22. Juli 2017, 05:10 Uhr

Kinokritik

Die Kinokritik: Die Geschichte der Liebe

Unser Kinokritiker Sascha Jouini hat den Film gesehen – und findet ihn intensiv und gefühlvoll. Nicht sofort offenbaren sich alle Zusammenhänge.
22. Juli 2017, 05:10 Uhr
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Aus der Redaktion

Die vage Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Alma (Gemma Arterton) gibt Leo (Mark Rendall) Kraft, die Strapazen im Zweiten Weltkrieg durchzustehen. Die beiden schwören sich ewige Liebe, ehe die hübsche Frau aus Polen nach New York flieht. Anziehend findet sie an ihm besonders sein schriftstellerisches Talent; er verspricht ihr, mit jedem Brief ein Kapitel seines autobiografisch gefärbten Romans zu schicken. Leo schafft es tatsächlich, Geld zu sparen für die Emigration in die Vereinigten Staaten und seiner Geliebten nachzukommen – allerdings viel später als gedacht.

Auf den ersten Blick ganz anders ist die 15-jährige Alma (Sophie Nélisse), deren Mutter 2006 »Die Geschichte der Liebe« ins Englische übersetzen soll. Sie wirkt nüchtern und frühreif, fast ein wenig altklug. Bevorzugt möchte die Jugendliche mit ihrem Kameraden Misha (Alex Ozerov) befreundet sein, an echte Liebe glaubt sie nicht. Doch stellt sich später heraus, dass sie wie ihre Namensvetterin zum Idealisieren neigt; an Misha fasziniert sie gerade das harte Schicksal seiner russischen Vorfahren, das ihn von der breiten Masse abhebt.

Traute Zweisamkeit durchbrochen

Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Nicole Krauss, gelingt dem rumänisch-französischen Regisseur Radu Mihaileanu ein ausgefeiltes, in hohem Maße gefühlsbetontes Drama. Um den mit hervorragenden Schauspielern aufwartenden Film in vollen Zügen genießen zu können, setzt dies voraus, sich auf den romantischen Stil einzulassen. Interessant scheint indes gerade, wie die traute Zweisamkeit durchbrochen wird, Enttäuschung und Verrat an der Freundschaft die Harmonie stören. Das Kriegsgrauen wird dabei nur am Rande berührt, vielmehr dominiert die zwischenmenschliche Ebene. Im Mittelpunkt steht der gealterte Leo (Derek Jacobi), der sein seelisches Leid auf ungewöhnliche Weise zu bewältigen versucht und als Opfer des Holocaust mit seiner jüdischen Identität konfrontiert wird.

Virtuos schlägt Mihaileanu den Bogen zwischen der Romanze in den 1930er Jahren, der Nachkriegszeit und Gegenwart; die Erzählstränge sind raffiniert miteinander verwoben. Der Film erweist sich als streng konstruiert. Mehr und mehr wird deutlich, dass alles mit allem zusammenhängt. Viele Szenen sind symbolisch aufgeladen. Nur stellenweise treibt es der Regisseur mit dem Bedeutungsschweren zu weit. So mutet die Besessenheit des kleinen Bruders der jungen Alma unnatürlich an: Er ist davon überzeugt, von Gott auserwählt zu sein, und prophezeit die Sintflut – ein aufgesetztes Element, das dem Ganzen eine religiöse Dimension verleihen soll.

Intensive Momente

Dafür gefallen viele andere inszenatorische Details. Im Vorspann etwa nähert sich die Kamera aus der Vogelperspektive dem Ort des Geschehens. Sich in Luft auflösende Häuser offenbaren die verheerenden Kriegsfolgen. Schließlich erreicht das Kameraauge den Baum, an dem sich Alma und Leo küssen. Diesen intensiven Moment greift der Regisseur im weiteren Verlauf geschickt wieder auf.



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