25. März 2019, 10:00 Uhr

Von oben

Die Autobahn ist für Steinbach Fluch und Segen

Früher war Steinbach ein Bauerndorf wie viele andere. Dann kam die Autobahn und mit ihr »die Welt« in den Ort. Bis heute ist die Lage an der A 5 Fluch und Segen zugleich.
25. März 2019, 10:00 Uhr
Steinbach floriert, nicht zuletzt dank der verkehrsgünstigen Lage an der A 5. (Foto: Henß)

Sie ist auf dem Foto »von oben« nicht zu übersehen und an vielen Stellen im Ort kaum zu überhören: die Autobahn. Ihr Bau war prägend für die Geschichte Steinbachs.

Der Lokalhistoriker Hanno Müller hat die Bedeutung der Straße im dritten Band seiner »Stoabach froijer«-Reihe treffend beschrieben: Vor ihrer Eröffnung im Oktober 1937 war Steinbach eines von 83 mehr oder weniger großen Dörfern gleichen Namens.

Spaziergang auf der Autobahn

Danach war es einzigartig: »Steinbach an der Autobahn.« Die Leute waren stolz darauf, so stolz, dass sie im Sonntagsstaat auf der damals noch leeren Fahrbahn spazieren gingen, wie alte Fotos beweisen.

Wer mit dem Auto nach Gießen wollte, kam an Steinbach nicht vorbei. Das brachte Leben ins Dorf und vor allem ins Gasthaus »Zum Einhorn«.

Hier trifft sich die Welt

»Hier traf sich die Welt«, erzählt Edith Engel, die Tochter der legendären Wirtsleute Anna und Otto Hahn. »Mittags kamen oft zehn Busse.« Und deren Passagiere wollten dann alle verpflegt werden.

Doch Autobahn hin oder her: Seine bäuerliche Prägung sollte das Dorf auch nach der Eröffnung der Anschlussstelle noch eine ganze Weile behalten. Vor allem an diese Tradition haben die Steinbacher angeknüpft, als sie vor bald drei Jahren ihre 875-Jahr-Feier begingen.

Einen ganzen Sonntag lang zeigten sie, wie ihre Vorfahren auf dem Feld geschafft haben. Über viele Jahrhunderte hinweg bildete die Landwirtschaft die Lebensgrundlage der meisten Familien. Nicht zuletzt Milchvieh spielte eine große Rolle, wie Kurt Klingelhöfer beim großen Dorffest erzählte.

100 Milchlieferanten

Viele Einwohner hielten hinten im Hof ein paar Kühe oder Ziegen. Anfang der 1930-er Jahre soll es im  Dorf über 100 Milchlieferanten gegeben haben.

Man vermutet, dass Steinbach zur Zeit der Klostergründung auf dem Schiffenberg entstanden ist, also um 1129. So genau weiß man das aber nicht. Die erste urkundliche Erwähnung datiert von 1141.

Die Jahrhunderte danach liegen weitgehend im Dunkeln. Man weiß, dass die Pest im Jahr 1635 etwa ein Drittel der Bewohner hinwegraffte. Man weiß, dass eine Brand Mitte des 19. Jahrhunderts weite Teile des Straßendorfs in Schutt und Asche legte.

Verheerendes Feuer

An einem heißen Sommertag des Jahres 1842, als die meisten Bewohner auf dem Feld mit der Heuernte beschäftigt waren, brach mitten im Ort ein Feuer aus. 48 Scheunen und 25 Häuser brannten nieder, 32 weitere Gebäude wurden stark beschädigt. Nur rund um das alte Rathaus findet man heute noch Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Von dieser Zeitenwende gibt es keine Bilder. Von der nächsten schon. Eine Foto, entstanden am 29. März 1945 in Steinbach, ging um die Welt. Es zeigt Fahrzeuge der 6. US-Panzerdivision, die auf der Autobahn nach Norden Richtung Front rollen.

Auf dem Mittelstreifen marschieren deutsche Kriegsgefangene nach Süden, den großen Gefangenenlagern entgegen. Sechs Wochen vor der offiziellen Kapitulation ist für die Steinbacher der Zweite Weltkrieg zu Ende.

Unfälle und Lärm

Die Autobahn bedeutet für Steinbach seit jeher Fluch und Segen. Bei Hanno Müller ist nachzulesen, wie nach dem Krieg die Gastronomie florierte.

Neben dem »Einhorn« profitierten auch das Café Damasky, der Hessische Hof und der Imbissbetrieb Denk/Niedermeier von der guten Verkehrsanbindung.

Doch als der Verkehr immer dichter wurde, lernte Steinbach dessen Schattenseiten kennen. In der abschüssigen und kurvenreichen Ortsdurchfahrt kam es immer wieder zu schweren und auch tödlichen Unfällen.

Die Lage entspannte sich erst 1982 mit dem Bau der Umgehungsstraße. Seither fährt »die Welt« an Steinbach vorbei. Aber sie blieb in Hörweite.

Bürgerinitiative macht mobil

Als die A 5 im Jahr 2007 einen neuen Belag bekam, der die Fahrgeräusche verstärkte, machten die Anlieger mobil. Die Bürgerinitiative gegen den Autobahnlärm machte sich für umfangreiche Schallschutzmaßnahmen stark.

Doch nach wie vor ist die gute Verkehrsanbindung ein Pfund. Dass die Auto-Expo Steinbach als Standort auserkor, ist der Autobahn zu verdanken.

Dass der mit 2974 Einwohnern größte Ortsteil Fernwalds in absehbarer Zeit wohl die 3000-er Marke knacken wird, ebenfalls. Zwischen Fernwaldhalle und Gewerbegebiet entsteht ein für eine ländliche Gemeinde eher ungewöhnliches Wohnquartier: die Steinbacher Gärten mit 50 Wohnungen und fast ebenso vielen Reihenhäusern.

Derart verdichtet baut man sonst eher in Frankfurt. Allerdings kosten Immobilien in der Mainmetropole ungefähr das Vierfache. Der Bauträger wirbt für die Steinbacher Gärten mit der verkehrsgünstigen Lage: 45 Minuten bis zur Zeil. Das könnte man schaffen. Aber nur, wenn die Autobahn so leer wäre wie damals vor 80 Jahren, als die Steinbacher auf ihr spazieren gingen.

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