leiden der Opfer, ihrer Angehörigen und das Leben der letzten noch lebenden Terroristin bewegt sie bis heute. Eine Begegnung als Zeugin mit der in Oslo lebenden Frau (für ein Interview nimmt sie 15 000 Euro) vor einigen Jahren verstörte sie noch einmal, vor allem weil keine Einsicht in die Tat von ihr zu beobachten war. In Fotos aus Medien und Archiven zeigte sie den Verlauf der Tat, der das Ende eines unbeschwerten Mallorca-Urlaubs überschattete. Danach schlummerten ihre Notizen über die wohl längsten und schrecklichsten fünf Tage in ihrem damals noch jungen Leben in ihrem Schreibtisch, bis sie mit der Autorin Christine Bode daraus ein Buch unter dem Titel »Mogadischu – die Entführung der »Landshut« und meine dramatische Befreiung« jüngst veröffentlichte.

Die Hölle sei es gewesen, als die 90 Passagiere in Todesangst stundenlang regungslos in dem Flugzeug sitzen mussten. Bis zu 60 Grad heiß war es unter der Wüstensonne in der Maschine. »Wir hatten das Gefühl, langsam gekocht zu werden«, sagte Diana Müll. Ankündigungen von Exekutionen gehörten zum Ritual der Terroristen. Auch Diana Müll wurde bedroht – sie erhielt die Nummer 1 zur Erschießung. Ihr wurden gegen den Kopf geschlagen, in den Bauch gedrehten, die Pistole an den Kopf gesetzt. »Ich schaute ihm nicht in das Gesicht, schaute nach draußen und dachte an meine Familie in meinem vielleicht letzten Augenblick.« Die Geschichte verlief für Diana Müll und die anderen Passagiere anders, Opfer wurde der Pilot Jürgen Schumann. Die Befreiung durch die GSG 9 und Heimkehr waren glückliche Überlebensmomente, die Geschichte schrieben und bei den Landfrauen am Ende nachdenklichen Applaus auslösten. Als Opfer fühlte Diana Müll sich allerdings ebenfalls, denn um die Anerkennung einer Opferrente kämpft sie bis heute in Deutschland.

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