06. November 2018, 13:00 Uhr

Schulabgänger

Deshalb gibt es im Kreis Gießen so viele Abiturienten

44,2 Prozent der Schulabgänger im Kreis Gießen sind Abiturienten – fast zehn Prozent mehr als im Bundesschnitt. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille.
06. November 2018, 13:00 Uhr
Es werden immer mehr: Abiturienten bei der schriftlichen Prüfung. (Archiv-Foto: Weigel/dpa)

Mama Abitur, Papa Abitur, Kind Abitur. So geht eine alte Lehrerregel. Und die war noch nie so zutreffend wie heute. Denn fast zwei Drittel aller Kinder, die auf einem Gymnasium sind, kommen aus Haushalten, in denen mindestens ein Elternteil Abi oder Fachhochschulreife hat, sagt das Statistische Bundesamt.

Der Trend zum Abitur hat deutschlandweit einen neuen Höchstwert erreicht: 34,7 Prozent der Schulabgänger hatte zuletzt das Reifezeugnis in der Tasche. Im Kreis Gießen sind es gar 44,2 Prozent Abiturienten – fast zehn Prozent mehr als im Bundesschnitt. Der Kreis Gießen liegt damit auf Platz 48 unter den 403 ausgewerteten Städten, Kreisen und Stadtstaaten.

Doch woher kommt das? Siehe oben: Es hat wohl schlicht damit zu tun, das in der Universitätsstadt Gießen und im Raum drumherum überdurchschnittlich viele Akademiker zu finden sind.

 

Viele verpassen die Ausbildungsreife

Jahrelang galt die Abiturientenquote als das Maß aller Bildungsdinge. Insbesondere bei der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auf dem Bildungssektor ist die vor allem durch die PISA-Studie bekannt. Seit dem Bildungsbericht 2017 lobt sie auch das deutsche duale System. Und in der weltweiten Bildungshierarchie ist der Meisterbrief inzwischen sogar etwas besser als das Abitur, weil er dem Bachelor gleichgestellt ist. Karriere mit Lehre kann auch finanziell funktionieren, wie Betriebswirtschaftler errechnen können. Erstens, weil Abitur nicht zwingend eine Lehre ausschließt. Zweitens, weil Handwerk bekanntlich goldenen Boden hat. Sagt das Handwerk ja gerne selber und bestätigt die OECD für Deutschland beim Einkommensvergleich. Und drittens, weil der Handwerker von heute auch beispielsweise der Manager von morgen werden kann. Schuster, bleib bei deinen Leisten, gilt also nicht mehr.

Es gibt aber auch die Kehrseite der Medaille, und die birgt durchaus sozialen Sprengstoff: die Abgehängten. Deutschlandweit ist der Anteil der Abschlusslosen zum dritten Mal in Folge wieder leicht gestiegen: zuletzt von 5,6 auf 5,7 Prozent. Allerdings ist diese Zahl mit Vorsicht zu genießen, weil die Statistiker da zwei Gruppen mixen, die nicht in einen Topf gehören: Etwa gut die Hälfte der Schulabgänger ohne Abschluss konnte gar keinen Abschluss machen, denn sie besuchten eine Förderschule. Viele von ihnen eine mit dem Schwerpunkten Lernen oder Geistige Entwicklung, und da wird meist gar kein Hauptschulabschluss angeboten.

Aber selbst wenn alle Förderschüler, sprich bundesweit rund die Hälfte, abgezogen werden, verpasst eine hohe Zahl Jugendlicher die nötige Ausbildungsreife.

 

Heißes Eisen von morgen

Im Kreis Gießen entwickelten sich die beiden Gruppen junger Menschen so: 2008 blieben 6,6 Prozent ohne Abschluss, 2013 waren es 3,7 und aktuell sind es 5,4 Prozent. Dagegen machten im Sommer 2016 im Kreis Gießen rund 44,2 Prozent der Schüler Abitur, und damit weniger als im Vorjahr mit 46,6 Prozent. Zum Vergleich der Landesschnitt: 37,3 Prozent. Im Jahr 2008 erreichten nur knapp 30 Prozent aller Schulabgänger den begehrten Abschluss.

Für die Bildungspolitik heißt das: Die Abiturientenquote zu steigern, ist nur die halbe Miete. Die Zahl der Abgehängten zu senken, ist genauso wichtig. Denn Mama kriminell, Papa kriminell, Kind kriminell – das ist auch eine Gleichung, die viel zu oft aufgeht. Im Wissenschaftsdeutsch: »Betrachtet man den Einfluss der Bildungsvariablen auf kriminelle Verhaltensweisen, so zeigt sich, dass der Abbruch einer Ausbildung, ein fehlender Hauptschulabschluss sowie der Besuch der Hauptschule an sich eine signifikante, meist hochsignifikante Rolle bei der Erklärung kriminellen Verhaltens spielen. Um kriminellem Verhalten wirksam vorzubeugen, ist es daher von entscheidender Bedeutung, Jugendlichen Bildungschancen und die Aussicht auf ein selbstbestimmtes und glückliches Leben in Beruf und Gesellschaft zu eröffnen«. Das stand so 2010 in der Bertelsmann-Studie »Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität« zu lesen. Samt den Millionenbeträgen, die zusätzliche Kriminelle kosten.

Bei den derzeitigen Quoten aber immer noch kein Schnee von gestern, sondern mangels politischen Erfolgs das heiße Eisen von morgen.

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