07. März 2019, 22:17 Uhr

Die Spur des Heinrich Engel

Polizeimeister Heinrich Engel – der Ruf des brutalen Großen-Lindeners hallt bis in die Gegenwart nach. In der Nazi-Zeit erschoss er bei Lang-Göns drei US-Soldaten auf offener Straße, drangsalierte die Zwangsarbeiter. Nicht nur von ihm, sondern auch den Mitläufern handelt das neue Buch von Werner Reusch.
07. März 2019, 22:17 Uhr
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Von Patrick Dehnhardt

Sein Name ist im Hüttenberger Land fest mit den Gräueltaten der Nazi-Zeit verbunden: Polizeimeister Heinrich Engel. Er drangsalierte die Zwangsarbeiter, aber auch Einheimische, erschoss zudem drei gefangene US-Soldaten am Ortsrand von Lang-Göns auf offener Straße.

Die Geschichte des brutalen Polizeimeisters aus Großen-Linden berichtete die »Gießener Allgemeine Zeitung« im November. Werner Reusch hat sie recherchiert, mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen, die Informationen aus US-Archiven zusammengetragen. Nach dem Zeitungsbericht meldeten sich weit über 20 weitere Zeitzeugen aus Mittelhessen bei Reusch, die ihm weitere Taten des Polizeimeisters berichteten.

Eine Frau erinnerte sich, dass Engel sie als kleines Kind mitnehmen wollte. Ihr Opa schritt jedoch sofort ein: »Was willst du mit ihr?« Er befürchtete, dass er sie genauso wie einen polnischen Zwangsarbeiter erschießen oder quälen würde.

»Die Landwirte waren auf die Zwangsarbeiter angewiesen«, erklärt Reusch. »Die Männer waren ja im Krieg.« Doch während einige Landwirte die Kriegsgefangenen respektvoll behandelten, beuteten andere sie brutal aus – mit Unterstützung von Engel. Mehrfach hat er Zwangsarbeiter in Kellern eingesperrt, dort gequält und misshandelt. Wenn er erfuhr, dass jemand zu den Gefangenen gut war, strafte er ihn ab.

Aufforderung zum Mord

Engel war nicht allein. Er hatte Unterstützer. Deutlich wird dies am 2. März 1945, als ein US-Bomber über dem Hüttenberger Land abstürzt. Ein Soldat landet mit dem Fallschirm am Flughafen, wird dort von deutschen Soldaten gefangen genommen. Sie wollen auch die beiden Amerikaner stellen, die nahe Lang-Göns gelandet sind. Doch als sie hier mit dem Motorrad ankommen, hat sich bereits eine Menschenmenge versammelt, darunter auch Polizeimeister Heinrich Engel, der sich selbst für zuständig erklärt.

Panzeroffizier Ludwig Müller schlägt die gefangenen US-Soldaten, holt einen vom Motorrad herunter, mit dem dieser weggebracht werden sollte. Otto Pflüger fordert gar aus der Menge heraus, kurzen Prozess zu machen und die Soldaten sofort zu erschießen – was Polizeimeister Engel dann auch tut. Ein Kriegsverbrechen.

Die US-Streitkräfte ermitteln später den Ablauf der Tat genau. Während sie Engel den befreiten Zwangsarbeitern überlassen, die ihn lynchen, ermitteln sie immer mehr Personen, die mit der Tat zu tun hatten. So hatte etwa Bürgermeister August-Albert Weil im Auftrag von Engel angeordnet, die Leichname zum Friedhof zu transportieren und dort zu beerdigen. Er wurde zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Bis 25. Januar 1948 saß er im Gefängnis Landsberg. Auch die Lang-Gönser, welche die Toten transportiert haben, werden kurzzeitig verhaftet. Dr. Speck aus Großen-Linden hatte Engel Blanko-Totenscheine für die US-Soldaten ausgestellt. Für ein halbes Jahr erteilen ihm die Amerikaner Berufsverbot.

Insgesamt acht Lang-Gönser werden verhaftet und nach Butzbach gebracht, darunter auch Pflüger und Müller. Einer begeht in Butzbach Selbstmord, der Rest wird nach Dachau gebracht und vor Gericht gestellt. In Haft stirbt ein weiterer an Krankheit, 1950 kommt der letzte frei.

Reusch hatte die Zeitzeugenberichte rund um Engel und das Kriegsverbrechen zunächst in die zweite Auflage des Buch »Flugplatz Kirch-Göns, Ayerskaserne und Magnapark« einfließen lassen – einer der Amerikaner war nach dem Absturz seines Bombers nahe des Flugplatzes mit dem Fallschirm gelandet. Da jedoch viele bereits die erste Auflage besaßen, baten sie ihn, diese Ergänzung separat zu veröffentlichen. Herausgekommen ist ein Buch mit 115 Seiten Umfang. 170 Bilder sind darauf zu finden.

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Mit einem Vortrag am Freitag, 15. März, im Bürgerhaus Lang-Göns unter dem Titel »Das Kriegsende in Langgöns im März 1945«, will er diesen zweiten Band nun vorstellen. Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt frei. Weitere Themen des Abends werden die Bombardierung der Bismarckstraße am 22. Februar 1945 sowie die Berichte von Zeitzeugen aus 1944 und 1945 sein. Das Buch ist zudem erhältlich bei Werner Reusch unter 0 64 47/63 37 oder werner.reusch@web.de.



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