23. Februar 2018, 18:56 Uhr

Die Kinokritik

Die Grundschullehrerin

Dieser Film dürfte vor allem Lehrern gefallen – aber nicht nur. Unser Kinokritiker Sascha Jouini bewertet ihn auch positiv.
23. Februar 2018, 18:56 Uhr

Florence (Sara Forestier) ist eine vorbildliche Lehrerin. Wie hingebungsvoll sie sich ihren Schülern widmet, zeigt sich schon zu Beginn beim Förderunterricht. Obwohl die kleine Tara enorme Selbstzweifel hat und sich den Sprung auf die weiterführende Schule kaum zutraut, gibt Florence nicht auf, ihr bei der Überwindung der Leseschwäche zu helfen.

Regisseurin Hélène Angel vermittelt in diesem sehenswerten Film ein differenziertes Porträt des Lernortes. Da gibt es in der fünften Klasse der Anfangdreißigerin schüchterne und strebsame ebenso wie aufmüpfige Kinder. Mit beinahe unerschütterlichem Idealismus sieht Florence die Bildungsrichtung als Weg zur Freiheit und Selbständigkeit. Dabei kann auch sie vom Mut und kämpferischen Geist ihrer Eleven lernen.

Deutlich wird aber auch, dass Schule keine heile Welt ist. Als die Protagonistin von Kollegin Marlène den verhaltensauffälligen Jungen Sacha (Ghillas Bendjoudi) übernimmt, wird sie mit massiven Problemen konfrontiert. Von der Mutter vernachlässigt, ist er auf sich gestellt und hält seine Wut mitunter kaum im Zaum. Der Direktor will das Jugendamt einschalten. Einziger Hoffnungsschimmer: Mathieu (Vincent Elbaz), Ex-Freund der Mutter, kümmert sich zeitweise um das Kind.

Trotz aller Schwierigkeiten gelingt es Florence meist, für sozialen Zusammenhalt zu sorgen. Großen Wert legt sie in ihrem Unterricht auf Anschaulichkeit, so bringt sie den Schülern etwa durch ein Theaterprojekt antike Mythen nahe. Von ihrer Erfahrung profitieren kann Referendarin Laure (Lucie Desclozeaux), die sich pädagogisches Geschick und Pragmatismus erst aneignen muss.

Gekonnt spitzt Angel in dem Drama diverse Aspekte zu. Kaum verwunderlich etwa, dass es Florence schwer fällt, nach der Arbeit abzuschalten, liegt ihre Wohnung doch mitten im Schulgebäude. Überdies zählt zu ihren Schülern ihr einziger Sohn Denis (Albert Cousi). Der wünscht sich mehr Aufmerksamkeit und träumt davon, mit seinem Vater ein Jahr in Indonesien zu verbringen. Diese Diskrepanz zwischen der Sensibilität den anderen Schülern gegenüber und der Überforderung mit dem eigenen Sohn, den sie allein erzieht, macht die Geschichte besonders interessant und den Film sehenswert.

Der raffiniert inszenierte Film fesselt bis zur letzten Minute. Aus dem vorzüglich aufeinander eingespielten Ensemble ragt Hauptdarstellerin Sara Forestier heraus. Virtuos verkörpert sie die engagierte Lehrerin, die ihre Aufmerksamkeit zu bündeln vermag und individuell auf die Schüler eingeht.

Die Kernbotschaft ist denkbar schlicht, gleichwohl wichtig: Lehrer sollte man nicht aus Verlegenheit werden, vielmehr gehört dazu in hohem Maße Überzeugung und Begeisterungsfähigkeit. Als Autoritätsperson gegenüber voller Energie steckenden Kindern aufzutreten, kostet bezeichnenderweise nicht nur die Referendarin Überwindung – auch Florence hat zuweilen mit Versagensängsten zu ringen. Darin dürfte sich mancher Pädagoge wiederfinden.

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